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Schaden und Unfall

Betriebsunterbrechungen sorgen für Schäden in Milliardenhöhe

Gewerbe- und Industrieversicherungen sind für Firmen essenziell. Nicht nur wegen der Sachschäden, die Feuer oder Unwetter anrichten können. Oft wiegen die daraus resultierenden Betriebsausfälle viel schwerer. Prävention gewinnt daher an Bedeutung.

© Christian Kruppa / GDV
Karsten Röbisch
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© Matthias Groeneveld / Pexels

Die Freude über den frisch renovierten „Badischen Hof“ währte kurz. Nur wenige Wochen nachdem das Luxushotel in Baden-Baden nach monatelanger Sanierung wiedereröffnet wurde, ging es Anfang September 2021 in Flammen auf. Ein Ex-Mitarbeiter steht im Verdacht, den Brand gelegt zu haben. Der Sachschaden beträgt nach Schätzungen der Staatsanwaltschaft rund 50 Millionen Euro. Dazu kommen 20 Millionen Euro Einnahmenausfälle, weil der Geschäftsbetrieb ruht.

Das Feuer im ältesten Palasthotels Deutschlands ist für den Betreiber ein schwerer Schlag. Zumindest wirtschaftlich halten sich die Folgen jedoch in Grenzen. Neben dem Schaden am Hotel selbst übernimmt der Versicherer auch die Umsatzeinbußen. Denn der Betreiber hatte eine sogenannte Betriebsunterbrechungsversicherung abgeschlossen. Solche Policen decken Einnahmeausfälle ab und übernehmen die laufenden Kosten, sollte der Geschäftsbetrieb aufgrund eines Feuers stillstehen. Je nach Umfang des vereinbarten Versicherungsschutzes können auch Betriebsunterbrechungen infolge eines Einbruchs, eines Sturms oder einer anderen Naturgefahr wie beispielsweise einem Hochwasser abgesichert sein.  

„Betriebsunterbrechungen verursachen häufig höhere Kosten als die Schäden am Gebäude oder Inventar selbst.“
Peter Meier, Vorsitzender des Ausschusses Gewerbe-/Industriekunden im GDV

Für Unternehmen reichen die wirtschaftlichen Folgen solcher Katastrophen oft über den Sachschaden hinaus. „Betriebsunterbrechungen verursachen häufig höhere Kosten als die Schäden am Gebäude oder Inventar selbst“, betont Peter Meier, Vorsitzender des Ausschusses Gewerbe-/Industriekunden im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Das liegt unter anderem daran, dass es mitunter mehrere Monate dauert, eine eingestürzte Halle oder ein abgebranntes Haus wieder aufzubauen oder Maschinen und Anlagen zu reparieren. Währenddessen müssen Unternehmen ihre laufenden Kosten decken, auch wenn die Produktion stillsteht. So kommen schnell hohe Summen zusammen. „Die Dynamik ist nicht zu unterschätzen“, sagt Meier. 

Zum Vergleich: Für die zehn größten Einzelschäden des Jahres 2021 brachten die Industrieversicherer insgesamt 870 Millionen Euro auf. Davon entfiel nur etwas mehr als die Hälfte (55 Prozent) auf Sachschäden. Den Rest machten entgangene Erlöse aus, weil die betroffenen Firmen ihre Kunden nicht beliefern konnten oder – wie beim „Badischen Hof“ – Hotelgäste fernblieben. In einem Fall – dem Brand einer Produktions- und Lagerhalle in einem metallverarbeitenden Betrieb – gingen gar 60 Prozent des Gesamtschadens von 200 Millionen Euro auf solche Folgekosten zurück. 

„Viele Unternehmen haben das Risiko noch nicht so auf dem Radar“

Trotz dieser Dimensionen ist das Bewusstsein für die wirtschaftlichen Folgen eines Betriebsausfalls bei Industrie und Handwerk noch nicht besonders ausgeprägt: „Viele Unternehmen haben das Risiko noch nicht so auf dem Radar“, sagt Meier. Vor allem kleinere Firmen würden sich selten gegen einen Betriebsausfall wappnen. „Dabei gehört eine Betriebsunterbrechungsversicherung zu einem guten Risikomanagement dazu“, wie Meier betont. 

Und sie wäre aus Sicht des Versicherungsmanagers auch für alle Industriezweige sinnvoll. „Zwar sind bestimmte Branchen besonders brandgefährdet, etwa die chemische, die metallverarbeitende und die Lebensmittelindustrie“, sagt Meier, der im Vorstand der Nürnberger Versicherung sitzt. „Aber gerade bei Großschäden liegt die Ursache häufig in der Verkettung zahlreicher, oft atypischer Faktoren. Großschäden lassen sich daher nicht auf einzelne Branchen oder Gegebenheiten eingrenzen.“ 

Kleiner Schaden, verheerende Wirkung

Ohnehin lässt sich ein Großschaden nicht immer nur am finanziellen Wert festmachen. Für einen Gewerbebetrieb ist es mitunter schon verhängnisvoll, wenn nur eine einzelne Maschine, eine einzelne Werkhalle oder ein einzelner Produktionsstandort ausfällt, an dem der gesamte Umsatz hängt. 

