Positionen-Magazin
Reden wir über Sicher­heit mit Hockey-Bun­des­li­gis­tin Chan­tal Bausch

Pro­fisport­le­rin mit Spen­der­herz

Als sie zwölf war, wurde Chantal Bausch neues Herz eingesetzt, heute spielt sie in der Hockey-Bundesliga. In manchen Situationen, sagt die 28-Jährige, könne man gar nicht anders, als zu kämpfen.

Chantal Bausch will sich nicht damit abfinden, dass in Deutschland nach wie vor Menschen sterben müssen, weil es nicht genügend Spenderorgane gibt. Einst rettete ihr ein fremdes Herz das Leben, heute betreibt sie Leistungssport und schreibt an ihrer Doktorarbeit. Mit ihrer Geschichte will sie anderen Mut machen und aufzeigen, was medizinisch inzwischen möglich ist. Auch deshalb gibt sie dieses sehr persönliche Interview, das auch ein Dankeschön an eine Familie ist, die sie noch nie getroffen hat.

Das Gespräch können Sie sich auch in unserem Podcast Risiko:Leben anhören:

Frau Bausch, Sie leben seit 16 Jahren mit einem fremden Herzen. Wie kam es dazu?
Chantal Bausch:
Das kam von jetzt auf gleich. Ich bin gesund geboren, hatte keinen Herzfehler oder Sonstiges. Als ich elf war, kam ich eines Tages plötzlich die Treppe nicht mehr hoch. Ich musste auf halber Höhe stehen bleiben, weil ich das Gefühl hatte, ich kriege keine Luft mehr. Zum Glück hat meine Mutter das mitbekommen und instinktiv gespürt, dass es etwas mit dem Herzen zu tun haben könnte. Sie ist dann sofort mit mir zum Arzt gefahren. Das hat mir wohl das Leben gerettet.

Welche Erinnerungen haben Sie an diesen Tag?
CB:
Der Kardiologe kam rein und alles wirkte ganz routinemäßig. Dann hat er das Ultraschallgerät angesetzt, und plötzlich änderte sich die Atmosphäre. Er sagte, ich dürfe mich nicht bewegen und auf keinen Fall aufstehen, dabei war ich doch gerade noch selbstständig in die Praxis gegangen. Das hat sich dann sofort auf mein Körperempfinden übertragen.

Von dem Moment an haben Sie sich krank gefühlt?
CB:
Ja, wirklich. Der Kopf macht eine Menge aus. Ich bin dann direkt mit dem Krankenwagen in die Klinik gekommen und dort ins künstliche Koma versetzt worden. Danach kann ich mich natürlich an nichts mehr erinnern, aber ich weiß von meinen Eltern, dass es sehr kritisch war und die Prognose für die erste Nacht nicht so gut. 

Bis Sie schließlich ein neues Herz bekamen, verging noch fast ein Jahr.
CB: 
Es war eine monatelange Odyssee. Zunächst war ich in Bremen im Krankenhaus, wo sie versucht haben, meine Herzmuskelentzündung medikamentös zu behandeln und mich zu stabilisieren. Ich war zwischenzeitlich auch mal wieder zu Hause, aber die erhoffte Besserung ist nicht eingetreten. Nach sechs Monaten wurde ich dann ins Deutsche Herzzentrum nach Berlin verlegt und habe noch am selben Tag Kammerflimmern bekommen. Mir wurde sofort ein Kreislaufunterstützungsgerät eingesetzt, aber von dem Moment an war klar, dass eine Transplantation für mich der einzige Weg ist, zu überleben. 

Wie fühlt es sich an, eine Maschine im Körper zu haben?
Das ist schon ungewohnt, klar, aber andererseits ist man auch dankbar, dass es eine solche Erfindung gibt, die einen am Leben hält. Aber natürlich ist man sehr eingeschränkt, auch weil man dauernd diesen Koffer vor sich herschiebt, der die Batterie und das Steuergerät enthält. Die Ärzte haben mich ermutigt, den Gang auf und ab zu gehen, im Sommer konnte ich ab und zu auch mal draußen auf einer Bank sitzen. Mehr hat mein körperlicher Zustand nicht erlaubt damals.

Kam Ihnen mal der Gedanke, dass es vielleicht besser wäre, zu sterben?
CB:
Klar. Mir war auch bewusst, dass das jederzeit passieren konnte. Wir waren damals vier Kinder, die auf dieser Station auf ein Herz gewartet haben. Und ein Junge ist tatsächlich verstorben. Meine Eltern haben es aber geschafft, das von mir fernzuhalten und mich abzulenken, so gut es ging. Ich war ja noch ein Kind. Die Ängste waren zwar da, aber noch nicht so greifbar. Meine Familie war meine Rettung.

Wie haben Sie den Tag der Transplantation erlebt?
CB:
Es war Nachmittag, ein sonniger Tag, mein Lieblingsarzt kam rein – wie im Film. Irgendwie habe ich gefühlt, dass jetzt alles gut wird. Gleichzeitig war ich auch bedrückt, weil ich wusste, jetzt ist irgendwo gerade jemand gestorben und irgendwo trauert eine Familie um einen geliebten Menschen. Und natürlich hatte ich auch Angst vor der OP, das ist ja kein kleiner Eingriff. Es war ein unheimliches Durcheinander der Gefühle.

