Positionen-Magazin
Kunst­ver­si­che­rung

Von Nagel zu Nagel

Jedes Kunstwerk ist einzigartig, jede Zerstörung ein unwiederbringlicher Verlust. Kunstversicherer schützen die wertvollen Kulturgüter – und sorgen dafür, dass sie überhaupt öffentlich zu sehen sind. Dafür braucht es sehr viel Wissen. Und noch mehr Leidenschaft. Ein Blick auf die andere Seite der Leinwand.

Es war die vermutlich spektakulärste Kunstauktion aller Zeiten: Kaum hatte der Versteigerer von Sotheby̕s am 5. Oktober mit dem obligatorischen Hammerschlag ein Werk des Street-Art-Künstlers Banksy verkauft, setzte sich ein im Bilderrahmen versteckter Schredder in Gang. Sekunden später war das umgerechnet 1,2 Millionen Euro teure „Mädchen mit Ballon“ nur noch Altpapier in Streifen. Auf Youtube kann man zusehen, wie den Anwesenden im Moment der Zerstörung die Gesichtszüge entgleisen. Fassungslosigkeit, ein kurzes Lachen, als der Schredder auf halbem Weg stecken bleibt. „Bei der Generalprobe hatte noch alles geklappt“, teilte der Künstler, der seine wahre Identität geheim hält, später fast entschuldigend in einer Videobotschaft mit.

Jedes Werk ist ein Unikat, jeder Verlust unwiederbringlich 

Wenn Kunst kaputtgeht, berührt das die Menschen. Schließlich ist jedes Kunstwerk ein Unikat, einzigartig. Wird es beschädigt, ist es unwiederbringlich dahin, zumindest entstellt. Ein schwerer Verlust für Urheber und Besitzer – aber auch für die Gesellschaft. Es gibt legendäre Geschichten von geschrotteten Exponaten. Manchmal sind es Reinigungskräfte oder Hausmeister, die Kunstwerke nicht als solche erkennen und sie einfach wegputzen – wie Joseph Beuys’ Fettecke in der Düsseldorfer Kunstakademie oder Martin Kippenbergers Schmutzpatina in einer Gummiwanne im Dortmunder Ostwall-Museum.

Oft sind es auch Besucher, die – meist aus Versehen – zu Kunstzerstörern werden. Im Oktober touchierte ein Mann bei einer Vernissage einen von drei halbmeterhohen Keramikpenissen, geschaffen von Anna Maria Bieniek als Beitrag zur #MeToo-Debatte. Der Kunstpenis schwankte, kippte und zerbrach. „Verdammt, ich hab’ den Penis geschrottet“, rief der bestürzte Kunstliebhaber – und lieferte damit gleich die Zeitungsschlagzeile für den nächsten Tag. Allein in Deutschland strömen jedes Jahr 18 Millionen Menschen in Museen, um Kunstwerke zu sehen und auf sich wirken zu lassen. Kein Katalog, kein Foto kann ein solches Erlebnis ersetzen. Wollte man die Kunst vor allen Gefahren beschützen, man müsste sie wegsperren und sie damit ihres Wesens berauben.

Kunst ohne Öffentlichkeit ist keine Kunst. Um Menschen zu berühren und zu bereichern, muss sie sichtbar sein, muss sie stehen, liegen, hängen, überm Sofa, im Rathaus oder im Museum. Und sie muss reisen, damit auch Menschen an anderen Orten ihr begegnen können. Doch je präsenter und mobiler die Werke werden, desto größer ist die Gefahr, beschmutzt, beschädigt oder ruiniert zu werden. Diese Risiken kleinzuhalten, reparable Schäden gut und schnell zu beheben und Kunstbesitzer bei umfassenden Schutzkonzepten fachkundig zu beraten, das ist das Geschäft der Kunstversicherer. Eine kleine, aber hoch spezialisierte Branche, ohne die viele Ausstellungen und Auktionen nicht möglich wären und manches Werk niemals öffentlich gezeigt werden würde. Ohne die Versicherer wäre der Kunst- und Kulturbetrieb sehr viel ärmer.

Um maximalen Schutz zu gewährleisten, investieren Ausstellungshäuser viel Geld und Mühe. Hinzu kommt: Durch die Niedrigzinsphase hat die Bedeutung von Kunst als Geldanlage stark zugenommen. Vor allem die wachsende Nachfrage bei Sammlern in Asien und im arabischen Raum hat die Preise für Werke mancher Künstler in astronomische Höhen getrieben. Picassos „Junge mit Pfeife“ durchstieß 2004 als erstes Gemälde die 100-Millionen-Dollar-Grenze, David Hockneys „Portrait of an Artist“ stellte im November einen neuen Rekord für das Werk eines lebenden Künstlers auf. Es wurde in New York für rund 90 Millionen Dollar versteigert.

