Positionen-Magazin
Indien

Viel Luft nach oben

Auf Europas Märkten sind kaum noch Wachstumssprünge zu erwarten, daher richten die deutschen Versicherer ihren Blick nach Asien. Insbesondere Indien hat sich zum Hoffnungsträger entwickelt. Experten sind sich sicher: Da geht noch mehr – vorausgesetzt, das Land bleibt stabil.

Flüge aus Deutschland landen gewöhnlich weit nach Mitternacht in Mumbai. So gönnt die Megacity mit ihren mehr als 20 Millionen Einwohnern den Besuchern noch eine kleine Atempause. Auf der Fahrt in die Innenstadt lassen nur die hell erleuchteten Baustellen, auf denen Menschen und Maschinen rund um die Uhr riesige Wohn- und Bürotürme in die Höhe treiben, erahnen, was tagsüber noch kommt: Ununterbrochen hupende Autos, Lastwagen, Mopeds, dazwischen von Tieren oder Hand gezogene Holzkarren sowie heilige Kühe sorgen für Verkehrschaos. Eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 Kilometern pro Stunde regt hier niemanden auf. Abgase und Müllberge füllen die feuchtheiße Luft mit süßlichem Duft. 

Trotz Konjunktursorgen wächst Indiens Wirtschaft um sieben Prozent

Und die schon heute dicht besiedelte Metropolregion wächst weiter. Schnell, sehr schnell. Mark Schamp, der über sieben Jahre für den Versicherer Ergo den Standort Mumbai ausgebaut hat, bewertet den Aufschwung Indiens ganz pragmatisch. „Neue Fabriken brauchen neue Mitarbeiter, die wiederum Autos und Mopeds kaufen. Und wir brauchen Risiken, die wir versichern können.“

Zuletzt wuchsen Wirtschaft und Investitionen in der drittgrößten Volkswirtschaft Asiens zwar nicht mehr ganz so rasant, die lange als sicher geltende Wiederwahl des seit 2014 amtierenden Premierministers Narendra Modi im Frühjahr steht auf der Kippe. Doch der langfristige Trend ist ungebrochen: Selbst wenn es mal nicht so läuft, wächst die indische Wirtschaft noch mit sieben Prozent.

„Für international operierende Versicherer ist Indien ein sehr interessanter Markt“

Auch wenn Bürger, Manager und Experten Modis Regierungsbilanz äußerst unterschiedlich bewerten, die deutschen Versicherer haben von seinen Reformen allemal profitiert. Durften sich Allianz und Co. bisher nur mit maximal 26 Prozent an indischen Konkurrenten beteiligen, liegt die Grenze seit 2015 immerhin bei 49 Prozent. Seitdem haben die Großen der Branche ihr Engagement auf dem Subkontinent stark ausgeweitet.

Für international operierende Versicherer ist Indien ein sehr interessanter Markt“, sagt Klaus Wiener, Chefvolkswirt des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). In Deutschland sei bei der Durchdringung mit Versicherungen eine gewisse Sättigung erreicht, typisch für eine hochentwickelte Volkswirtschaft. Entsprechend attraktiv seien Länder im Aufholprozess, so Wiener, idealerweise mit stark wachsender Bevölkerung und marktwirtschaftlichem System. 
Die Ergo-Gruppe wagte sich erst relativ spät auf den indischen Markt. 2007 beteiligte sie sich am Sachversicherer HDFC und stockte ihren Anteil 2015 auf 49 Prozent auf. Ein Jahr später übernahm HDFC einen nationalen Wettbewerber, sicherte sich damit den Zugang zu weiteren Vertriebskanälen und stieg zur landesweiten Nummer drei mit heute 4000 Mitarbeitern auf. „Mit der HDFC als Partner haben wir beste Erfahrungen gemacht, weil wir in dem Joint Venture unsere Stärken bündeln können“, sagt Ergo-Manager Schamp. 15 bis 20 Prozent jährliches Wachstum verbuche der deutsch-indische Sachversicherer seitdem. 

Dazu trägt nicht zuletzt die wachsende Mittelschicht bei, immer mehr Menschen können sich beispielsweise ein Auto leisten. Durch den dichten Verkehr quälen sich Marken aller Hersteller, hier und da eine nur für wenige erschwingliche Luxuskarosse – selbstverständlich mit Sonnendach. Das öffnet bei der Hitze zwar niemand, es ist aber für statusbewusste Inder ein absolutes Must-have. 

