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Natur­ge­fah­ren

Vul­ka­nis­mus in Deutsch­land: Es bro­delt wie­der

Japan, Italien, Indonesien: 2020 erlebte die Welt bereits etliche Vulkanausbrüche. Von Deutschland aus wirken sie weit weg. Doch das täuscht: Wissenschaftler messen seit Jahren zunehmende vulkanische Aktivität in der Eifel. Einst ereignete sich hier der gewaltigste Ausbruch in Mitteleuropa. Steht die nächste Katastrophe bevor?

Gasblasen steigen in einem See an die Oberfläche und lassen eine Schwimmerin das Bewusstsein verlieren. Sich jäh auftuende Risse im Asphalt zwingen Autos zur Vollbremsung. Und schließlich erschüttert ein gewaltiges Erdbeben das Eifeldorf Lorchheim. Vor gut zehn Jahren gruselten sich Millionen Zuschauer vor diesen Szenen des Fernsehfilms „Vulkan“, der die möglichen Folgen eines Wiederauflebens des Vulkanismus in der Eifel durchspielte. 

Lorchheim gibt es nicht wirklich, doch das Szenario basiert durchaus auf wissenschaftlichen Fakten: Vor etwa 13.000 Jahren ereignete sich in der Gebirgsregion südlich von Bonn der mit Abstand schwerste Vulkanausausbruch den Mitteleuropa je erlebt hat. Eine kilometerhohe Aschesäule stieg in den Himmel, am Boden vernichteten Druckwellen und Gerölllawinen alles Leben. Die Folgen der Eruption waren bis nach Südschweden und Norditalien spürbar. Das damalige Epizentrum, der heutige Laacher See, ist inzwischen ein beliebtes Ausflugziel. Nur ein dezentes Blubbern an einigen Stellen der Wasseroberfläche weist darauf hin, dass es hier noch immer brodelt.

 

Alles ganz harmlos? Oder ist der Katastrophenfilm mehr als pure Fiktion? Vielen Europäern ist der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull 2010 noch gut in Erinnerung, wegen dessen Aschewolke mehr als 100.000 Flüge gestrichen wurden und Millionen Reisende tagelang festsaßen. Auch in diesem Jahr spie die Erde bereits an zahlreichen Orten weltweit Feuer, unter anderem in gab es in Japan, Mexiko Indonesien und Italien zum Teil heftige Ausbrüche. In Deutschland klirren bei leichten Erdstößen höchstens mal die Gläser im Schrank. Doch Experten warnen: Auch hierzulande scheint die seismische Aktivität zuzunehmen – vor allem in der Eifel.

Die Vulkane, die einst die spektakuläre Berg-und-Tal-Landschaft der Region prägten, galten lange als erloschen oder zumindest als zuverlässig im Tiefschlaf liegend. Doch jüngste Erkenntnisse zeigen, dass der Vulkanismus hier deutlich aktiver ist als bisher angenommen. So fanden US-Forscher kürzlich heraus, dass sich die gesamte Region kontinuierlich anhebt. Nur ganz wenig, etwa um einen Millimeter pro Jahr, doch sehr beständig. Gleichzeitig bewegt sich die Erdoberfläche horizontal auseinander, als würde etwas von unten nach oben drücken. 

Wissenschaftler deuten dies als Zeichen, dass sich unterhalb des Laacher Sees wieder eine Magmakammer füllt. Das heißt zwar nicht, dass ein gewaltiger Vulkanausbruch unmittelbar bevorsteht. Dazu müssten sich Schmelzen aus flüssigem Gestein in der Nähe der Erdoberfläche bilden – und die sind bisher nicht nachzuweisen. „Wir sehen aber Indizien, die auf Magmabewegungen in größeren Tiefen hinweisen“, sagt Ulrich Schreiber, Geologe an der Universität Duisburg-Essen. „Es gibt tiefe Erdbeben, besonders unter dem Laacher See, die dort eigentlich nicht stattfinden sollten.“ Etwas Ungewöhnliches scheine in Gang gekommen zu sein. 

 

Auch Lothar Viereck sieht kurzfristig keine Gefahr vulkanischer Eruptionen. Die mittel- und langfristige Gefahrenlage müsse aber neu bewertet werden, sagt der 2018 emeritierte Professor für Geochemie der Friedrich-Schiller-Universität Jena: „Geowissenschaftler können inzwischen belegen, dass die Eifel eine dynamischere Region ist als vermutet.“ Man müsse in den kommenden Jahren genauer hinschauen, was sich unter der Erdoberfläche tue, und verstärkt Daten sammeln, so Viereck, der auch stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Vulkanologischen Gesellschaft ist. Erst dann werde klarer, ob das Gefahrenpotenzial so hoch sei, das kurzfristigere Notfallpläne notwendig würden.

