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Tarif-Dif­fe­ren­zie­rung: Jeder ist anders

Darf eine Versicherung für ältere Menschen teurer sein als für junge? Die Differenzierung der Tarife nach Risiko ist ein Grundprinzip der Assekuranz. Kritiker sehen darin Diskriminierung. Zu unrecht.

Dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages wurde eine ungewöhnliche Petition zugestellt: In ihr beklagt sich ein älterer Herr über eine angebliche Altersdiskriminierung in der Autoversicherung. Das Alter, so der Senior, dürfte bei der Kalkulation der Versicherungsprämie keine Rolle spielen.

Solche Diskriminierungsvorwürfe stellen ein elementares Prinzip infrage: Die Differenzierung der Beiträge nach Risikogruppen gehört zum Kerngeschäft privater Versicherer. Sie ist Bestandteil des Geschäftsmodells und sorgt für eine faire Verteilung der Kosten im Kollektiv der Versicherten. Daran ändert im Grundsatz auch eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs nichts: Seit sechs Jahren dürfen Versicherer die Beiträge nicht mehr nach Geschlecht differenzieren – die Richter hatten so entschieden.

Ist eine Differenzierung nach Risiko nicht mehr vernünftig? Bonusprogramme für sportliche Versicherte in der gesetzlichen Krankenversicherung. Höhere Lebensversicherungsprämien für Menschen mit Übergewicht. Diskriminierend?

Fliesenleger und Dachdecker zahlen mehr für die Berufsunfähigkeitsversicherung als Büroangestellte. Schwere Vorerkrankungen können den Zugang zu Lebensversicherungsschutz erschweren. Alles plötzlich ungerecht und sozial verwerflich? 

Wir beobachten, dass sich in Berlin und in Brüssel verschiedene Interessengruppen über eine vermeintliche Diskriminierung durch Prämiendifferenzierungen beklagen“, sagt Thomas Menning, Leiter der Abteilung Mathematik und Produktfragen beim GDV. Allerdings sei eine Differenzierung der Prämien nach dem Risiko per se keine unfaire Diskriminierung. Wenn man beide Begriffe einfach gleichsetze, würden Versicherer womöglich gezwungen, nicht tragfähige Tarifkonstruktionen anzubieten.

Es ist nicht per se ungerecht, unterschiedliche Beiträge zu verlangen. Der Gesetzgeber erlaubt sogar für besonders sensible Merkmale wie Lebensalter oder Behinderung eine Differenzierung nach „anerkannten Prinzipien risikoadäquater Kalkulation“ ausdrücklich, und zwar laut Paragraf 20 Absatz 2 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG). Der Versicherer hat schließlich kein Interesse, falsch zu differenzieren. Denn er will das Risiko richtig bewerten.

Maßgeschneiderte Tarife sind für viele Kunden von Nutzen

„Die entscheidende Frage bei der Prämiendifferenzierung lautet: Gibt es konkrete und statistisch eindeutig nachweisbare und sachbegründete Risikomerkmale, an denen die Differenzierung festgemacht werden kann?“, erklärt Hans-Peter Schwintowski, Rechtsprofessor an der Humboldt-Universität Berlin und früherer Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats beim Bund der Versicherten. Wer diese Frage mit Ja beantworten kann, dürfe unterschiedliche Beiträge berechnen. „Das ist keine unfaire Ungleichbehandlung, sondern eine Kategorisierung der Versicherungsnehmer in Gruppen mit ähnlich hohen Risiken.“ Junge Autofahrer etwa bauen im Schnitt mehr Unfälle. Daher zahlen sie im Schnitt höhere Beiträge für die Kfz-Versicherung als etwa Fahrer mittleren Alters. Raucher wiederum sterben im Schnitt früher, deshalb müssen sie etwa für eine Risiko-Lebensversicherung höhere Beiträge zahlen als Nichtraucher. 

„In jüngerer Zeit ist das Vertrauen der Verbraucher, dass private Versicherungen ihre Risikoberechnungen korrekt, fair und angemessen durchführen, allerdings gesunken“, sagt Schwintowski. „In der öffentlichen Debatte entsteht stattdessen der Eindruck, dass Versicherungen auf dem Weg sind, eine immer individuellere Selektion von Risiken vorzunehmen.“ Es stehe der Vorwurf im Raum, dass höhere Prämien für Übergewichtige, Kranke, Junge oder Alte in Wahrheit dazu diesen sollen, schlechte Risiken auszusortieren.

