Positionen-Magazin
Risiko Ver­sie­ge­lung

Zuge­pflas­tert

Stadt und Land werden asphaltiert. Jeden Tag wird in Deutschland die Fläche von 90 Fußballfeldern zur Bebauung freigegeben. Um der Wohnungsnot zu begegnen, um Platz zu schaffen für Gewerbe und Industrie. Bei Starkregen heißt das: Land unter. Wie Stadtplaner und Versicherer mit dafür sorgen, dass die Fluten besser ablaufen können

Wer mit dem Mauszeiger im Internet bei Google Earth über Berlin fliegt, erlebt eine Zeitreise – in doppelter Hinsicht. Einerseits sind die Satellitenbilder der Straßen, Häuser und Parks da unten meist schon ein paar Monate alt: Manche Ecke sieht inzwischen ganz anders aus. Andererseits erlaubt das Programm einen Blick in die Zukunft. Zum Beispiel im Bezirk Treptow-Köpenick, Ortsteil Adlershof. An der Newton-Straße tauchen unter der Maus seltsam asymmetrische Hausfassaden auf, mit schräg stehenden Strukturen, an denen Grünpflanzen wuchern wie in einer Dschungelstadt. Einige Mauswischer südöstlich lassen an der Köpenicker Straße niedrige Betonmauern in einer Rasenfläche an Kornkreise denken. Und ringsherum wachsen auf erstaunlich vielen Flachdächern Gräser, Sträucher und Blumen.

Wasserwirtschaftler haben ein Zauberwort im Kampf gegen Starkregen: Schwammstadt

Das ist die Zukunft – zumindest, wenn es nach Kay Joswig geht. Der Stratege der Berliner Wasserbetriebe wünscht sich, dass die Hauptstadt bald an viel mehr Stellen so oder so ähnlich aussieht. Denn die grünen Hausdächer und Betonmäuerchen sind ein Teil seiner Antwort auf eine zentrale Herausforderung aller Großstädte: Starkregen.

Das ist der Teil der Zukunft, den die Satellitenbilder auf Google Earth nicht zeigen. Die Städte liegen darauf in ewigem Sonnenschein. Tatsächlich aber entladen sich über ihnen auch als Folge der Erderwärmung immer häufiger Unwetter. Dabei geht es um mehr als sommerliche Wolkenbrüche: Starkregen ist eine Naturgewalt. Binnen kürzester Zeit stürzt derartig viel Wasser vom Himmel, dass Keller und Tiefgaragen volllaufen, Bäche und Flüsse über die Ufer treten und manchmal sogar verheerende Sturzfluten durch die Straßen schießen. Die zunehmende Versiegelung des Untergrunds verschärft das Problem: Statt an Ort und Stelle zu versickern, schießt das Wasser in die Gullys und lässt sie überlaufen. „Damit ist auch die beste Kanalisation überfordert“, sagt Joswig.

Vor zehn Jahren sprach man bei solchen Ereignissen noch von außergewöhnlichen Ausnahmen. Doch das Bild ändert sich. Die Intervalle dazwischen sind zu kurz. Münster 2014, Braunsbach und Simbach 2016, Berlin 2017 – allein diese vier Starkregen der jüngsten Zeit gehören zu den heftigsten, die seit Beginn der Aufzeichnungen über Deutschland niedergingen. Die rasche Aufeinanderfolge und die Millionenschäden machen deutlich: Deutschlands Städte und Dörfer brauchen neue Konzepte im Kampf gegen Starkregen.

Wasserwirtschaftler wie Kay Joswig haben ein Zauberwort dafür: Schwammstadt. Anstatt unter den Regenfluten abzusaufen, sollen die Städte das Wasser speichern wie ein Schwamm und später langsam wieder abgeben. Darum die ummauerten Mulden im Rasen, in denen sich der Regen staut , bis er versickert. Darum die begrünten Dächer, in denen er aufgefangen und zurückgehalten wird und später langsam verdunsten kann.

„Die Idealvorstellung ist die, dass der Regen dort bleibt, wo er auf die Erde trifft“, sagt Joswig. „Das funktioniert natürlich nicht überall. Daher muss man das Wasser aus besonders kritischen Bereichen wie vor U-Bahn-Eingängen oder Umspannwerken wegleiten – und zwar in Bereiche, in denen es weniger Schaden anrichten kann.“ Dafür kommen dem Experten zufolge etwa Parks oder Spielplätze infrage. Manchmal könne es auch ratsam sein, das Wasser mithilfe erhöhter Bordsteine auf einer Straße zu halten. Immer noch besser, als wenn es in einen Keller fließt.

