Positionen-Magazin
Zeit­al­ter der Kata­stro­phen

Schwarze Schwäne: Risi­ken, die Corona noch über­tref­fen könn­ten

Sicher ist nur die Unsicherheit: Die Welt nach Corona wird nicht mehr dieselbe sein. Und weitere globale Risiken drohen. Das 21. Jahrhundert könnte das Zeitalter der Katastrophen werden. Was wir jetzt tun müssen.

Corona? Halb so wild. Lockdown, Grundrechtsbeschränkungen, globale Rezession? Nichts im Vergleich zu dem, was noch kommt. Katastrophenforscher malen uns für die kommenden Jahrzehnte erschreckende Szenarien aus: Terroranschläge werden zum grausamen Alltag, Cyberangriffe legen Kliniken lahm. Tagelange Stromausfälle lassen die Versorgung zusammenbrechen, Plünderer und Verzweifelte ziehen durch die Straßen. Zugleich schlägt die Natur zurück: In den Wäldern vertrocknen die Bäume, Insekten und Vögel sterben, Felder verdorren. Sturmfluten überschwemmen die Küsten, der steigende Meeresspiegel verschlingt ganze Inseln. Pandemien, wie wir sie gerade erleben, werden zur Regel, breiten sich binnen Wochen aus und töten Hunderttausende. So grausam und gewaltig Corona angesichts von rund acht Millionen Infizierten und mehr als 440.000 Toten weltweit momentan erscheinen mag – es könnte nur der harmlose Auftakt eines neuen Zeitalters sein. Das Zeitalter der globalen Katastrophen. 


Neu sind diese Szenarien nicht. Fachleute warnen seit Jahren vor den wachsenden Bedrohungen, die unser Lebensstil und die Globalisierung mit sich bringen. Doch niemand hörte ihnen zu. Epidemiologen, Virologen und auch Microsoft-Gründer Bill Gates sahen in Sars, Vogel- und Schweinegrippe bereits die Vorboten globaler Seuchen. 2012 ließ die Bundesregierung einen Pandemieplan erarbeiten – und doch war Deutschland nicht ausreichend auf Corona vorbereitet. Keine Nation war das. Die Menschheit hätte das, was auf sie zukam, sehen können, aber sie hat sich entschieden, nicht hinzuschauen. Im Gegenteil: Sie hat die Ursachen globaler Krisen weiter und weiter angefacht und bis heute nicht damit aufgehört. 

Wir wollten immer mehr und bekamen immer mehr. Billige Reisen, freie Fahrt, massenhaft Fleisch, Konsum per Klick. Während 2019 vor unseren Augen die Pflanzen vertrockneten, stieg die Zahl der Flugreisen weiter. Und obwohl 2015 sogar der Bundestag gehackt wurde, schaffen wir es bis heute nicht, lebenswichtige Einrichtungen wie Krankenhäuser vor Cyberangriffen zu schützen. Der Mensch ist ein Meister der Verdrängung. Solange bis ihn die Umstände zum Handeln zwingen, weil er sie nicht länger ignorieren kann. 

Der amerikanische Risikoanalyst Nassim Nicholas Taleb bezeichnet solche einschneidenden Ereignisse, die die Menschheit völlig überraschend treffen und den Lauf der Welt verändern, als „schwarze Schwäne“. Der Terrorangriff auf das World Trade Center am 11. September 2001 zerstörte das Gefühl von Sicherheit weltweit, die Finanzkrise 2008 erschütterte das globale Finanzsystem, die wirtschaftlichen und politischen Folgen spüren wir bis heute. Die Corona-Krise ist für Taleb ein „weißer Schwan“, wie er in einem Text für die „Neue Zürcher Zeitung“ schreibt. Weiße Schwäne haben nach seiner Definition dasselbe globale Disruptionspotenzial wie die schwarzen Schwäne – mit dem Unterschied, dass sie vorhersehbar sind. 

