Interessensausgleich zwischen Jung und Alt Link kopieren
Die längere Lebensdauer der Menschen verschärft den Druck auf die sozialen Sicherungssysteme. Nicht nur, dass es immer mehr Ältere gibt, sie beziehen zugleich länger Rente. Lag die durchschnittliche Rentenbezugsdauer der Männer in Westdeutschland 1960 noch bei knapp zehn Jahren, sind es inzwischen mehr als 18 Jahre. Westdeutsche Frauen beziehen mittlerweile gut 21 Jahre Rente – zehn Jahre mehr als zu Beginn der 1960er-Jahre.
Auch die Situation in der Kranken- und Pflegeversicherung spitzt sich zu. Eine Schattenseite der höheren Lebenserwartung ist beispielsweise die deutliche Zunahme typischer Alterserkrankungen wie Demenz oder Diabetes. Das bedeutet: Die Kosten für die Behandlung und Betreuung der Älteren steigen. Die längere Lebenserwartung betrifft aber noch viele weitere Lebensbereiche: von der altersgerechten Gestaltung der Städte bis hin zur Teilhabe an politischen Prozessen.
Mit all diesen Fragen muss sich die Politik auseinandersetzen – und dabei stets die Interessen von Jung und Alt berücksichtigen. Vorschläge wie die Kopplung des Renteneintrittsalters an die Entwicklung der Lebenserwartung sollen helfen, die finanziellen Lasten des demografischen Wandels fair zwischen den Generationen zu verteilen. Vor diesem Schritt schreckt die Politik bislang allerdings zurück.
Die schwarz-rote Bundesregierung setzt mit der geplanten Aktivrente, mit der sie die Weiterarbeit über das Renteneintrittsalter hinaus fördern will, stattdessen auf freiwillige Lösungen. Damit zeigt sich in der Politik zumindest mal schon ein wichtiger Bewusstseinswandel: Nämlich, dass sich das Leistungsvermögen von Menschen nicht an starren Altersgrenzen festmachen lässt – und dass die steigende Zahl von Rentnern nicht (nur) eine Herausforderung, sondern zugleich eine Lösung ist.
Durch eine stärkere Nutzung des Potenzials der Älteren ließen sich die Folgen des demografischen Wandels besser abfedern. Mehr Ruheständler in Ehrenämtern, mehr Frauen und Männer, die über das Renteneintrittsalter hinaus freiwillig länger arbeiten, könnten beispielsweise helfen, den Fachkräftemangel zu lindern. Davon profitieren zum einen die Älteren, die länger sozial eingebunden sind. Aber auch das Land und die Gesellschaft insgesamt.
Um das Interesse für solche Angebote zu erhöhen, braucht es abseits finanzieller Anreize auch ein modernes Altersbild. Dafür kann auch die Politik einiges tun, indem sie von einer defizitorientierten Sichtweise auf das Alter abrückt und stärker die Potenziale dieser Lebensphase sieht. Die Befunde der Wissenschaft sind eindeutig: Nie waren die Älteren körperlich und geistig fitter, nie waren sie aktiver als heute.