Die alten Strategien funktionieren nicht mehr. Dafür sind die Unwetter zu heftig

Die Schwammstadt ist eine radikale Abkehr von der Strategie, die jahrzehntelang in der Wasserwirtschaft vorherrschte. „Früher hat man versucht, Starkregen so schnell wie möglich über die Kanalisation abzuleiten“, sagt Wolfgang Günthert. Er ist Professor am Institut für Wasserwesen der Universität der Bundeswehr und ein renommierter Experte auf seinem Gebiet. „Heute hat man erkannt, dass das angesichts der Regenmengen, die bei besonders heftigen Unwettern vom Himmel fallen, nur mit gigantischem Aufwand möglich wäre. Wenn überhaupt.“

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür lieferte im Juni dieses Jahres ein Gullydeckel in Essen. Aus ihm schoss nach einem Wolkenbruch eine bis zu 20 Meter hohe Fontäne. Handyvideos davon schafften es in jede Nachrichtensendung und wurden zum Klick-Hit auf YouTube. „So etwas passiert, wenn zu viel Wasser in kurzer Zeit in die Kanalisation eindringt“, erklärten die Stadtwerke.

Wollte man solche Ereignisse allein über einen Ausbau der Kanäle verhindern, müssten in Deutschlands Straßen Zigtausende neue Gullydeckel verlegt und U-Bahn-Tunnel-große Abwasserschächte durch den Untergrund getrieben werden. Ganz abgesehen von den Milliardenkosten wäre das vielerorts schon aufgrund der räumlichen Gegebenheiten unmöglich. Der Platz unter den Städten ist begrenzt.

Günthert sieht zudem noch ein weiteres Problem: Die meiste Zeit über wären diese Kanäle völlig überdimensioniert. Denn auch wenn Häufigkeit und Intensität der Starkregen zunehmen, würden sie wohl nur im Rhythmus mehrerer Jahre oder Jahrzehnte volllaufen, manche vielleicht nie. In den übrigen Zeiten müssten sie mit hohem Kostenaufwand gespült werden, um sie zu reinigen und zu verhindern, dass stinkende Faulgase aufsteigen.

Wenn es aber nicht möglich ist, die Kanalisation auch für den stärksten Starkregen fit zu machen, kommt man an Konzepten wie der Schwammstadt nicht vorbei. Die Idee dahinter ist simpel: Jeder Milliliter, der nicht in einen Gully fließt, entlastet die Kanalisation. Deshalb soll der Regen zunehmend nicht mehr zentral über das Abwassersystem abgeleitet, sondern dezentral dort behandelt werden, wo er auf die Erde fällt – am besten, indem er im Untergrund versickert.

Doch die Städte sind dafür bislang kaum geschaffen. Gerade die Metropolen und Ballungszentren sind in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Auf den erhöhten Siedlungsdruck und steigende Mieten reagieren Stadtplaner mit sogenannter Nachverdichtung: Brachliegende Flächen werden für Wohnhäuser erschlossen, Baulücken nach und nach geschlossen. Deutschland pflastert sich zu – und wertvolle Versickerungsflächen gehen verloren.

Im Umweltbundesamt beobachtet Thomas Abeling diesen Trend mit Sorge. Der Mitarbeiter des Kompetenzzentrums für Klimafolgen und Anpassung verweist auf die offizielle Statistik zur Flächenversiegelung. Ihr zufolge wurden 2016 jeden Tag in Deutschland mehr als 60 Hektar neu zur Bebauung freigegeben. Das entspricht fast 90 Fußballfeldern. Zwar bekennt sich die Bundesregierung in ihrer Nachhaltigkeitsstrategie zu dem Ziel, den Flächenfraß bis 2030 auf unter 30 Hektar pro Tag zu begrenzen. „Die Neuversiegelung in Deutschland ist aber immer noch zu hoch“, sagt Abeling.

Natürlich ist es nicht möglich, inmitten von Metropolen Auwälder oder Moore anzulegen, die Regenwasser speichern könnten. Auch der großflächige Rückbau von Siedlungsflächen ist unrealistisch. Aber schon die begrünten Dächer von Berlin zeigen, dass es auch in einer wachsenden Stadt Wege gibt, der Starkregengefahr mit architektonischen Mitteln zu begegnen. Supermarktparkplätze können mit durchlässigen Rasenkammersteinen ausgelegt werden, statt sie zu asphaltieren. Und unter so mancher Grünfläche lässt sich eine Zisterne anlegen, die bei Bedarf vollläuft.

Zu den Städten, die in dieser Hinsicht als vorbildlich gelten, zählt das hochwassergeplagte Dresden, das Bauherren umfangreiche Maßnahmen zum Gewässermanagement vorschreibt. Auch die 160.000-Einwohner-Stadt Solingen in Nordrhein-Westfalen geht neue Wege. Dort haben die kommunalen Technischen Betriebe jüngst den „Blauen Kompass“ gewonnen, mit dem das Umweltbundesamt innovative Projekte im Umgang mit Klimafolgen auszeichnet. Die Solinger sehen ihr Kanalnetz nicht mehr als einzige Option zur Entwässerung, sondern setzen auf Alternativen: auf die Entsiegelung von Flächen und auf Notwasserwege, über die Regenfluten in unkritische Bereiche abgeleitet werden können.

