Positionen-Magazin
Um den Glo­bus

Ver­si­chern im Liba­non: Situa­tion ange­spannt

Auch 30 Jahre nach dem Bürgerkrieg kommt das einstige Vorzeigeland des Nahen Ostens nicht zur Ruhe: Seit der verheerenden Explosion in Beirut gibt es zunehmend gewalttätige Proteste. Die Situation ist angespannt – auch für viele Versicherer.

Wirtschaftskrise

Gut sechs Millionen Einwohner hat der Libanon – und mehr als 50 Versicherungsunternehmen, mehr als jedes andere Land der Region. Zum Vergleich: Ägypten liegt im Ranking der Makleragentur Al Bayan mit 37 Anbietern auf Platz zwei – und das bei mehr als 100 Millionen Einwohnern. Doch der Libanon steckt 30 Jahre nach dem Bürgerkrieg in der größten Wirtschaftskrise seiner Geschichte, die auch die Versicherer hart trifft. Branchenkenner erwarten, dass aufgrund der Folgen der verheerenden Explosion in Beirut Anfang August und der Corona-Pandemie einige Anbieter in finanzielle Turbulenzen und Existenznöte geraten könnten.

Sachversicherung

Die gewaltige Explosion im Hafen von Beirut hat eine erhebliche Versicherungslücke offenbart. Der nationale Versicherungsverband ACAL schätzt, dass lediglich 30 Prozent der entstandenen Schäden von voraussichtlich 15 Milliarden US-Dollar versichert sind. Sachversicherungen machen im Libanon einen Anteil von nicht einmal zehn Prozent der Prämiensumme aus – und das Segment wächst besonders langsam. Einer Analyse des libanesischen Kreditinstituts Bankmed zufolge liegt das vor allem am Preiskampf. Sachversicherungen seien lange nicht rentabel für die Versicherer gewesen.

Krankenversicherung

Nur 47 Prozent aller Libanesen sind krankenversichert, davon sieben Prozent privat. Alle Übrigen sind im Krankheitsfall auf staatliche Unterstützung angewiesen. Das Gesundheitsministerium über-nimmt einen Großteil der Krankenhauskosten und gibt dafür jedes Jahr fast zwei Drittel seines Budgets aus. Der Staat ist somit Hauptfinanzierer der meist privaten Krankenhäuser. Die Hilfe erhält jedoch nur, wer seit mindestens zehn Jahren Staatsbürger ist. Die mehr als zwei Millionen Flüchtlinge, die meisten von ihnen Syrer, haben somit keinen Versicherungsschutz. 

Krawallversicherung

Die seit Monaten andauernden Proteste werden zunehmend gewalttätig. Der libanesischen Zeitung „Daily Star“ zufolge ist die Nachfrage nach Versicherungen gegen Schäden durch Krawalle deutlich gestiegen. Anders als in Deutschland ist etwa ein bei Protesten zerstörtes Auto nicht durch die Teil- oder Vollkaskopolice gedeckt. Meist braucht es eine Spezialversicherung gegen „Streiks, Unruhen und Aufruhr“, doch die Prämien dafür steigen massiv. Laut „Daily Star“ haben viele Anbieter sie sogar aus dem Programm genommen. Im World Peace Index steht der Libanon aktuell auf Rang 146 – hinter Mali, Palästina und dem Iran.

Text: Robert Otto-Moog; Illustration: Michael Stach

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