Positionen-Magazin
Inter­view Simone Rethel-Hees­ters, Schau­spie­le­rin

„Platz­ma­chen macht die Alten krank“

Ihre TV- und Bühnenpräsenz reicht über drei Zuschauer-Generationen hinaus, sie ist heute im Unruhestand und hat als Witwe von Johannes Heesters ein besonderes Verhältnis zum Alter. Simone Rethel-Heesters über den richtigen Umgang mit den späten Lebensjahren, das zu frühe Renteneintrittsalter und das beruhigende Gefühl, genug „Mäuse“ auf dem Konto zu haben.

Simone Rethel-Heesters, bereits zweifach gegen Corona geimpft, lebt am Starnberger See, empfängt uns aber in ihrer kleinen Dachgeschosswohnung in der Nähe des Berliner Kurfürstendamms. Es gibt Cappuccino und Sahne-Baiser.

Frau Rethel-Heesters, Sie arbeiten seit 50 Jahren als Schauspielerin. Wie hat sich das Geschäft in dieser Zeit verändert?

SRH: Im Theater hat sich gar nicht so viel Neues getan, aber das Fernsehen hat sich vollkommen verändert. Früher bekam man gezielt eine Rolle angeboten und hatte Bedenkzeit. Heute wird eine Rolle fünf Schauspielern gleichzeitig angeboten – wenn Du das Angebot erhalten hast, heißt es nicht, dass Du die Rolle auch tatsächlich kriegst. Beim Drehen gab es früher gerne mal 30 Klappen pro Szene – heute sind das nur noch ein bis zwei Klappen. Früher wollten Regisseure die Schauspieler formen. Heute kommen wir mit einer festen Vorstellung der Rolle an – und das wird meist auch akzeptiert. Der Regisseur arrangiert eher das Drumherum.

Kriegen Sie denn noch Ihre Traumrollen?

SRH: Ich kann mich nicht beschweren – gleich nach Ihnen kommt ein TV-Regisseur bei mir vorbei. Der wird auch mit einem Sahne-Baiser bestochen, wie Sie! Das ist aber – Corona hin oder her – nicht mehr selbstverständlich, solche persönlichen Treffen. Ich hatte neulich mein erstes E-Casting via Webcam und Heimcomputer. Das ist wie ein Video-Interview. Du kriegst einen Text und trägst den über Teams oder Skype vor – ich wusste erst gar nicht, in welche Richtung ich da gucken sollte.

Sie werden am 15. Juni 72 Jahre alt – wie geht es Ihnen?

SRH: Gut! Schon mein 70. Geburtstag war ein großes Fest, das war auch noch vor Corona. Ich hatte und habe keine Angst vor der Zahl 7 und allen, die da hoffentlich noch kommen werden.

Und Corona?

SRH: Ich bin zweifach geimpft. Die Pandemie hat meiner Fitness aber nicht gutgetan. Ich ächze beim Weg rauf in diese Dachgeschosswohnung. Ich muss wieder was tun. Mediziner haben festgestellt, dass das Demenzrisiko deutlich zurückgeht, wenn man regelmäßig Krafttraining betreibt. Und das Schöne ist: It is never to late. Kurz bevor Corona los ging, hatte ich mich schon in einem Studio angemeldet, dann kam das Virus und ich konnte leider nicht mehr hingehen.

Das Rentenalter haben Sie längst erreicht – genießen Sie den Ruhestand?

SRH: Ich bin im Unruhestand. Meine These: Wir wären alle viel zufriedenere und gesündere Menschen, wenn wir uns nicht zur Ruhe setzen würden. Ruhestand hat meist Stillstand zur Folge, das ist ungesund für Geist und Körper. Man muss was tun! Den „wohl verdienten“ Ruhestand – den Begriff mag ich gar nicht.

Wenn man älter wird, begegnet einem häufiger das Wort „altersgerecht“, beim Sport zum Beispiel. Was macht einen altersgerechten Künstler aus?

SRH: Bei mir gar nichts. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich in irgendeiner Weise eingeschränkter bin als früher. Ich bin eine Nachteule wie immer und gehe erst um 2 Uhr morgens ins Bett. Bislang – toi toi toi – spüre ich gar nichts vom Alter.

Ein Glück, das nicht allen widerfährt...

SRH: Natürlich können viele ihren alten Beruf gesundheitsbedingt im Alter nicht mehr voll ausüben. Umgekehrt gibt es viele Menschen in Berufen, wo ich mich frage: Warum müssen die jetzt aufhören? Das Rentenalter ist bei uns immer noch zu früh gesetzt oder sollte zumindest flexibel sein, je nach Wunsch. Viele denken auch, Ältere müssten den Jungen Platz machen. Das ist Quatsch! Erfahrung geht verloren, Platzmachen macht die Alten krank – und so fallen sie den Jungen zu Last.