„Pandemien sind unvermeidlich, sie resultieren aus der Struktur der modernen Welt“, analysiert Taleb. Anfang 2020 brachte die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich auch noch den „grünen Schwan“ ins Spiel: den Klimawandel und seine Folgen, die in ihrem Zusammenwirken eine Zerstörungskraft entfalten können, die bis heute niemand überblicken kann.

Katastrophen wirken häufig als Verstärker bestehender Probleme

Allen Schwänen gemeinsam ist, dass sie die Welt zu einem Bewusstseinswandel zwingen. Die wichtigste Lektion: Sicherheit gibt es nicht! Mit dem Zeitalter der globalen Krisen treten wir in eine Ära ein, für die wir kaum Erfahrungen mitbringen. Wir müssen mit dem Wissen leben, dass es uns irgendwann erwischt – doch genau dieses Wissen macht uns stärker und handlungsfähiger. Taleb nennt das „Antifragilität“: Eine Gesellschaft, die auf Störungen gefasst ist, sei robuster und vitaler als eine, die in einer Rüstung letztlich unzureichender Sicherungssysteme verkümmert. 

Die Wissenschaft bezeichnet die Fähigkeit, einen großen Schlag kommen zu sehen und abzufedern, als Resilienz. Die Basis dafür, darin sind sich die Denker und Forscher einig, ist gesellschaftlicher Zusammenhalt. Ernsthaft gelebte Gemeinschaft. Und zwar national wie international. Es gilt, den Schwächeren zu helfen und die vorhandenen Ressourcen ebenso gerecht zu verteilen wie die Lasten. Misslingt dies, drohen zusätzlich zu den unmittelbaren Folgen der Krise auch noch gesellschaftlicher Zerfall, soziale Unruhen, Hungersnöte, Massensterben. 

Katastrophen wirken häufig als Verstärker bestehender Probleme – und die daraus resultierenden langfristigen Konsequenzen sind oft gefährlicher als das Primärereignis. Gut möglich, dass weltweit noch Millionen Menschen an Covid-19 sterben. Am Virus, aber auch an den Folgen von Arbeitslosigkeit, Armut oder eines überforderten Gesundheitssystems. In Krisenzeiten nehmen Depressionen, Alkoholismus und Suizide zu, die Lebenserwartung verkürzt sich. 

Katastrophenforscher Voss: „Es sind Solidarität, Vertrauen, Fairness, die uns resilienter machen.“

Der Katastrophenforscher Martin Voss von der Freien Universität Berlin ist überzeugt: „Die meisten Katastrophenopfer sterben an den Folgen ökonomischer Verwerfungen.“ Voss hat in vielen Projekten erforscht, wie Gruppen am besten durch kritische Phasen kommen. „Am Ende landet man immer wieder bei den Weisheiten der alten Weltreligionen: Es sind Solidarität, Vertrauen, Fairness, die uns resilienter machen.“ Das klingt trivial und ist doch so schwierig, wie die weltweiten Reaktionen auf die Corona-Pandemie gerade gezeigt haben. Menschen chinesischer Herkunft wurden ausgegrenzt und angefeindet, für den Export bestimmte Atemschutzmasken beschlagnahmt, Grenzen geschlossen. Auch dass Hilfsgüter und -gelder gerecht verteilt werden, ist nicht selbstverständlich. „Große Unternehmen nutzen eine Krise oft, um ihre Stakes weiter auszuweiten“, sagt Voss. „Gutgehende Konzerne etwa greifen ohne Not Hilfsmittel und Steuererleichterungen ab. Das ist fatal, weil es Vertrauen zerstört.“

Gemeinsinn, Ausgleich, Lastenverteilung – was gefragt ist, sind die Grundprinzipien des Versicherungswesens

Gemeinsinn, Ausgleich, Lastenverteilung – was jetzt gefragt ist, sind die Grundprinzipien des Versicherungswesens. Nur sind Katastrophen globalen Ausmaßes für private Unternehmen nicht zu stemmen, selbst die Branche als Ganzes würde das überfordern. Das Geschäftsmodell der Versicherer basiert darauf, dass nur ein kleiner Teil der Kunden einen Schaden erleidet, der dann aus den Mitteln der Solidargemeinschaft beglichen wird. So haben zum Beispiel pro Jahr etwa sieben bis acht Prozent der Autohalter einen Unfall. Wären es plötzlich deutlich mehr, geriete das System aus dem Gleichgewicht. Genau das ist das Problem der Großkatastrophen, auch Kumulrisiken genannt: Das Prinzip versagt, weil alle zugleich Hilfe brauchen.

