Hohe Schadenersatzurteile in den USA belasten auch deutsche Unternehmen
Gerichte in den USA verurteilen Unternehmen immer häufiger zu Schadenersatz in Millionenhöhe. Das betrifft auch deutsche Firmen, die auf dem amerikanischen Markt tätig sind. Diese steigenden Haftungsrisiken stellen die Industrieversicherer vor neue Herausforderungen.
In 190 Fällen verurteilten US-Geschworenengerichte Unternehmen im Jahr 2025 zu Schadenersatz von mindestens zehn Millionen Dollar. Das waren 40,7 Prozent mehr als 2024, wie eine Auswertung der Researchfirma Marathon Strategies zeigt. In mehr als 40 Fällen liegen die Summen sogar über 100 Millionen Dollar, vier Urteile überschreiten die Milliardengrenze. Insgesamt summierten sich die zugesprochenen Schadenersatzbeträge auf mehr als 25,6 Milliarden Dollar. Die Gesamtsumme aller erfassten Großurteile lag allerdings unter dem Vorjahreswert von 31,3 Milliarden Dollar.
Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung in der Produkthaftung. Auf diesen Bereich entfielen 2025 laut Marathon Strategies 29 Urteile mit einem Gesamtvolumen von rund zwölf Milliarden Dollar.
Auch deutsche Unternehmen bekommen diese Entwicklung teilweise zu spüren. Die USA sind der wichtigste Absatzmarkt für deutsche Exporte. Im Jahr 2025 wurden Waren im Wert von 146,2 Milliarden Euro dorthin geliefert. Wer aber Produkte in die Vereinigten Staaten liefert, kann dort mit erheblichen Haftungsforderungen konfrontiert werden.
Verkauft beispielsweise ein deutscher Hersteller ein fehlerhaftes Produkt in die USA, kann er dort von Unternehmen oder Personen auf Schadenersatz verklagt werden. Dafür kann seine Produkthaftpflichtversicherung aufkommen. Ob und in welcher Höhe Schäden in den USA versichert sind, hängt vom jeweiligen Vertrag ab.
Das Problem trifft nicht nur große Industriekonzerne. Auch mittelständische Betriebe können wegen Produktfehlern zu hohen Schadenersatzzahlungen verurteilt werden. Selbst Unternehmen, die nur einen kleinen Teil ihrer Produkte in die USA exportieren, sind davor nicht geschützt.
Hintergrund der Schadensummen
Hinter dieser Entwicklung steckt unter anderem die sogenannte soziale Inflation. Von ihr sprechen Versicherer, wenn Schadenersatzforderungen und Entschädigungen deutlich stärker steigen als die allgemeinen Preise. Dahinter stehen unter anderem gesellschaftliche Veränderungen. Geschworene können Unternehmen kritischer beurteilen und Geschädigten höhere Summen zusprechen als früher.
In den vergangenen Jahren hat sich der Trend der sozialen Inflation verstärkt. Dazu trägt auch ein wachsendes Misstrauen gegenüber Unternehmen und ein gestiegenes Bewusstsein für deren gesellschaftliche Verantwortung bei. Der Blick auf Großindustrie ist in vielen Ländern kritischer geworden. Social-Media-Kampagnen können diese Haltung verstärken und auch die Wahrnehmung der Geschworenen beeinflussen.
Anders als in Deutschland können US-Gerichte Geschädigten unter bestimmten Voraussetzungen auch Strafschadenersatz zusprechen. Damit sollen Verursacher über den eigentlichen Schaden hinaus bestraft und von künftigem Fehlverhalten abgeschreckt werden. Allerdings beruht nicht jedes hohe Schadenersatzurteil auf diesem Rechtsinstrument.
Hinzu kommt eine immer professionellere Klageindustrie in den USA. Dort investieren spezialisierte Finanzunternehmen in Gerichtsverfahren, mit denen sie selbst nichts zu tun haben. Sie übernehmen die Prozesskosten und erhalten im Erfolgsfall einen – oft erheblichen – Anteil am erstrittenen Schadenersatz. Je höher die zugesprochene Summe ausfällt, desto lukrativer kann das Geschäft für sie werden. Diese finanziellen Interessen können auch eine außergerichtliche Einigung erschweren.
Steigende Haftungsrisiken werden zum Problem für Versicherer
Für die Industrieversicherer werden die hohen Schadenersatzurteile zunehmend zum Problem. Sie kalkulieren ihre Prämien auf Grundlage umfangreicher Schadendaten. Doch neue Entwicklungen wie die soziale Inflation lassen sich daraus nur schwer vorhersagen. Wenn mögliche Haftungsforderungen immer höhere Summen erreichen, wird es schwieriger, Risiken zuverlässig einzuschätzen.
Die ausufernden Schadensersatzsummen erschweren die kostendeckende Kalkulation für den Versicherungsschutz von Industriekunden. Das könnte schlimmstenfalls dazu führen, dass Versicherer sich gezwungen sehen könnten, ihre Deckung zu begrenzen oder bestimmte Risiken auszuschließen.
Deshalb sollten deutsche Unternehmen, die in die USA exportieren, ihre Haftungsrisiken auf dem amerikanischen Markt kennen und prüfen, in welchem Umfang sie versichert sind. Denn wie sich die Schadenersatzurteile in den USA weiterentwickeln, ist schwer vorherzusagen.