Diesen Vorwurf nimmt auch Frank Hilbert wahr. Der Vorstand der Hannoverschen Lebensversicherung in der VHV-Gruppe engagiert sich beim GDV als Leiter des Themenbereichs Biometrie im Mathematikausschuss. Eine Ursache für das Misstrauen gegenüber Versicherern sieht er im verstärkten Einsatz von modernen Datenanalysen, künstlicher Intelligenz und selbstlernenden Algorithmen. Das löse bei vielen Verbrauchern Ängste aus. „Die Menschen fragen sich: Entscheidet irgendein Algorithmus, ob ich eine Versicherung bekomme oder nicht?“ Diese Sorgen seien ernst zu nehmen. Allerdings dürfe dabei nicht untergehen, dass die statistische Berechnung von Schadenswahrscheinlichkeiten schon immer zum Geschäft von Versicherungen gehört habe. Nur dass heute immer bessere Computer immer differenziertere Berechnungen anstellten.

Der Einsatz von Algorithmen passiert zudem nicht im rechtsfreien Raum. Die Gesetze zum Schutz der Verbraucher greifen selbstverständlich unabhängig von der verwendeten Technik. Verbraucher haben zudem durch die Datenschutz-Grundverordnung auch die Möglichkeit, automatisierte Entscheidungen anzufechten und eine manuelle Prüfung einzufordern. Zudem ist die Versicherungsbranche eine hochregulierte Branche, mit einer starken Aufsicht durch die Bafin.

Vergleiche man die Situation mit der vor zehn Jahren, finde heute definitiv mehr Differenzierung statt, sagt Hilbert. Das bringe für viele Versicherte allerdings Vorteile in Form günstigerer Tarife mit sich. „Die Digitalisierung eröffnet weitere Möglichkeiten für individuellere Angebote, für genauere Risikokalkulation und damit angemessene Versicherungskosten“, so Hilbert.

Dass durch solche individuellen Tarife der Kollektivgedanke von Versicherungen verloren gehe, glaubt Hilbert nicht: „Nur weil ich dem Nichtraucher einen anderen Tarif anbiete als dem Raucher oder dem Sportler eine andere Prämie als dem Übergewichtigen, verlassen diese ja das Kollektiv nicht“, sagt er. „Ich versichere immer noch dieselben Personen. Jede zahlt ihre individuelle Prämie, jede wird nach dem gleichen Bewertungsschema beurteilt.“ Gleiches werde also weiterhin gleich behandelt. Wer Einheitstarife fordere, verlange eine Abkehr von diesem Prinzip, sagt Hilbert. „Unsere Aufgabe ist es, Menschen gegen den Zufall zu versichern. Unsere Aufgabe ist es nicht, für einen Ausgleich der Versicherungsprämien zwischen Menschen mit unterschiedlichen Risiken zu sorgen.“

Einheitstarife sind nicht gerecht

GDV-Mathematiker Menning warnt davor, viele Themen miteinander zu vermengen: „In der politischen Debatte werden Fragen der Risikokalkulation oft mit sozialen, moralischen und ethischen Fragen vermischt.“ Dabei wäre bei Einheitstarifen der Versicherungsschutz für die meisten Menschen teurer als in einem System mit Differenzierungen. Mehr noch: Manche Versicherungen würden womöglich gar nicht mehr angeboten.

Im Fall der Unisextarife hat sich der Gesetzgeber anders positioniert: Um unterschiedliche Prämien für Frauen und Männer zu vermeiden, ist er bereit, Mehrkosten in Kauf zu nehmen. „Bei den Unisextarifen haben sich die Mehrkosten noch in Grenzen gehalten“, sagt Menning. Er warnt aber: „Wenn wegen der Vorwürfe von Altersdiskriminierung nun auch Uni-Age-Tarife ernsthaft diskutiert werden oder Versicherer Vorerkrankungen nicht mehr berücksichtigen dürfen, würden die Folgen sehr viel drastischer ausfallen.“

Einheitstarife würden zudem neue Debatten auslösen, sagt Menning: „Es ist doch nicht gerecht gegenüber Kunden mit geringen Schadenrisiken, wenn eine klar identifizierbare Kundengruppe trotz höherer Schadenrisiken keine höheren Prämien zahlt.“

Text: Sarah Sommer

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