Positionen-Magazin
Auf­klä­rung statt Ver­sor­gungs­lücken

Ren­ten­in­for­ma­tion: Alles auf einen Blick

Wie viel Rente bekomme ich im Alter? Die meisten Deutschen wissen es nicht, weil jeder Anbieter seine eigene Mitteilung verschickt. Die Versicherer wollen das durch ein gemeinsames Renteninformationssystem ändern.

Deutschlands Rentenlandschaft ist zerklüftet wie kaum eine andere: Mehrere Millionen Versicherte treffen auf Tausende von Möglichkeiten der Altersvorsorge. Private Rentenversicherungen, Versorgungswerke, Betriebsrenten, Riester – und natürlich die gesetzliche Rente: Bei der Vielzahl der Angebote fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Noch viel schwieriger ist es für viele Beschäftigte herauszufinden, wie viel eigentlich unterm Strich herausspringt, wenn es einmal so weit ist. Die meisten können das nicht einmal grob schätzen. Doch genau das soll sich nun ändern. Die Bundesregierung plant eine „säulenübergreifende Altersvorsorgeinformation“. Was klingt wie ein bürokratisches Monstrum, wäre in Wahrheit eine große Erleichterung für alle Berufstätigen: eine Internetseite, auf der alle Rentenansprüche zusammengefasst wären – gesetzliche, private und betriebliche Altersvorsorge. Die Frage, wie hoch die monatliche Rente ausfällt, wäre beantwortet.

In Ländern wie Schweden, Dänemark oder den Niederlanden gibt es das längst (siehe Seite 45). Versicherte in Deutschland erhalten bisher einmal im Jahr von jedem Anbieter einzeln eine schriftliche Info zu ihrer Rente. In der sogenannten Standmitteilung listet jede Versicherung den derzeitigen Anspruch auf. Um einen Eindruck von der gesamten Rentenleistung zu bekommen, muss jeder Beschäftigte die Einzelergebnisse aller Briefe zusammenrechnen.

Diese Aufgabe soll künftig das Renteninformationssystem übernehmen. Doch bis es so weit ist, sind noch einige Fragen zu klären.

Was genau soll das geplante Renteninformationssystem leisten?

Einig sind sich alle Beteiligten in einem: Das Auskunftssystem soll einfach sein. Seit 2017 arbeiten Vertreter der privaten, betrieblichen und gesetzlichen Altersvorsorge gemeinsam an einer Lösung. „Nutzer der Plattform müssen wissen, wie viel Rente sie bekommen, wenn sie weiter ihre bisherigen Beiträge zahlen. Und sie müssen wissen, welche Leistung heute schon erreicht ist“, sagt Michaela Willert, Expertin für Altersvorsorge beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). „Zusätzlich sollen sie die Modellrechnungen für die Zukunft bekommen, die beispielsweise Zinsentwicklungen berücksichtigt.“

Hier sehen Verbraucherschützer jedoch ein Problem: Denn die Annahmen, die das System bei einer solchen Berechnung der voraussichtlichen Rente berücksichtigt, können sich in 20, 30 oder 40 Jahren als falsch erweisen. Klar ist: Eine solche Hochrechnung muss mit Bedacht angegangen werden. Aber es gibt durchaus Beispiele in anderen Ländern, wie es funktionieren kann.

Wie kann sich der Beitragszahler online identifizieren?

Um über soziale Netzwerke zu chatten oder online zu shoppen, registriert sich der Nutzer in der Regel mit seiner Mailadresse oder Handynummer kombiniert mit einem Passwort. Für die geplante Rentenplattform reicht dies nicht aus, schließlich geht es um sensible persönliche Daten. Die Anmeldung müsste also starke Sicherheitsanforderungen erfüllen. Die Arbeitsgruppe der Versicherer ist auf der Suche nach einem sogenannten Identifier. „Wir brauchen für alle Bürger eine Kennung, über die das System die Person zweifelsfrei identifizieren und die Renteninformation eindeutig zuordnen kann“, erklärt GDV-Expertin Willert.

Die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts verhinderte jedoch bisher eine „Bürgerkennziffer“, unter der alle personenbezogenen Daten zusammenlaufen. Das Ministerium prüft nun, ob die Steuer-ID oder die Sozialversicherungsnummer infrage kommen. Die Vorteile: Jeder Bürger hat diese Nummern, und die meisten Versicherer brauchen die Steuer-ID für Meldungen ans Finanzamt ohnehin.

Wer betreibt das Renteninformationssystem?

Außerdem wird noch ein Träger für das Renteninformationssystem gesucht. „Wir brauchen dafür eine Institution, die von allen akzeptiert und effektiv ist“, sagt Konrad Haker, der zuständige Referatsleiter im Bundesarbeitsministerium. Ob dafür eine neue Institution gegründet werden muss oder ob eine bestehende diese Aufgabe übernehmen kann, ist noch unklar. Willert hält eine Zusammenarbeit zwischen Versicherungswirtschaft und öffentlicher Hand für eine gute Lösung.