Das zeigte sich beispielsweise auch nach der verheerenden Juli-Flut 2021, die insbesondere in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen große Verwüstungen anrichtete und die auch für die Industrieversicherer zu einer Bewährungsprobe ihrer Leistungsfähigkeit wurde. „Fast die Hälfte des Gesamtschadens von rund 8,5 Milliarden Euro entfiel auf Schäden in Gewerbe und Industrie“, betont Michael Busch, Leiter der GDV-Kommission Sachversicherungen Firmengeschäft. Produktionshallen standen unter Wasser, Maschinen waren zerstört, Gewerbeflächen nicht zugänglich – der Betrieb vieler Unternehmen in der Region stand über Wochen oder gar Monate komplett still. Bei einigen Firmen ist der Geschäftsbetrieb noch heute gestört.  

Mehr Schäden und Inflation treffen die Industrieversicherer

Die Industrieversicherer verzeichneten aber nicht nur wegen der Flut mehr Belastungen. Die höhere Industrieproduktion nach dem Pandemiejahr 2020 tat ihr Übriges dazu. Die Betriebe produzierten am Anschlag, damit nahmen auch die Schäden wieder zu. „Im Langfristvergleich sehen wir, dass die Schadenssummen durch Feuerschäden 2021 überdurchschnittlich ausgefallen sind“, sagt Meier. Hinzu kommt: Material und Handwerker sind aktuell knapp, es gibt ebenso Lieferengpässe bei Maschinen. Der Wiederaufbau dauert damit nicht nur länger als gewohnt, sondern wird aufgrund der Inflation auch noch deutlich teurer. Das alles dürfte auch Auswirkungen auf die Versicherungsprämien haben.

„Allein aus Gründen der Nachhaltigkeit sollten wir jedes Feuer vermeiden.“
Michael Busch, Leiter der Kommission Sachversicherungen Firmengeschäft im GDV

Um Kosten zu senken und Schäden sowie Betriebsausfälle zu verhindern, arbeiten die deutschen Versicherer eng mit ihren Kunden zusammen. Gemeinsam überlegen sie, wie sie Risiken einerseits gut abdecken und andererseits minimieren können. „Allein aus Gründen der Nachhaltigkeit sollten wir jedes Feuer vermeiden“, sagt Busch. Eine brennende Chemieanlage stößt schließlich giftigen Rauch in die Atmosphäre aus. Zudem kann ein Großfeuer die Böden in der Umgebung des Brandortes belasten und sogar das Grundwasser verunreinigen. Somit wird ein Feuerschaden schnell zum potenziellen Umweltrisiko.   

Prävention gewinnt an Bedeutung

Damit es gar nicht erst so weit kommt, fungieren immer mehr Industrieversicherer als Sparringspartner für ihre Kunden beim Thema Prävention. „Im Idealfall binden Unternehmen ihren Versicherer frühzeitig ein, wenn sie ein neues Gebäude oder eine neue Fertigungsanlage planen“, sagt Busch. Gemeinsam können sie beispielsweise über einen geeigneten Brandschutz beraten. „Viele Brände lassen sich verhindern“, sagt Busch.   

Dabei lohnt auch ein Blick aufs Gelände und die Umgebung: Mitunter eignen sich Flächen nicht oder nicht mehr, um dort ein sicheres Werk zu errichten – vor allem mit Blick auf den Hochwasserschutz. Deshalb haben sich beispielsweise auch einige Betriebe an der Ahr nach der Juli-Flut dazu entschieden, ihre zerstörten Hallen nicht wieder an gleicher Stelle aufzubauen – unter anderem auf Anraten ihrer Versicherer. „Wir können nicht ausschließen, dass nochmal ein ähnliches Hochwasser kommt“, sagt Busch.  

Produktionsausfälle infolge unterbrochener Lieferketten lassen sich ebenfalls absichern

Bei sogenannten Extended-Coverage- und All-Risk-Policen umfasst Prävention noch weit mehr als den Brand- oder Hochwasserschutz. Dann geht es auch um die Stabilität von Lieferketten und die Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten. Denn anders als klassische Betriebsunterbrechungsversicherungen decken sie nicht nur Umsatzeinbußen ab, die aus einem eigenen Sachschaden herrühren, sondern auch solche aus anderen, externen Gründen. Das können beispielsweise Produktionsausfälle aufgrund eines Streiks bei einem Zulieferer sein oder Lieferengpässe, weil Schiffe wegen Niedrigwasser nur halbvoll beladen werden können. Selbst politische Risiken wie Enteignungen lassen sich versichern.  

Angesichts zunehmender externer Risiken setzten immer mehr Unternehmen auf den Rundumschutz, weiß Busch. Die Versicherungen seien wegen der komplexen Ausfallrisiken aber entsprechend teuer: „Hier muss das Risikomanagement eines Unternehmens entscheiden, was sich lohnt und was nicht“, betont Busch.   

Der Betreiber des „Badischen Hofs“ muss sich um gestörte Lieferketten derzeit keine Sorgen machen. Die Sanierung des Luxushotels dauert noch eine ganze Weile. Voraussichtliche Wiedereröffnung: 2024. 

Mitarbeit: André Schmidt-Carré

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