Positionen-Magazin
Reden wir über Sicher­heit mit Kern­kraft­werk-Inge­nieur Rolf Vock

Von wegen ver­strahlt: Arbeits­platz Atom­kraft­werk

Der Ingenieur Rolf Vock hat im Atomkraftwerk Brokdorf seinen Traumjob gefunden. Angst vor der Strahlung hat er nicht. Trotzdem verschweigt er manchmal, wo er arbeitet.

Dass Deutschland aus der Kernenergie aussteigt, kann Rolf Vock nicht nachvollziehen. Seit zwölf Jahren arbeitet der studierte Maschinenbauer als Instandhaltungsingenieur im Atomkraftwerk Brokdorf in Schleswig-Holstein. Er ist fasziniert von der Technologie – und zutiefst überzeugt von deren Sicherheit. Im Interview für unsere Reihe Reden wir über Sicherheit erzählt der 37-Jährige, wieso für ihn ein Traumjob ist, wovor andere sich fürchten, und warum er selbst dann noch ruhig bleibt, wenn der Geigerzähler anschlägt. „Respekt vor der Technik sollte man haben“, sagt Vock. „Aber keine Angst.“

Herr Vock, Sie sind in Zeiten von Anti-Atom-Demos und Tschernobyl-Angst groß geworden. Wie kommt man da auf die Idee, im Kernkraftwerk zu arbeiten?
Rolf Vock:
Das war eher Zufall. Ich bin da über ein Praktikum reingerutscht. Technik hat mich immer schon begeistert, und die Technik, mit der wir hier arbeiten, ist faszinierend. Ich mache meinen Job gern, für mich ist das Kraftwerk ein ganz normaler Arbeitgeber.

Was haben Ihre Eltern dazu gesagt? 
RV:
Meine Eltern waren keine Atomkraftgegner, die hatten nie ein Problem mit meinem Job. Das war kein großes Thema bei uns, jeder hier hat Bekannte, die im Kraftwerk arbeiten. Es ist Teil unseres Lebens, die Kuppel konnte ich früher aus meinem Kinderzimmer sehen. 

Bis heute gibt es regelmäßige Proteste. Wie ist es für Sie, an den Demonstranten vorbei zur Arbeit zu fahren?
RV:
Man kennt sich ja nach all den Jahren. Der Hauptvertreter der Bürgerinitiative spielt zusammen mit meiner Frau Theater. Wir akzeptieren einander, wir grüßen uns, und dann ist gut. 

Was genau ist Ihre Aufgabe?
RV:
Ich bin Systemingenieur in der Maschinentechnik und zuständig für die Instandhaltung und Prüfung. Seit September bin ich auch in die Planung des bevorstehenden Rückbaus eingebunden. Und dann trage ich immer diesen Piepser bei mir. Wenn der losgeht, weiß ich, ich krieg was zu tun. 

Dann ist Alarm im Atomkraftwerk?
RV:
Nein, um Gottes willen! Das kann eine tropfende Wasserleitung sein oder eine Heizungspumpe, die kaputt ist. Das sind in der Regel Störungen, wie sie jeder von zu Hause kennt. 

Wie häufig kommen Sie bei Ihrer Arbeit mit Radioaktivität in Berührung?
RV:
Die Instandhaltung bringt es mit sich, dass ich regelmäßig mit radioaktiven Bauteilen in Kontakt komme. Dafür gibt es die Abteilung Strahlenschutz, die uns überwacht und aufpasst, dass wir keine Kontamination nach außen tragen. Wir haben hier überall Messgeräte und ein gestaffeltes Sicherheitskonzept mit Schleusen, die finden alles. Da mache ich mir überhaupt keine Sorgen. 

Hat das System bei Ihnen schon mal angeschlagen?
RV:
Natürlich, das kommt vor, etwa wenn radioaktives Material auf den Overall gelangt.  Da reichen kleinste Teilchen, die man mit dem Auge gar nicht sieht. Dann ertönt die Meldung „Bitte beim Strahlenschutz melden“. Die erklären einem dann, was man zu machen hat. Meist reicht ein Klamottentausch.

Beunruhigt es Sie nicht, wenn plötzlich der Strahlenmesser Alarm schlägt?
RV:
Anfangs war das ein komisches Gefühl, klar. Auch daran, in einer Gummipelle und mit Atemschutz herumzulaufen, muss man sich gewöhnen. Aber mit den Jahren erlangt man eine gewisse Routine. Wir tragen teilweise mehrere Overalls übereinander und werden regelmäßig geschult. Entscheidend ist, dass man keine radioaktiven Partikel auf die Haut bekommt oder inhaliert. 

Die Faszination ist größer als die Angst?
RV:
Wenn irgendwo Angst mitschwingt, ist man hier falsch. Respekt sollte man haben, aber keine Angst. Ich fühle mich absolut sicher.

Nervt es Sie, wenn andere Ihren Job für gefährlich halten?
RV:
Ja, teilweise schon. Manchmal sage ich nicht mehr, wo ich arbeite, weil ich keine Lust habe, mich ständig zu erklären. Ich sage dann, ich bin Maschinenbauer und arbeite in der Instandhaltung.

Gab es ein besonders negatives Erlebnis?
RV:
Meine Frau wurde mal gefragt, wie sie mit mir zusammenleben könne, wo ich doch im Atomkraftwerk arbeite. Manche Leute meinen, über alles richten zu dürfen, auch wenn sie es nicht verstehen.

Hat die Katstrophe von Fukushima Ihren Blick auf die Atomkraft verändert?
RV:
Wir waren alle erschrocken, wie ein Hightech-Land wie Japan seine Atomanlagen konzipiert und errichtet hat. Das hatten wir nicht für möglich gehalten. Ich bin mir sicher, ein solcher Unfall wäre bei uns unmöglich gewesen.

Halten Sie die Entscheidung für falsch, aus der Kernenergie auszusteigen?
RV:
Ja, absolut. Unsere Anlagen und Sicherheitskonzepte sind auf dem neuesten Stand der Technik. Es gab keinen objektiven Grund, abzuschalten. 

Was machen Sie, wenn hier das Licht ausgeht? Suchen Sie einen neuen Job?
RV:
Nein, die nächsten 15 bis 20 Jahre gibt es hier noch genug zu tun. Ob ich dann noch dasselbe mache wie heute, wird sich zeigen. Aber ich möchte in jedem Fall bis zum Ende dabeibleiben.

Text: Alena Hecker


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