Solche öffentlich-privaten Partnerschaften haben sich bei großen Bauprojekten oder Forschungskooperationen zwischen Universitäten und Unternehmen bewährt. Beim Rentenauskunftssystem könnte eine solche Zusammenarbeit helfen, die Interessen der staatlichen Deutschen Rentenversicherungsowie der privaten und betrieblichen Anbieter gleichermaßen zu vertreten.

Welche Versicherungen beteiligen sich an dem Auskunftssystem?

Die Voraussetzung dafür, dass das Renteninformationssystem für die Bürger auch einen Nutzen bringt, ist, dass möglichst viele Versicherer daran teilnehmen. Andernfalls blieben Lücken in der Rechnung und die Versicherten wären nur wenig schlauer als zuvor.

Ob die Versicherer am Ende verpflichtet werden, ihre Daten in das System einzuspeisen, steht noch nicht fest. Sicher ist aber bereits: Die Anbieter betrieblicher Altersversorgung hätten auf jeden Fall Schwierigkeiten, eine solche Pflicht von heute auf morgen umzusetzen. Der Grund: Neben großen Versorgungswerken und Pensionskassen gibt es viele Betriebe, die die Altersvorsorge für ihre Mitarbeiter selbst in die Hand nehmen. In Deutschland gebe es weit über 50.000 Unternehmen mit einer betrieblichen Altersversorgung, schätzt GDV-Expertin Willert. Derart viele Anbieter an eine Plattform anzubinden, sei schwierig. Für kleine Betriebe wäre zudem der bürokratische Aufwand sehr hoch.


Für den Zweig der betrieblichen Altersversorgung könnte zunächst eine andere Plattform Impulse geben: „Find Your Pension“ heißt sie und wurde 2011 von Claudia Wegner-Wahnschaffe von der Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL) auf den Weg gebracht. Ziel des Systems ist, Forschern und Universitätsmitarbeitern zu helfen, ihre Rentenansprüche europaweit einzufordern. Auf der Webseite können sie nach den Arbeitgebern suchen, bei denen sie Rentenansprüche erworben haben. Sind diese dort eingetragen, erfährt der Nutzer, bei wem er sich melden muss, um seine Rente zu erhalten.

Die Seite soll in den nächsten Jahren zu einem Europäischer Trackingservice (ETS) ausgebaut werden. Dieser soll bestehende Informationssysteme, wie es sie in den Niederlanden und Schweden schon gibt, zusammenführen und eventuell andere Länder beim Aufbau ähnlicher Systeme unterstützen. Langfristig soll der Dienst, den derzeit nur Mitarbeiter wissenschaftlicher Institutionen nutzen können, für alle Arbeitnehmer verfügbar sein.

Wo es die Rente auf einen Blick bereits gibt


Wie wird der Datenschutz sichergestellt?

Die Arbeitsgruppe der Versicherer feilt bereits an Ideen für die Umsetzung des Renteninformationssystems. Wichtig ist vor allem die Technik im Hintergrund: Für die Versicherer muss es digitale Schnittstellen geben, über die sie ihre Daten für die Versicherten bereitstellen können. Nur so ist es möglich, dass die Renteninformation digital abgerufen werden kann.

Der ständige Austausch zwischen Nutzer, Plattform und Versicherer ist die Basis des Systems. Das heißt auch, dass die Daten nirgends zentral gespeichert werden. „Wir können und wollen die Daten aller künftigen Rentner in Deutschland nicht an einem Ort hinterlegen“, sagt Referatsleiter Haker vom Arbeitsministerium. „Das käme einer Vorratsdatenspeicherung gleich, und die ist in Deutschland verboten.“ Erst wenn ein Nutzer sich mit seiner Identifikationsnummer anmeldet, ruft das System die Daten bei den Versicherern ab und addiert diese. Wer die Übersicht behalten will, kann sie sich in eine Datei exportieren oder ausdrucken. Das System speichert sie nicht.

Wann wird das Auskunftssystem einsatzbereit sein?

Derzeit wird ein Prototyp eines Renteninformationssystems aufgebaut, für den die Arbeitsgruppe verschiedene Profile fiktiver Arbeitnehmer erstellt hat. Mit diesen Daten wollen die Experten ihre Ideen für das Portal einem ersten Test unterziehen. Im nächsten Schritt könnten sich Versicherer an den Prototypen andocken und Erfahrungen sammeln. Bis ein Renteninformationssystem in vollem Umfang an den Start gehen kann, müssen Politik, Versicherer und Verbände gemeinsam noch einige Hürden überwinden, etwa beim Datenschutz, der Registrierung und der technischen Umsetzung. GDV-Expertin Willert erwartet, dass das System in einer ersten Ausbaustufe ab 2022 freigeschaltet werden könnte.

Text: Jennifer Garic

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