Landwirtschaft und Digitalisierung bieten immense Möglichkeiten

Steigender Wohlstand, ein wachsendes Bildungsniveau und Unterstützung durch die Regierung machen Versicherungen immer populärer. So initiierte die Regierung Modi eine Ernteversicherung für Bauern sowie eine Krankenversicherung für den ärmeren Teil der Bevölkerung. Als erster ausländischer Rückversicherer erhielt die Ergo-Mutter Munich Re 2017 die Lizenz, eine nationale Niederlassung eröffnen zu dürfen. „Mit diesem Schritt werden wir näher an unsere Kunden rücken und an einer der spannendsten Entwicklungsphasen des indischen Marktes mit Wachstumsraten von zwölf bis 15 Prozent teilhaben“, sagt Hitesh Kotak, Indien-Chef von Munich Re.

​​​​​​​Dass da noch viel Luft nach oben ist, zeigt schon ein Blick auf die Statistik. Indien gehört zu den Ländern mit der geringsten Versicherungsdichte: Umgerechnet gerade mal 73 US-Dollar pro Einwohner geben die Bürger für Policen aus. In Deutschland sind es 2687 US-Dollar (siehe Grafik). Seit der ersten Liberalisierung des Versicherungsmarktes im Jahr 2000 hat sich das Prämienaufkommen des wachstumsstarken Schwellenlandes aber bereits mehr als versiebenfacht.

Die Allianz-Tocher AGCS rechnet mit einem Wachstum des Rückversicherungsmarktes von elf bis 14 Prozent in den nächsten Jahren. Im indischen Rückversicherungsgeschäft peile man bis 2023 ein Prämienvolumen von rund 50 Millionen Euro an und sehe Chancen vor allem bei großen Bauvorhaben, in der Automobilwirtschaft, bei Elektronik, Kommunikation, Cyber- und IPO-Versicherungen.

Hitesh Kotak erwartet starke Zuwächse in der Landwirtschaft, die das Land nach wie vor prägt und deren Erträge nicht zuletzt vom launischen Monsun abhängen. Eine eigene Geschäftseinheit mit Agrarexperten entwickele derzeit neue Produkte. Zudem habe man gemeinsam mit Insurtechs eine Cyberversicherung für den privaten Markt entwickelt, die gut angenommen werde. „Die auch in Indien stark voranschreitende Digitalisierung wird uns immense Möglichkeiten bieten, neue Versicherungsprodukte zu kreieren, die wir dann digital vertreiben“, so der Munich-Re-Manager. 

Selbst 80-jährige Taxifahrer zahlen Straßenmaut per App und bieten kostenloses WLAN im Auto

Denn auch in Indien boomt das Handygeschäft. Vom Bauern auf dem Feld über den Rikschafahrer bis zum Geschäftsmann in der Metro: Vier von fünf Indern besitzen ein Smartphone, gern mit großem Bildschirm, um Bollywood-Filme zu schauen. Wie in Deutschland stöhnt man über die Netzqualität und verblüfft Besucher gleichzeitig mit Fortschritt pur, etwa wenn ein 80-jähriger Taxifahrer in seinem Wagen kostenloses WLAN hat und die Brückenmaut via App bezahlt.

Zu den Segmenten mit Potenzial zählt Ergo-Manager Schamp zudem die Kfz-Versicherung sowie die Gebäudeversicherung für Gewerbe und Industrie. Bei Fahrzeugversicherungen, die meist über Hersteller und Händler vertrieben werden, verbuchte etwa der französische Rivale Axa 2018 ein Plus von 15 Prozent. Dessen Indien-CEO Sam Ghosh beobachtet zudem, dass immer mehr Inder Lebensversicherungen abschließen.

Dass der indische Markt nicht frei von Tücken ist, das verhehlen die Manager nicht. Die Branche sei extrem wettbewerbsintensiv, zumal neben öffentlichen und privaten Versicherern jetzt auch zunehmend junge Insurtechs die Platzhirsche mit digitalen Geschäftsmodellen angreifen.

Mit Spannung blickten die Versicherungsmanager auf die Wahl im Frühjahr. „Die künftige Attraktivität des Standortes hängt ganz entscheidend von der inneren Stabilität des Landes ab“, sagt Ergo-Manager Schamp.

Text: Eli Hamacher

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