Wer solche Weltstars ausstellen will, muss dafür kräftig Geld in die Hand nehmen. Außer den Versicherungsbeiträgen übernehmen die Museen auch die notwendigen Spezialtransporte und zusätzliche Ausgaben etwa für Sicherheitstechnik und -personal. Dabei stehen Museen unter Kostendruck. „Spektakuläre, rentable Ausstellungen machen wir natürlich trotzdem“, sagt Oliver Kornhoff, Direktor des Arp Museums Rolandseck. Ausstellungsmacher planen in der Regel mit zwei Jahren Vorlauf. „Dabei sind wir froh, wenn wir Tipps bekommen von Versicherern, die wissen, welche Werke aus Privatbesitz gerade als Leihgaben in der Nähe sind“, sagt Kornhoff. Von der Zusammenarbeit profitieren beide Seiten: Museen erhalten seltene Ausstellungsstücke, Versicherer machen durch deren verlängerte Tournee zusätzliches Geschäft.

Während öffentliche Häuser wie das Arp Museum sich oftmals per Staatshaftung absichern, verlassen sich private Sammler in der Regel auf spezialisierte Kunstversicherer – selbst dann, wenn sie ihre Schätze für eine Sonderausstellung an staatliche Museen verleihen. Anders als bei einer Kfz- oder Glasversicherung geht es bei einer Kunstversicherung um mehr als den Schutz materieller Werte. Sammler, Künstler, Händler, Restauratoren und private Museen, die das Gros der Kundschaft ausmachen, betrachten ihre Werke mit einem Höchstmaß an Begeisterung und Emotion – und verlangen von ihren Ansprechpartnern bei der Assekuranz dasselbe. Der gegenseitige Austausch, die beidseitige Expertise und die geteilte Leidenschaft sind die Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit, die nicht selten Jahrzehnte überdauert, unabhängig davon, ob eine Sammlung wenige Tausend oder viele Millionen Euro wert ist. Menschen, die ihr Geld vorrangig unter Renditegesichtspunkten in Kunst investieren, sind eher die Ausnahme. Die meisten umgeben sich mit Bildern, Skulpturen oder ihrer Kollektion historischer Spazierstöcke wie mit guten Freunden. Sie lieben sie. Darauf muss sich eine Kunstversicherung einlassen.

Das Finanzielle ist zweitrangig, es geht um Leidenschaft

Wie ein wahrer Kunstliebhaber tickt, weiß Dietmar Telschow von der Helvetia Kunstversicherung zu erzählen: Ein Anstreicher stieß im Haus eines Sammlers ein Bild von der Wand. Die Haftpflichtversicherung des Handwerkers erkannte auf Totalschaden – und wollte den Zeitwert erstatten, also den Kaufpreis minus Abschlag für Alter und Abnutzung. „Der Sammler war entsetzt“, erinnert sich Telschow. Das Werk hatte seit dem Kauf an Wert gewonnen, vor allem aber wollte der Besitzer es wiederherstellen lassen. Die Helvetia vermittelte ihm einen kundigen Restaurator, der das Werk zurück in seinen ursprünglichen Zustand versetzte. „Die Kosten haben wir im Rahmen der bestehenden Kunstversicherung übernommen.“

Das Finanzielle ist für Liebhaber oft zweitrangig. Kunstversicherer sind eher gefordert, Risiken frühzeitig zu erkennen, Schäden zu vermeiden und Kunden zu beraten. Ist die Transportverpackung geeignet? Ist die Sicherheitsanlage ausreichend? Für solche Fragen sind Spezialisten nötig. Das Know-how, Werke unterwegs zu schützen, haben die Anbieter traditionell im Haus; bei den meisten ist die Kunstversicherung noch heute ein Zweig der Transportversicherung. Zusätzlich engagiert werden erfahrene Kunsthistoriker, Silberschmiede, Auktionatoren, selbst ehemalige Galeristen, allesamt gut vernetzt mit Restauratoren und Künstlern. „70 Prozent unserer Underwriter sind Kunsthistoriker“, sagt Hans-Jürgen Kronauer, Chef-Underwriter von Axa Art Deutschland. Die Experten stehen ihren Kunden zur Seite, wo immer ein Schaden entsteht: im Haus des Besitzers, im Depot, unterwegs auf dem Lkw oder in einer Ausstellung. An jedem Ort weltweit. „Sogar wenn das Bild als Dauerleihgabe im Wohnzimmer der Schwester hängt, ist es versichert“, sagt Torben Siegmund, Spartenleiter bei Kravag Logistic, einem Unternehmen der R+V Versicherungen. „Von Nagel zu Nagel“ nennt die Branche dieses Prinzip.

