Positionen-Magazin
Reden wir über Sicher­heit mit Brauns­bachs Bür­ger­meis­ter Frank Harsch

Sturz­flu­ten von Brauns­bach: „Es war sehr, sehr knapp”

2016 verwüstete eine Sturzflut das beschauliche Braunsbach bei Schwäbisch-Hall. Bürgermeister Frank Harsch erzählt, wie er die Katastrophe erlebt hat, warum die Gemeinde noch heute mit den Folgen kämpft und was sie zur Vorbeugung tut.

Herr Harsch, die Bilder von der Jahrhundertflut gingen um die Welt. Was ist Ihre prägnanteste Erinnerung?
Frank Harsch: Der 29. Mai war ein schöner, warmer, aber schwüler Tag. Um 19.30 Uhr tröpfelte es, 15 Minuten später setzte Starkregen ein. Erst floss sauberes Wasser die Straßen herunter, dann kamen schlammige Ströme, die Geröll, Steinbrocken, entwurzelte Bäume und sogar Autos mit sich rissen – auch meines. Um 20.30 Uhr war alles vorbei. Das ging von null auf 100. 

Wo waren Sie?
FH:
Erst allein hier im ersten Stock des Rathauses, dann kamen noch zwei andere Braunsbacher. Durch die Wände und Türen im Erdgeschoss drangen die Wassermassen, an Flucht war nicht mehr zu denken. Ich habe versucht, die Feuerwehr zu erreichen, aber die Leitungen waren tot. Wie durch ein Wunder ist niemand gestorben. FH: Ja, es war aber oftmals sehr, sehr knapp. Ein Braunsbacher Rentner kontrollierte gerade die überlaufende Regenrinne, als sein halbes Haus von der Flut weggerissen wurde, inklusive Wohnzimmer, in dem er kurz zuvor noch auf dem Sofa gelegen hatte. Seine Frau war in der Küche – in der Hälfte, die stehen blieb. 

Hatte der Wetterdienst denn nicht vor der nahenden Katastrophe gewarnt?
FH:
Nein, mit so einem Jahrhundertwolkenbruch hatte niemand gerechnet. 

Der unglaublich viel Kraft hatte ...
FH:
100.000 bis 150.000 Liter pro Sekunde wurden in der Spitze durch den Ortskern gewälzt. Die Sturzflut stieg auf der Straße bis zu drei Meter hoch. 

Und 45 Minuten verursachten einen kaum vorstellbaren Schaden von geschätzt 100 Millionen Euro.
FH:
Wir haben sofort einen Krisenstab gebildet, um das Chaos zu managen. 42.000 Quadratmeter Geröll mussten weggeräumt werden, 128 Autos waren Schrott, 25 Häuser nicht mehr bewohnbar. In der Volksbank waren sogar alle Schließfächer aufgebrochen.

Oh, da hatten Diebe ja leichtes Spiel.
FH:
So schnell haben die ihre Chance nicht erkannt. Der Krisenstab hat direkt am nächsten Tag bei der Polizei Objektschutz für Braunsbach angefordert. Es kamen 50 Polizisten. 

In solch einer Krise kann man sich nur wünschen, gut versichert zu sein.
FH:
Eine Gebäudeversicherung, die früher mal Pflicht war, hatten immer noch alle Betroffenen. Bei der Hausratversicherung hatte jeder zweite Geschädigte jedoch keinen Elementarschutz abgeschlossen, da sah es schwieriger aus. Die Sparkassenversicherung hat später bundesweit alle Kunden kontaktiert und über den Elementarschutz aufgeklärt.

Was hat Braunsbach zur Prävention unternommen?
FH:
Wir haben oben am Hang Geröllfänge gebaut, die Kanäle und auch die Verdolungen größer dimensioniert, um die Entwässerung zu verbessern. Außerdem wollen wir ein Projekt zum Thema Böden starten. Experten sagen, dass die Böden wegen des Maisanbaus und der schweren landwirtschaftlichen Maschinen immer stärker verdichtet werden und deshalb weniger Wasser versickern kann.

Wie stark beschäftigt Sie die Katastrophe heute noch?
FH:
Täglich, es dauert sicher noch rund zwei Jahre, bis alle Häuser und Straßen neu gebaut oder saniert sind. Die Sporthalle haben wir gerade erst eingeweiht. 

Kann das wieder passieren?
FH:
Ich hoffe wirklich nicht. Man kann durch kluge Prävention die Wahrscheinlichkeit mathematisch verringern, aber mehr auch nicht. Da stößt der Mensch an seine Grenzen.

Hatte die Flut auch etwas Gutes?
FH:
Wir hatten Glück im Unglück. Stark betroffen war nur Braunsbach. Die Hilfe hat sich deshalb voll auf uns konzentriert. Auf dem Spendenkonto der Gemeinde gingen 1,7 Millionen Euro aus ganz Deutschland ein. Und ich war wirklich überrascht vom regionalen und überregionalen Zusammenhalt. 

Was passiert am 29. Mai 2020?
FH:
Wie in jedem Jahr treffen wir uns um 20 Uhr zu einem Gottesdienst. 2017 haben wir zudem ein kleines Museum, die „Flutkiste“, gebaut, in dem das Unglück dokumentiert wird. Ich war vor acht Jahren in Thailand. Dass dort an keiner Stelle der mehr als 200.000 Toten gedacht wird, hat mich erschüttert. Man muss die Erinnerung wachhalten.

Interview: Eli Hamacher

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