Von 1992 bis zu dessen Tod im Jahr 2011 waren Sie mit Johannes Heesters verheiratet, der 46 Jahre älter war als Sie: Fühlt sich das Alter heute so an, wie Sie es sich damals vorgestellt und erlebt haben?

SRH: Ich habe ihn ja nicht als alt empfunden. Er war in seinem Wesen nicht alt, so wie man sich das vielleicht äußerlich vorgestellt hat. Bis zum Schluss nicht. Er hat noch mit 88 Jahren auf der Bühne getanzt und seine berufliche Neugier nie verloren. Er ist leider in den letzten zehn Lebensjahren erblindet, das hat vieles erschwert.

Eine Ausnahmeerscheinung?

SRH: Damals wahrscheinlich schon – aber das hat sich heute geändert, es gibt mehr Hundertjährige als je zuvor. Viele haben beim Eintritt in die Rente heute ja noch ein Leben von vielleicht 30 oder 40 Jahren vor sich – das kann man doch nicht mit Nichtstun ausfüllen!

Also? Dem Alter davontanzen?

SRH: Warum nicht? Ich habe vor kurzem den Sänger Peter Kraus im Konzert erlebt. Der tanzt, singt und rockt auch noch stundenlang auf der Bühne mit über 80 Jahren.

Sie sind seit jeher frei schaffende Künstlerin gewesen. Wie sind Sie mit dem Thema Altersvorsorge umgegangen?

SRH: Eine Frage direkt aus der Versicherungsbranche, was? Ich kann Sie beruhigen: Selbst in der Zeit, in der ich vorwiegend meinen Mann begleitet habe und beruflich kürzergetreten bin, habe ich immer weiter in meine privaten Rentenversicherungen eingezahlt.

Das freut uns natürlich. Ein Ehemann ersetzt eben keine eigene Altersvorsorge...

SRH: Das ist eine tolle Sache, dass man im Alter plötzlich immer was aufs Konto kriegt. Wenn ich eine Zahlung leisten muss, ziehe ich die manchmal bis zum Monatsende, weil dann neue Mäuse aufs Konto kommen, dank meiner Rentenversicherung. Nach dem Tod meines Mannes habe ich aber auch schnell wieder angefangen mich auf meine Karriere zu konzentrieren. Das war anfangs gar nicht so einfach. Wenn man erst einmal draußen ist... die Regisseure und Produzenten von früher waren entweder gestorben oder nicht mehr im Geschäft. Ich musste mich neu erfinden und mein Netzwerk neu knüpfen.

In Ihrem neuen Buch interviewen Sie Menschen wie Gregor Gysi, Peter Maffay, Mario Adorf, Dieter Hallervorden oder eben Peter Kraus über ihren Umgang mit dem Älterwerden. Wenn Sie alle Gespräche Revue passieren lassen – was ist das Erfolgsrezept eines glücklichen, zufriedenen Alterns?

SRH: Alle haben ein unglaubliches Leben hinter sich und sagen: Es geht noch weiter! Der Antrieb aller Personen zum Weitermachen ist in Summe ähnlich: Man baut ab, wenn man aufhören würde, aktiv zu sein.

Sie haben bei diesem Projekt alles selbst gemacht, die Interviews, die Fotos – kamen Sie mal an Ihre Grenzen?

SRH: Nur als ich Mario Adorf aufsuchte und mir im Treppenhaus vor seiner Tür mein schwerer Koffer runter- und alles rausfiel. Er half mir sofort rührend und trug den Koffer nach oben – mit über 90 Jahren. Adorf sagte übrigens: ‚Ich bin am liebsten so alt, wie ich gerade bin.‘ Das haben nicht alle gesagt!

Mario Adorf steht sicher über den Dingen – was wollen Sie mit all den Interviews vermitteln?

SRH: Die Interviews sind sehr interessant zu lesen, weil sie einen breiten Querschnitt unserer Gesellschaft wiedergeben. Dazu habe ich versucht, mit den begleitenden Fotos die Persönlichkeiten in ihrem aktiven Umfeld zu zeigen. Der Leser erhält Anregungen und vielleicht auch neue Gedanken, das eigene Leben im Alter neu zu definieren.

Ich bin gerade 50 geworden. Haben Sie einen persönlichen Rat für mich?

SRH: Nie den Mut verlieren!

Interview: Jörn Paterak

Auch inter­essant