Inter­view zu Hoch­was­ser- und Star­kre­gen­prä­ven­tion

„Mit guter Eigen­vor­sorge las­sen sich 80 Pro­zent der Schä­den ver­mei­den“

Hochwasserschutz ist nicht nur Sache der öffentlichen Hand. Auch Hausbesitzer seien gefordert, sagt Gabriele Stich. Im Interview mit GDV.de erklärt die Präventionsexpertin, was man tun kann – und wo die Grenzen der Eigenvorsorge liegen.

Frau Stich, die Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen hat eindrücklich gezeigt, welche Gefahr von Hochwasser und Starkregen ausgeht. Worauf sollten Hausbesitzer achten, die sich nun besser vor solchen Ereignissen schützen wollen?
Gabriele Stich: Der erste Schritt ist zu schauen, ob man selbst betroffen sein könnte. Es gibt von vielen Städten mittlerweile Gefahrenkarten, die zeigen, wie sich ein Flusshochwasser oder Starkregen vor Ort ausbreiten kann und wo sich das Wasser sammelt. So kann man erkennen, ob das eigene Grundstück gefährdet ist.

Und falls ja: Was sollten Hausbesitzer tun, um Schäden zu vermeiden oder zu minimieren?
Stich: Gefahren lauern überall dort, wo Wasser ins Haus eintreten kann: Türen, Fenster, Keller oder auch das Dach. Und für jede Schwachstelle gibt es verschiedene Schutzmaßnahmen. Eine Rückstauklappe verhindert das Eindringen von Wasser über die Kanalisation. Für den Keller oder das Souterrain bieten sich hochwassersichere Fenster und Türen an, letztere gibt es auch für Garagen. Zusätzlich lassen sich Fenster und Türen mit Dammbalken oder Schottsystemen sichern. Das sind zwei Sachen, die sind relativ einfach und kostengünstig. Die Vorsorge betrifft aber auch die Gebäudenutzung. Heizung und Elektro-Kästen sollten nach Möglichkeit nicht im Keller verbaut und das Untergeschoss gefliest sein. In Gebieten, in denen es regelmäßig Überflutungen gibt, ist das eigentlich üblich.

Sie stellen für Hausbesitzer einen sogenannten Hochwasservorsorgeausweis aus. Was bringt der?
Stich:
Der Ausweis ist ein objektives Bewertungsinstrument für die Schadenanfälligkeit eines Gebäudes gegenüber Überflutungen, beispielsweise durch Hochwasser oder Starkregen. Ein Fachmann prüft das Haus auf mögliche Schwachstellen und schlägt Verbesserungen vor, die das Gebäude hochwassersicherer machen. Mit guter Eigenvorsorge lassen sich 80 Prozent der Schäden vermeiden.

Honorieren das auch die Versicherer?
Stich:
Wir diskutieren das Thema mit den Versicherungen. Unsere Vorstellung ist, dass wenn ein Vorsorgeausweis ausgestellt wird und die Maßnahmen anschließend umgesetzt werden, dass dann auch der Hausbesitzer davon profitiert. Entweder, weil das Gebäude so überhaupt erst versicherbar wird oder es in eine bessere Gefahrenklasse rutscht.

Wo liegen die, auch wirtschaftlich vertretbaren, Grenzen der Eigenvorsorge? Im besonders schwer betroffenen Ahrtal in Rheinland-Pfalz reichte die Flutwelle ja teilweise bis in den zweiten Stock.
Stich: Das lässt sich nur individuell beurteilen. Wenn das Wasser sehr hoch steht, helfen natürlich auch keine Schottsysteme und wasserdichten Fenster mehr. Wenn die Statik des Gebäudes angegriffen ist, bleibt am Ende vielleicht nur der Abriss. Deshalb wird man auch jetzt im Ahrtal oder anderswo sehr genau überlegen, ob man stark beschädigte Häuser wieder aufbaut. Das ist ein schwieriges und sehr emotionales Thema.

Sie befassen sich ja vor allem mit der individuellen Vorsorge: Was müssen aus ihrer Sicht aber auch die Länder und Gemeinden tun, um Schäden zu vermeiden?
Stich: Das Wichtigste ist, die Bürger dafür zu sensibilisieren, Eigenvorsorge zu betreiben. Nach wie vor denken viele, Hochwasserschutz sei allein Sache der öffentlichen Hand. Doch das ist ein Irrglaube: Jeder, der von Überflutungen betroffen sein könnte, ist verpflichtet, sein Grundstück zu schützen. Die Klimaveränderungen zwingen Städte und Länder darüber hinaus, den Hochwasserschutz neu zu denken. Wir sollten Flüssen wieder mehr Raum geben und unterirdische Wasserläufe freilegen. Kommunen müssen sich auch besser an Starkregenereignisse anpassen. Das heißt: Flächen entsiegeln, Retentionsflächen schaffen oder Dächer und Fassaden begrünen. Es geht darum, die Wassermassen zurückzuhalten, damit nicht alles zeitgleich in die Kanalisation fließt. Denn diese lässt sich nicht so ausbauen, dass sie Starkregenereignissen standhält.

In Sachsen gab es 2002 und 2013 zwei verheerende Fluten. Welche Konsequenzen wurden seinerzeit gezogen, um sich besser zu wappnen?

Stich: Einmal wurden natürlich Milliarden in den Hochwasserschutz investiert. Es gab aber auch die Erkenntnis, dass das nicht ausreicht, dass es auch Informationskanäle braucht, über die im Katastrophenfall schnell Hilfe organisiert werden kann. Das Resultat ist die Gründung des Landeshochwasserzentrums, in dem alle Informationen gebündelt werden, wo die Gefahrenkarten veröffentlicht werden, wo Warnmeldungen einlaufen und sich auch Kommunen und Bürger informieren können. Alles eben auch unter dem Aspekt, dass nicht alles staatlich geregelt werden kann und die Menschen selbst mehr tun müssen.

Wie groß ist denn die Bereitschaft der Bürger?
Stich:
Man muss sagen, dass es leider oft erst eine Katastrophe braucht, um die Menschen wachzurütteln. Wir sind nach den schweren Regenfällen im Juli, die ja auch in Sachsen in einigen Orten zu Überflutungen geführt hatten, zu vielen Informationsveranstaltungen eingeladen worden. In trockenen Jahren ist das Interesse definitiv nicht so stark.

Der Kampf gegen den Klimawandel und die Anpassung daran hat inzwischen auch für die Bundespolitik höchste Priorität. Welche Hilfe würden Sie sich für ihre Arbeit wünschen?
Stich:
Sachsen wird ein Förderprogramm auflegen, mit dem Schutzmaßnahmen privater Hausbesitzer finanziell unterstützt werden können. Ich würde mir dieses Instrument flächendeckend wünschen. Finanzielle Anreize funktionieren sehr gut und würden der Eigenvorsorge deutlichen Schwung verleihen.

Interview: Karsten Röbisch

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