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Transport & Logistik

Warendiebstahl: Digitale Betrugsmasche mit realen Folgen

Die Bedrohung durch sogenannte Phantomfrachtführer hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der größten Einzelrisiken für die Transport- und Logistikbranche entwickelt. Mit dem Thema befasste sich jetzt eine GDV-Fachtagung.

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© Unsplash

Digitale Frachtenbörsen, komplexe Lieferketten und steigender Zeitdruck bieten Kriminellen ideale Angriffspunkte. Experten aus Praxis und Versicherung haben jetzt diskutiert, wie Täter vorgehen und wie Unternehmen und Versicherer wirksam gegensteuern können. 

Schäden erreichen neue Dimensionen

Wie ernst das Problem inzwischen ist, zeigen aktuelle Zahlen der Transportversicherer: In den ersten sieben Monaten des Jahres 2025 wurden bereits 88 Fälle von Phantomfrachtführern registriert, genauso viele wie im gesamten Vorjahr. Die durchschnittliche Schadenshöhe stieg von rund 130.000 Euro auf fast 200.000 Euro pro Fall. Rein rechnerisch verschwindet damit alle drei Tage eine komplette Lkw-Ladung in Deutschland. Der Schaden allein aus dieser Betrugsmasche belief sich von Januar bis Juli 2025 auf rund 18 Millionen Euro.

Phantomfrachtführer sind dabei Teil eines größeren Problems: Jährlich werden in Deutschland nach Schätzungen fast 26.000 Lkw-Ladungen gestohlen - statistisch alle 20 Minuten ein Fall. Die direkten Warenschäden summieren sich auf rund 1,3 Milliarden Euro pro Jahr, hinzu kommen weitere 900 Millionen Euro an Folgekosten.

Digitale Betrugsmasche mit realen Folgen

Klaus Baier, der als Sachverständiger von der Unternehmensberatung Desa typische Tatmuster und Schwachstellen in modernen Logistikprozessen analysiert, erläuterte auf der Fachtagung das Vorgehen der Betrüger. Besonders häufig bedienen sich die Täter demnach manipulierter Kontaktdaten und  täuschen die Identität realer Firmen vor. Oft reicht es, die Domain-Endung einer E-Mail-Adresse zu verändern oder gefälschte Versicherungsbestätigungen vorzulegen. Die Betrüger agieren hochprofessionell, arbeitsteilig und zunehmend international vernetzt.

Nach Baiers Erkenntnissen entfallen aktuell rund drei Viertel der Fälle auf Identitätsdiebstahl. Daneben gewinnen aber auch aufwendigere Vorgehensweisen an Bedeutung: Scheinfirmen werden gegründet oder gezielt Speditionen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten übernommen, um sie als Tarnung zu nutzen. Seine zentrale Botschaft an die Branche: Viele Fälle ließen sich verhindern, wenn Geschäftsanbahnungen systematischer geprüft und interne Kontrollmechanismen konsequent umgesetzt würden.

Prävention beginnt im operativen Alltag

Wie das in der Praxis aussehen kann, schilderte Stephan Wnuck vom Logistikdienstleister Dachser. Aus Sicht der Transportunternehmen sei der Kampf gegen Phantomfrachtführer vor allem eine Frage klarer Prozesse und konsequenter Umsetzung.

„Wir vergeben hochwertige, diebstahlgefährdete Transporte nur an vertrauenswürdige, langjährige Service-Partner“, so Wnuck. „Außerdem sollten Frachtenbörsen nur in Ausnahmefällen genutzt werden und es sollte unmittelbar vor der Verladung einen telefonischen Kontakt geben“, nennt er weitere Präventionsbeispiele. Wichtig seien auch gezielte Schulungen für Disponenten und Verladepersonal.  

Zudem müsse die gesamte Lieferkette einbezogen werden – vom Versender über den Spediteur bis zum Empfänger. Nur wenn Informationen konsequent abgeglichen und Zuständigkeiten klar geregelt seien, lasse sich das Risiko wirksam reduzieren.

Auch Versicherungsbedingungen im Blick behalten

Die versicherungsrechtliche Einordnung beleuchtete Michael Karschau, Justitiar und Leiter Recht bei der Allianz Esa GmbH. Er machte deutlich, dass Fälle mit sogenannten Phantomfrachtführern nicht nur operative Schwachstellen offenlegen, sondern auch erhebliche Auswirkungen auf den Versicherungsschutz haben können.

Anhand der unverbindlichen Musterbedingungen zeigte Karschau auf, welche Fragen im Schadenfall regelmäßig im Mittelpunkt stehen: Wurde der Transportauftrag unmittelbar an einen Phantomfrachtführer vergeben? Welche Prüf- und Sorgfaltspflichten treffen den Versicherungsnehmer bei der Auswahl von Frachtführern und Subunternehmern? Und inwieweit wurden vertraglich vereinbarte Obliegenheiten eingehalten oder verletzt?

Aus seiner Sicht ist es entscheidend, präventive Maßnahmen nicht isoliert aus operativer Perspektive zu betrachten, sondern diese stets auch versicherungsrechtlich mitzudenken. Klar definierte Prüfprozesse, dokumentierte Entscheidungswege, nachvollziehbare Checklisten sowie regelmäßig geschulte Mitarbeitende seien zentrale Bausteine, um Risiken zu minimieren und den Versicherungsschutz im Schadenfall nicht zu gefährden.

GDV-Merkblätter mit Präventionsempfehlungen

Karschaus Fazit: Sorgfalt, Transparenz und Dokumentation sind nicht nur wirksame Mittel zur Betrugsprävention, sondern zugleich ein entscheidender Faktor für die versicherungsrechtliche Bewertung im Ernstfall.

Insgesamt machte die GDV-Online-Fachtagung deutlich: Phantomfrachtführer nutzen gezielt die Schwachstellen moderner, digitalisierter Lieferketten aus. Gleichzeitig stehen Verlader und Logistikunternehmen unter enormem Kosten- und Zeitdruck. Genau dieses Spannungsfeld macht die Masche so erfolgreich.

Für Versicherer und Logistikdienstleister bleibt deshalb vor allem eine Erkenntnis: Mehr Sorgfalt bei der Auswahl von Subunternehmern, konsequente Identitätsprüfungen und klar geregelte Prozesse sind die wirksamsten Mittel gegen professionelle Betrüger. 

Vor diesem Hintergrund hat der GDV drei Merkblätter mit Präventionsempfehlungen erstellt, die sich an Mitarbeiter in Management, Logistik und Ladestelle richten.

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