Positionen-Magazin
Kolumne Chris­tian Hagist

Zukunfts­feste Alters­si­che­rung: Der man­gelnde Mut der Ren­ten­kom­mis­sion

Die große Koalition hat die Rentenkommission so eingeschnürt, dass sie scheitern musste. Dabei ist klar, wie man die Alterssicherung zukunftsfest macht. Nur traut sich niemand, das auszusprechen, so der Sozialpolitik-Professor Christian Hagist.

Als die von der Bundesregierung eingesetzte Rentenkommission Ende März ihren Abschlussbericht vorstellte, fand dieser kaum Beachtung. Was an der Corona-Krise lag, aber wohl auch daran, dass bereits vorab klar wurde, dass die Kommission an ihrer Aufgabe gescheitert war. Der Grund war zum einen die politische Besetzung, zum anderen die Tatsache, dass die Koalitionsparteien schon im Vorfeld alle denkbaren Stellschrauben fest angezogen hatten. Viel Spielraum blieb da nicht. Deshalb sind die Empfehlungen abstrakt – bis hin zum Vorschlag, eine weitere Kommission respektive einen Beirat einzusetzen.


Dabei mangelt es bei der Alterssicherung weder an Erkenntnis noch an Sachverstand, sondern einzig am politischen Mut, den Bürgern reinen Wein einzuschenken. Das Umlageverfahren der gesetzlichen Rentenversicherung – heutige Rentner werden von heutigen Beitragszahlern versorgt – wird aufgrund der Alterung der Gesellschaft immer stärker unter Druck geraten. Dabei gibt es drei Gruppen, die sich untereinander auf eine faire Balance verständigen müssen: die heutigen Rentner, die Beitrags- und die Steuerzahler. Sie alle werden höhere Belastungen aushalten müssen, da sonst das Boot „Alterssicherung“ erst Schlagseite erleiden und anschließend kentern wird. Auch in Corona-Zeiten und darüber hinaus sind die Renten nämlich nur so sicher, wie sie auch finanzierbar sind.

Wir brauchen digitale Lösungen, die allen Bürgern verständlich den Stand ihrer Vorsorge anzeigen

Manches hat die Kommission gut erkannt und empfiehlt durchaus Richtiges. So teilt sie den Ruf nach mehr Transparenz und besseren Indikatoren. Auch wenn das berühmte Rentenniveau oft in politischen Talkshows bemüht wird: Es ist alles andere als ein guter Wohlfahrtsindikator, was sich beim derzeitigen Anstieg aufgrund der zunehmenden Arbeitslosigkeit gerade wieder zeigt. Zudem brauchen wir digitale Lösungen, die allen Bürgern verständlich den Stand ihrer Vorsorgeanstrengungen anzeigen – eine echte und umfassende Renteninformation also. Wenn die Lebenserwartung weiter steigt, werden wir auch länger arbeiten müssen. Doch das ist kein Grund zu verzweifeln oder Populismus damit zu treiben. Schließlich nimmt die Lebenserwartung nicht sprunghaft zu, alle können sich auf diese Entwicklung einstellen. Auch wären die aktuellen Rentner und die rentennahen Jahrgänge nicht betroffen. Die Rente mit 70 findet wahrscheinlich erst ab 2070 statt und betrifft damit nur die heute sehr jungen Menschen, die ihr gesamtes Erwerbsleben noch vor sich haben und in Jobs arbeiten werden, die wir noch gar nicht kennen. Zudem muss die kapitalgedeckte Vorsorge gestärkt werden, denn nur mit einer höheren Rendite wird der Lebensabend einigermaßen situiert ausfallen. Zwar dürfte die aktuelle Achterbahnfahrt an den Börsen das Vertrauen in Aktien nicht eben fördern, aber ein langer Anlagehorizont und ein intelligentes Anlagemanagement helfen, auch diese Krise zu meistern. Und ja, am Ende werden auch Steuerzuschüsse und Beiträge steigen müssen. Dabei darf die junge Generation aber nicht übermäßig belastet werden, da sie sonst den Generationenvertrag einseitig aufkündigen wird – wenn nicht an der Wahlurne, dann mit den Füßen durch Auswanderung. 

 Illustration: Jacqueline Urban



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