Für solche Maßnahmen ist es allerdings nötig, erst einmal zu identifizieren, welche Gebiete besonders gefährdet sind. Deshalb gehört zu einer umfassenden Vorsorge aus Sicht des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe auch die Erstellung flächendeckender Gefahrenkarten. „Darauf erkennen Sie genau, welche Wege das Wasser bei einem Starkregen in einer Kommune nimmt und wo es sich sammelt“, erklärt Wolfram Geier, der die Abteilung für Risikomanagement in der Behörde leitet. Auf dieser Basis könnten Stadtplaner und Anwohner dann die nötigen Schritte einleiten.

Versicherungen ersetzen materielle Schäden, aber nicht den Verlust persönlicher Dinge

Auf so manchen Hausbesitzer dürften damit Investitionen zukommen. Zudem kursiert die Befürchtung, dass Immobilien in gefährdeten Bereichen an Wert verlieren könnten. Deswegen auf Gefahrenkarten zu verzichten sei aber abwegig, meint Professor Günthert vom Institut für Wasserwesen der Universität der Bundeswehr: „Es geht darum, Leib und Leben zu schützen. Bei dieser Frage darf man keine Abstriche machen.“

Geier argumentiert genauso. Er sieht bei der Starkregenvorsorge eine Hol- und eine Bringschuld: Die Kommunen seien in der Pflicht, Informationen über Risikozonen bereitzustellen. Die Bürger müssten sich diese Auskünfte aktiv beschaffen, um Vorsorge zu treffen. Dazu zählten sowohl der Abschluss entsprechender Versicherungen als auch bauliche Maßnahmen – etwa die Errichtung eines Betonsockels vor gefährdeten Kellerfenstern.

Auf beiden Feldern hapert es allerdings. Laut Oliver Hauner, Leiter Sachversicherungen beim GDV, sind in Deutschland erst 41 Prozent der Häuser gegen Überflutungen durch Starkregen oder Hochwasser versichert. Über eine gewöhnliche Wohngebäude- oder Hausratspolice sind solche Schäden nicht abgedeckt, nötig ist vielmehr ein erweiterter Naturgefahrenschutz (Elementarschadenversicherung). Gleichzeitig ist es Hauner zufolge nicht ratsam, sich ausschließlich auf die Versicherung zu verlassen. Vorbeugende Maßnahmen am Haus müssten den Versicherungsschutz flankieren. „Eine Versicherung gleicht den Schaden finanziell aus und sichert die Existenz. Sie kann aber persönliche Gegenstände, die das Wasser zerstört hat, nicht wiederbringen.“

Bei Starkregen kommt die Gefahr nicht nur von oben, sondern auch durch den Abfluss Deshalb plädiert er wie die Wasserwirtschaftler dafür, präventiv tätig zu werden und etwa in automatische Rückstausicherungen zu investieren. „Ein infolge von Starkregen überflutetes Haus ist ärgerlich. Richtig schlimm wird es aber, wenn die Kanalisation vollgelaufen ist und Fäkalien durch die Abwasserleitung zurück ins Haus gedrückt werden. Eine automatische Rückstauklappe verhindert das“, sagt Hauner. Bei einem Neubau koste eine solche Sicherung nur wenige Hundert Euro, vorgeschrieben sei sie allerdings nicht überall. Der GDV-Experte sieht darin ein Versäumnis im Baurecht. „Die Landesbauordnungen regeln die Griffsicherheit der Handläufe von Treppen, aber um drängende Themen wie Hochwasser- und Starkregensicherheit machen alle einen Bogen. Das ist weder zeitgemäß noch nachhaltig.“

Dass rechtliche Verpflichtungen durchaus hilfreich sein könnten, beweist aus Sicht von Katastrophenschutzexperte Geier ein Blick in die Niederlande. Das extrem hochwassergefährdete Land, das in weiten Teilen unterhalb des Meeresspiegels liegt, setze schon viel länger auf einen Mix aus Pflichten und Anreizen – mit dem Ergebnis, dass die Kommunen und Privathaushalte besser als in Deutschland vor möglichen Überflutungen geschützt sind.
„Es ist ein psychologisches Phänomen“, sagt Geier. „Wer in einem Risikogebiet lebt, ist sich der Gefahren bewusst. Wer noch nie mit Hochwasser zu tun hatte, ist dagegen viel schwieriger zur Vorsorge zu bewegen.“ Das Problem sei, dass hierzulande viele noch nicht erkannt hätten, dass auch sie in einem Risikogebiet leben.

Text: Volker Kühn

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