Positionen-Magazin
Pro & Con­tra

Sol­len Men­schen so lange arbei­ten, wie Sie kön­nen?

Mit 65 Jahren scheiden Menschen aus dem Erwerbsleben aus, egal wie fit sie sich fühlen. Doch wird der Zwang zur Rente aufgehoben, stellt sich eine neue Frage: Gibt es fürs Arbeiten eine biologische Grenze?

Die menschliche Lebenserwartung ist in den vergangenen 170 Jahren rapide gestiegen. Sie wuchs im Schnitt um drei Monate pro Jahr! Diese medizinische, gesellschaftliche und technologische Errungenschaft prägt unseren Lebensstil und unsere individuelle Lebensplanung. Eine erhöhte Lebenserwartung geht nicht nur mit einer verlängerten Phase des Alt-Seins einher. Vielmehr verlängern sich alle Lebensphasen, man könnte von einer Entkopplung von biologischem und tatsächlichem Alter sprechen. Die Altersforschung beobachtet beträchtliche Unterschiede im Alterungsprozess: Manche Menschen sind mit 60 alt und anfällig für Krankheiten, zugleich gibt es immer mehr Menschen, die gesund über 100 Jahre alt werden. Außerdem zeigt die Forschung, dass Veränderungen in einzelnen Genen die Lebenserwartung von Tieren erheblich verlängern können. Dies spricht für ein neues Verständnis des Alterns: Es ist kein ungerichteter Funktionsverlust, sondern ein Prozess, der koordiniert verläuft und eventuell zukünftig aktiv gebremst werden kann. Es ist zu erwarten, dass die durchschnittliche menschliche Lebenserwartung weiter steigen wird. Dies stellt unsere Gesellschaft vor große Herausforderungen, mit denen wir flexibel umgehen müssen.

Mit steigender Lebenserwartung wächst auch die Phase des Lebens, in der Menschen arbeiten können und wollen. Dies sollte von der Politik erkannt und umgesetzt werden. Natürlich sollte dies individuelle Situationen berücksichtigen: Beschäftigte in körperlich sehr anstrengenden Berufen können natürlich nicht bis ins hohe Alter arbeiten. Andere Berufe dagegen können länger ausgeübt werden. Eine ganz einfache Lösung: Es sollte dem Menschen selbst überlassen werden, wie lange er arbeiten will und kann.

Deutschen Betrieben droht der Verlust von Arbeitskraft und Know-how, wenn bis zum Jahr 2030 etwa 20 Millionen Menschen das Rentenalter erreichen und Nachwuchs fehlt. Arbeitgeber sind gefordert, Lösungen zu finden. Diese bestehen nicht darin, Fachkräfte zur längeren Vollzeitarbeit aufzufordern. Hört man sich bei den Betroffenen um, möchte nicht einmal ein Drittel von ihnen (28 Prozent) bis zum aktuellen gesetzlichen Renteneintrittsalter voll erwerbstätig bleiben. Das ist ein Ergebnis der berufundfamilie-Umfrage „Arbeit und Alter“.

Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten (56 Prozent) würde sich allerdings über einen flexiblen Wechsel in den Ruhestand freuen. Es sind also die Bedingungen, mit denen Arbeit im Alter steht und fällt. Nicht „Durchpowern im Job“ ist das Credo, sondern vielmehr der sinnstiftende und altersgemäße Einsatz von Potenzialen. Denn mit steigendem Alter der Beschäftigten erhöht sich auch die Vielfalt in der Leistungsfähigkeit. Viele können es sich gut vorstellen, ab 50 Jahren ihre Arbeitszeit zu reduzieren, um diese in Zeit für Familie oder gesellschaftliches Engagement zu investieren. Dafür zeigen sie sich dann häufig offener, ihr Know-how in Teilzeit oder als Mentor für den Nachwuchs auch nach dem Renteneintrittsalter in den Betrieb einzubringen.

Kurz gesagt: Erwerbstätigkeit mag für viele Beschäftigte bereits zum Alter dazugehören. Jedoch muss es Spielraum in Form und Umfang geben, um den individuellen Lebensentwürfen und -plänen gerecht zu werden. Die schrittweise Reduzierung der Erwerbstätigkeit soll und muss möglich sein. Und auch wer sein höheres Alter gänzlich ohne Erwerbstätigkeit genießen möchte, soll dazu die Möglichkeit bekommen – ohne schlechtes Gewissen.

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