Partnerschaften zwischen Privatwirtschaft und öffentlicher Hand

Was nicht heißt, dass deshalb das Prinzip falsch ist, es braucht nur eine breitere Basis. Laut GDV-Geschäftsführer Jörg Asmussen ist die Politik in der Verantwortung, jetzt ökonomisch solidarisch zu reagieren, um Europa erfolgreich durch die Corona-Krise zu führen. Ein Vorbild könnte Extremus sein, eine privat-öffentliche Partnerschaft, bei der Versicherer und Staat gemeinsam Terrorismusrisiken absichern. Ein solches Modell wird auch für Pandemien und Naturkatastrophen diskutiert (siehe Seite 10). Allianz-Chef Oliver Bäte fordert als Polster einen europäischen Notfonds, in den Versicherer und Regierungen aller Länder einzahlen: „In einem Extremszenario wie einer Pandemie wird das private Kapital nie ausreichen, da brauchen wir immer eine Partnerschaft zwischen öffentlicher Hand und Privatwirtschaft“, sagte er dem „Spiegel“. Ähnlich äußerte sich Axa-Chef Thomas Buberl. Wie wird die Zukunft? Vermutlich anders, als wir sie uns ausgemalt haben. Es ist unwahrscheinlich, dass uns das Streben nach maximaler Effizienz, das Erfolgsmodell der vergangenen Jahrzehnte, auch durch die kommenden trägt. Wir müssen lernen, Diversität und Puffer aufzubauen, die Risiken zu streuen. Das bedeutet, die Zahl der Intensivbetten hoch zu halten, ebenso die Vorräte an Schutzausrüstung. Der weltweite Handel braucht mehrere parallele Lieferketten, um auf eine alternative Bezugsquelle ausweichen zu können, falls die angestammte ausfällt. Denn das wird passieren. Irgendwann. 

Bei Krisenbewältigung kommt es immer auf die Menschen an 

Leitfäden und Pläne für den Katastrophenfall dürfen nicht länger in Schubladen versauern, Unternehmen, Behörden und Anbieter kritischer Infrastruktur wie Strom- und Wasserversorger müssen sie anwenden und ständig auffrischen. Risiken bewusst machen, Dominoeffekte voraussehen, Schutzmaßnahmen umsetzen. Damit im Notfall alles bereit ist: Ausrüstung, IT, Kommunikation, Versorgung – und die Menschen. Das Frankfurter Zukunftsinstitut sieht in deren Vielfältigkeit einen weiteren Grundpfeiler der Resilienz: Eine Organisation mit vielen verschiedenen Persönlichkeiten könne eine Katastrophe besser voraussehen und dank unterschiedlicher Perspektiven und Fähigkeiten agiler reagieren. Ein weiterer Punkt: Selbstregulation. Wo Menschen nicht auf ein zentrales Kommando warten müssen, können sie besser und schneller auf die Lage vor Ort reagieren. Einheitslösungen für alle gibt es nicht, lange Befehlsketten und starre Hierarchien kosten zu viel Zeit. Dagegen hätten sich das föderale Prinzip in Deutschland und die Zusammenarbeit der gut eingespielten, ehrenamtlichen Rettungsorganisationen in der Corona-Krise bewährt, so der Kieler Krisenforscher Frank Roselieb. Nur wenn im Ernstfall alle Räder ineinandergreifen, entsteht die nötige Schlagkraft. „In Krisen Köpfe kennen“ lautet das Motto des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Regelmäßig werden hier mit allen beteiligten Ebenen alle vorstellbaren Katastrophenlagen durchgespielt, vom Cyberangriff über die Pandemie bis zum Blackout. Wir alle sollten das schleunigst tun.

Text: Hiltrud Bontrup

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