Wie ging es Ihnen nach der Operation?
CB:
Ich habe zwei Wochen im künstlichen Koma gelegen, weil es Komplikationen gab und meine Nieren versagt haben. Danach war ich körperlich total am Ende. Anfangs konnte ich mich nicht einmal im Bett aufrichten, weil ich keine Bauchmuskeln mehr hatte. Es ging dann in minimalen Schritten vorwärts, aber ich habe gemerkt: Das neue Organ hat Kraft! Das gibt einem eine solche Lebensenergie, dass man gar nicht anders kann, als zu kämpfen. Sich jeden Tag ein Stück Normalität zurückzuholen, war unheimlich cool. Zwei Monate nach der Transplantation konnte ich dann endlich nach Hause. Wieder im eigenen Bett zu schlafen war ein sehr schöner Moment.

Ging dann Ihr altes Leben einfach weiter?
CB: Nicht wirklich. Zum einen musste ich ein Schuljahr wiederholen, weil ich so viel Unterricht versäumt hatte. Zum anderen bleibt man nach einer Herztransplantation ein Leben lang chronisch krank. Als ich nach Hause kam, war gerade Erkältungszeit, und mein Immunsystem war noch unheimlich schwach. Ich habe dann eine Privatlehrerin bekommen, die mich ein halbes Jahr zu Hause unterrichtet hat. Zum zweiten Halbjahr kehrte dann langsam der Alltag zurück, und ich konnte wieder zur Schule und sogar Hockey spielen. Normal zu sein ist für mich bis heute etwas Wunderschönes. Ich kann in den Supermarkt gehen, und niemand merkt, was mir passiert ist. Das finde ich am allercoolsten.

Trotzdem erzählen Sie Ihre Geschichte in der Öffentlichkeit. Warum?
CB: Das Glück, das ich gehabt habe, würde ich am liebsten allen Menschen ermöglichen. Leider ist die Situation aber so, dass jeden Tag im Schnitt drei Menschen sterben, weil kein geeignetes Spenderorgan zur Verfügung steht. Ich denke, der beste Weg, das zu ändern, ist, positive Geschichten wie meine zu erzählen …

...und dass man mit einem transplantierten Herzen sogar Leistungssport betreiben kann.
CB: Viele Menschen denken, Transplantierte liegen nur noch auf dem Sofa, aber das stimmt nicht! Die heutigen Therapiemöglichkeiten sind faszinierend. Und der Sport hat mir geholfen, zurück ins Leben zu finden. Sport hat eine fast meditative Wirkung bei mir: Wenn ich auf dem Platz stehe, kann ich alles andere ausblenden.

Allerdings sind Sie jetzt Torfrau, nicht mehr Stürmerin wie früher.
CB: Als ich zurück in meine damalige Mannschaft kam, war ich konditionell total unfit, ich konnte keine 100 Meter am Stück laufen. Da hat der Trainer mir angeboten, dass ich erst mal ins Tor gehe. Dabei ist es dann geblieben. Aber wer weiß, ob ich als Stürmerin je so weit gekommen wäre.

Haben Sie manchmal Angst, dass das alte Leiden wieder zurückkommt?
CB:
Menschen, die mit einem Spenderherz leben, kann es jederzeit passieren, dass es wieder versagt und man vielleicht sogar eine weitere Transplantation braucht. Aber diesem Thema widme ich mich, wenn es so weit ist. Natürlich kommen solche Gedanken manchmal auf, aber die versuche ich beiseitezuschieben. Mir ist ein zweites Leben geschenkt worden, es ist ein Wunder, was ich seither schon alles erlebt habe! Deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass es auch so bleibt.

Haben Sie aufgrund Ihrer Erfahrung eine andere Einstellung zum Leben als andere Menschen?
CB:
Ich habe Höhen und Tiefen, wie jeder andere auch. Aber ich glaube, mir ist bewusster, dass die Lebenszeit endlich ist und nicht jeder 90 wird, sondern dass es auch viel früher vorbei sein kann. Deshalb versuche ich, Träume und Ziele möglichst schnell umzusetzen. Wer weiß schon, wie es mir in fünf Jahren geht? Ich bin einfach nur dankbar, dass ich noch leben darf.

Wissen Sie, wessen Herz in Ihrem Körper schlägt?

CB: Nein. Nur, dass es aus Süddeutschland kam und einem jungen Menschen gehört haben muss, dessen Körpermaße in etwa so waren wie meine. Die Gesetzeslage in Deutschland ist so, dass man diese Information nicht bekommt und auch keinen Kontakt zur  Spenderfamilie aufnehmen darf.

Beschäftigt Sie die Frage, wer der Spender war?
CB: Anfangs habe ich den Gedanken weggeschoben, aber inzwischen wüsste ich gern, was er für ein Mensch war und ob er wohl damit einverstanden wäre, wie ich mit dem Herz umgehe und mit meinem Leben. Wäre er gern mit mir befreundet gewesen? So was frage ich mich schon. Außerdem würde ich mich liebend gern bei der Spenderfamilie bedanken. Dass sie in so einer schweren Stunde noch an andere Menschen gedacht und die Organe freigegeben haben, hat mir das Leben gerettet. Und vielleicht ja auch noch anderen. Diese Nächstenliebe macht mich so dankbar, das ist gar nicht in Worte zu fassen. Ich würde diese Familie so gern einmal in den Arm nehmen und einfach nur Danke sagen.

Text: Alena Hecker

Fotos: Johannes Arlt

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