Lediglich an einer Stelle klinkt sich die Assekuranz aus: bei sogenannten Allmählichkeitsschäden. Ausbleichende Farben durch Tageslicht, Verfärbungen aufgrund von Feuchtigkeit – derlei lässt sich nicht versichern. Allerdings helfen die Versicherer nach Kräften, Allmählichkeitsschäden zu vermeiden. „Wir erklären den Kunden, welche Klimawerte für ein Objekt optimal sind oder warum Grafiken kein UV-Licht vertragen“, erläutert Birgit Rolfes, für Kunst zuständige Leiterin bei der Mannheimer Versicherung. Solche Parameter lassen sich beeinflussen, Wertschwankungen hingegen nicht. Der Kunstmarkt wird beherrscht von allerlei Hypes und Moden; stirbt ein Künstler, kann der Wert seiner Werke über Nacht steigen. Solche spontanen Wertveränderungen sind meist in der Police eingepreist, angepasst wird sie dennoch alle ein bis zwei Jahre. Wie hoch der Versicherungswert bei neuen Kunden anzusetzen ist, legen die Versicherer gemeinsam mit den Sammlern fest, dafür werden alle Werke aufgelistet und geschätzt. „Wir schicken dazu unabhängige Gutachter“, sagt Alina Sucker von Hiscox. „So können unsere Kunden sicher sein, dass die Prämie nicht zu hoch ist.“

Auch die Zerstörung von Kunst kann Kunst sein 

Oft ergibt sich aus einem solchen Gespräch ein regelmäßiger Austausch. Viele Versicherungsmitarbeiter pflegen gute Kontakte zu Sammlern und entwickeln maßgeschneiderte Lösungen. Von einem „absoluten Individualgeschäft“ spricht Helvetia-Manager Telschow, der neben der Kunstversicherung auch die vermögenden Privatkunden betreut. Beide Bereiche, sagt er, wachsen mehr und mehr zusammen. Die klassische Kunstversicherung für private Sammlungen werde zunehmend abgelöst von All-Risk-Lösungen für Menschen, die ihren hochwertigen Hausrat inklusive Kunst, Schmuck, Glas, Musikinstrumenten sowie des kompletten Gebäudes im Paket versichert wissen möchten.

Welche Vorteile das bringt, zeigt ein Beispiel, wie es sich Loriot kaum besser hätte ausdenken können: Ein Nagel im Haus eines Kunstsammlers sitzt locker, eines Tages rutscht das daran hängende Bild von der Wand. Es schlägt Kerben in einen antiken Tisch, poltert die Treppe herunter und zerkratzt dabei die Eichenstufen, schließlich kracht es in eine Glastür. Ein Desaster, das im ungünstigsten Fall auch noch vier verschiedene Versicherer auf den Plan gerufen hätte: Kunst, Gebäude, Hausrat, Glas. Bei allem Unglück: Der Kunde hatte eine All-Risk-Versicherung, die den Schaden unbürokratisch und schnell regelte.

Aber was, wenn ein Künstler sein Werk selbst zerstört – und das auch noch mit voller Absicht? Im Fall des Banksy-Bildes herrschte zunächst Ratlosigkeit. Ist der bewusst produzierte Papiermüll ein Fall für die Versicherung? Muss die anonyme Sammlerin, die den Zuschlag erhielt, zahlen? Die Fragen hatten sich schnell erledigt. Sie werde das Bild abnehmen und den Kaufpreis zahlen, ließ die neue Besitzerin wissen. Sie habe eine Weile gebraucht, um zu realisieren, dass sie ein Stück Kunstgeschichte ersteigert habe. Experten gehen davon aus, dass das Werk durch die Schredderaktion sogar an Wert gewonnen hat. „Banksy hat bei der Auktion kein Kunstwerk zerstört, sondern ein neues geschaffen“, sagt Alex Branczik von Sotheby̕s. Es könnte bald auch öffentlich gezeigt werden. Hoffentlich ist es dann gut versichert.

Text: Hiltrud Bontrup

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