Die Warnungen der Vulkanologen beeindrucken kaum jemanden 

Wahrscheinlicher als ein Vulkanausbruch in der Eifel sind den Experten zufolge andere Gefahrenszenarien als Folge der unterirdischen Erdaktivitäten: So könnten übelriechende Schwefelgase aufsteigen, die je nach Konzentration auch giftig sein und ganze Gebäude in der Region unbewohnbar machen könnten. Kleine und mittelschwere Erdbeben könnten Schäden an Häusern hervorrufen oder Überschwemmungen verursachen. Zudem könnten Erdbewegungen das Flussbett des Rheins einengen und Überflutungen verursachen. Grund genug, sich auf solche Szenarien einzustellen und Vorsorge zu treffen, meinen die Vulkanologen. Doch bisher lassen sich die Menschen in der Region von solchen Warnungen kaum beeindrucken, beobachtet Cornelia Bahlo. „Da geht man durchaus unbesorgt weiter im Laacher See schwimmen“, sagt die Abteilungsleiterin Sachversicherung Betrieb Privatkundengeschäft bei der Debeka. Sie lebt selbst in der Eifel und kennt die Berichte über den, wie sie sagt, „berühmtberüchtigten“ See mit den aufsteigenden Gasbläschen. Gezielt nach Versicherungen gegen Vulkan- oder Erdbebenschäden frage dennoch niemand. Natürlich wolle sie auch keine Panik schüren, um mehr Versicherungen zu verkaufen – das sei unseriös, so Bahlo. Zudem seien die Erkenntnisse der Wissenschaftler ja noch ziemlich vage.

Vulkanausbruch: Viele glauben, im Ernstfall springe der Staat ein. Eine Fehleinschätzung 

Grundsätzlich können mögliche Schäden durch Vulkanausbrüche oder Erdbeben über Naturgefahrenversicherungen abgedeckt werden, in vielen bestehenden Angeboten sind sie unter der Rubrik „weitere Naturgefahren“ im Gesamtpaket bereits enthalten. Doch obwohl Stürme, Starkregenfälle und Überschwemmungen von Jahr zu Jahr zunehmen, ist das Bewusstsein auch für diese Gefahren in der Bevölkerung noch nicht besonders ausgeprägt: Nur rund 45 Prozent aller Gebäude sind gegen Naturgefahren versichert, zeigen Zahlen des Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).  „Wir bieten die Police im Neugeschäft als Standard immer mit an und raten auch dazu“, sagt Martin Creutz, Bereichsleiter Wohnen der Provinzial Rheinland. „Dennoch wählt fast die Hälfte der Kunden diese Versicherung dann aktiv ab.“ Das kann teure Folgen haben,  ganz ohne Vulkanausbruch. Allein 2018 entstanden durch Naturereignisse Schäden von 3,1 Milliarden Euro – und das sind nur die versicherten Fälle. Schon ein Orkan oder ein lokaler Wolkenbruch reichen aus, um aus einem intakten Gebäude einen Totalschaden zu machen, sechsstellige Schadensummen sind keine Seltenheit. Viele Menschen seien der Meinung, dass der Staat schon einspringen werde, wenn es hart auf hart komme, berichtet Creutz. „Das ist allerdings eine Fehleinschätzung.“

Naturkatastrophen: Viele Gebäude sind versicherbar

Zwar gab es bei Naturkatastrophen, die ganze Regionen betreffen, immer wieder staatliche Unterstützung, etwa beim Elbhochwasser 2013, als auf breiter Front die Deiche brachen und zahlreiche Ortschaften überflutet wurden. Doch seither haben die meisten Bundesländer aufgrund der ausufernden Kosten die Grenzen der Solidarität enger gezogen: So gewähren etwa Bayern, Sachsen und Nordrhein-Westfalen Soforthilfen im Katastrophenfall nur noch Immobilienbesitzern, die sich zuvor vergeblich um Versicherungsschutz für ihr Haus bemüht haben. Solche Fälle kommen in der Praxis allerdings kaum noch vor: Selbst Häuser in stark gefährdeten Gebieten könnten mit höheren Selbstbehalten oder nach individuellen baulichen Schutzmaßnahmen problemlos versichert werden, so der GDV.  Der Verband geht davon aus, dass sich aufgrund des Klimawandels bis zum Ende dieses Jahrhunderts allein die Schäden durch Hochwasser mindestens verdoppeln werden. Allein das sei für jeden Immobilienbesitzer Grund genug, sich rechtzeitig abzusichern. Praktischer Nebeneffekt für alle Bewohner der Eifelregion: Sollte der brodelnde Vulkan unter ihren Füßen doch eines Tages wieder zum Leben erwachen, wären die Folgen gleich mitversichert.

Text: Sarah Sommer, Carina Winter

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