Positionen-Magazin
Near Field Com­mu­ni­ca­tion

NFC: Ein­fach ran­hal­ten

Das Smartphone macht sich immer unersetzlicher, organisiert und kommuniziert für uns. Jetzt wird es auch noch zum Portemonnaie – mit allen Vorteilen und allen Gefahren.

Den Kunden von morgen gibt es schon heute: Er kauft im Netz bei Amazon, Ebay oder Zalando, und wenn er offline, also bei Kaiser’s, noch eine Tube Zahnpasta holen will, hält er den Verkehr an der Kasse nicht durch Wühlen im Portemonnaie oder durch das Einstecken seiner Geldkarte auf. Er bezahlt mit seinem Smartphone.

Ein Funksignal an der Kasse sendet ein Signal an einen Chip im Handy, ein Klick zur Bestätigung, und das Konto wird belastet. Vorausgesetzt natürlich, der Kunde steht bei Kaiser’s an einem Terminal, das für das mobile Bezahlen ausgestattet ist. Derzeit kommuniziert deutschlandweit erst ein Bruchteil der 800 000 möglichen Kassen mit Handys. Edeka, Thalia, Hussel oder Christ experimentieren damit. Bei Aral kann der Kunde per Piep an ausgesuchten Tankstellen seinen Sprit zapfen, bei Douglas das neue Armani-Parfum erwerben. Aber schon 2018 soll jeder, der will und kann, überall die digitale Brieftasche zücken können. Dann sollen alle Kassen und Terminals NFC-tauglich sein.

Der Gewinner: NFC

Mobile Zahlverfahren werden schon lange diskutiert und ausprobiert. Einige arbeiten mit QR-Codes, andere mit Plastikaufsätzen, die dem Handy aufgepfropft werden und durch die man den Magnetstreifen der Geldkarte zieht. Den Durchbruch aber erreichte erst die Near Field Communication (NFC).

Apple etwa arbeitet mit NFC, doch bei Apple Pay bezahlen können nur iPhone-6- oder Apple-Watch-Besitzer. Alle anderen brauchen also einen anderen Zugang. Daher arbeitet Samsung an Samsung Pay und Google an einer Bezahldienst-Lösung für Android. Der erwartbare Name: Android Pay. Sobald das digitale Portemonnaie sich flächendeckend durchsetzt, macht es Kredit-, EC-Karten und Banknoten so überflüssig wie handgeschriebene Briefe und Telefonzellen. In Europa gehen Niederländer, Briten und Polen voran. Dänen und Schweden wollen das Bargeld bald abschaffen.

So weit ist Deutschland noch nicht. Eine Emnid-Studie besagt, dass drei von vier Deutschen nicht per Handy zahlen würden, weil ihnen die Technik weder sicher noch ausgefeilt scheint. Es geht um das eigene Geld, da kann man nicht genug aufpassen. Entsprechend real ist die Sorge, jemand könnte sich beim Mobile Payment einklinken. Auch hier werden Verbindungen aufgebaut, von der Kasse zum Handy, vom Handy zur Bank. Auch hier könnten private Daten, Vorlieben und Gewohnheiten abgefischt werden. „Deutschland ist, was die Privatsphäre angeht, zurückhaltender als andere Länder“, sagt Steffen von Blumröder, Experte für elektronische Bezahlsysteme beim IT-Verband Bitkom.

Doch er gibt Entwarnung, was die NFC-Technik und besonders Apple Pay angeht. Die Technik sei so sicher wie simpel. Zum Autorisieren des Bezahlvorgangs sind weder PIN noch Code nötig, sondern lediglich der biometrische Fingerabdruck. „Seinen Daumen hat man ja immer dabei“, sagt Blumröder.Hacker haben schlechte Karten. Sie müssten direkt neben der Kasse stehen, um während der Übertragung an die sensiblen Daten zu gelangen.

Versichern gegen Daten- und damit verbundenen Geldverlust kann man sich noch nicht: Die Technik ist neu, der Markt dafür muss sich noch entwickeln. Den Versicherern fehlen bisher die Kalkulationsgrundlagen für Cyber-Policen, die Mobile Payment abdecken. Das dürfte sich ändern, versprechen virtuelle Geldbörsen doch ein Milliardengeschäft.

Auch die Versicherer merken, dass sich das Bezahlverhalten verändert. Angesichts der „Vielzahl von Anbietern elektronischer und mobiler Bezahlverfahren“ lasse sich derzeit aber noch nicht abschätzen, „welches Verfahren sich langfristig am Markt etabliert“, sagt Mareike Lohmann, GDV-Referentin in der Abteilung Betriebswirtschaft und Informationstechnologie. „Hinzu kommt: Was an der Supermarktkasse funktioniert, muss nicht zwangsläufige in Modell für den Versicherungsvertrieb sein.“

In Afrika ist man bereits weiter. Seit acht Jahren gibt es dort Systeme, um per SMS bargeldlos zu zahlen und Geld zu überweisen. Das Guthaben wird rein elektronisch geführt und ersetzt Bankkonto und Kreditkarte. Der Ansatz hat sich von Kenia aus über den Kontinent verbreitet und ist mittlerweile auch in Indien und sogar Rumänien verfügbar.

Die Mobilfunkanbieter nutzen das als „Bank“ erworbene Vertrauen, um Kunden auch Versicherungen zu vermitteln– alles läuft über das Handy. Das verschaffe ihnen eine „starke Verhandlungsposition“ gegenüber Versicherern als Kooperationspartnern, sagt Frank O’Neill, Leiter der Region Naher Osten und Afrika von Swiss Re. Und es rufe vielleicht auch andere Anbieter auf den Plan: „Es würde mich sehr wundern, wenn Google oder Apple nicht in sieben Jahren selbst als Versicherer auftreten“, so O’Neill zum Magazin „Africa Report“.

Wer verdient an Mobile Payment?

Bei diesem Geschäft wollen alle verdienen. Deshalb rüsten Banken ihre Karten mit Funkchips auf und bieten Visa und Mastercard Dienste mit NFC-Technik an. Ungeklärt ist, wer welche Daten übermittelt und wer welche Kosten trägt.

Das könnte den Marktstürmer Apple ausbremsen: In den USA verlangt er 0,15 Prozent des Umsatzes pro Zahlvorgang. Sollten die gleichen Bedingungen in Deutschland festgezurrt werden, müssten die Banken die Hälfte ihres Gewinnes abgeben: Sie selbst kassieren nämlich 0,3 Prozent pro Kreditkarteneinsatz. „Die NFC-Technik wird die Banken nicht abschaffen, weil die ja nicht nur vom Zahlungsverkehr leben“, sagt Bitkom-Experte von Blumröder. „Aber es kann sein, dass man in diesem Segment den Kunden an Mobilfunkkonzerne und Internetriesen verlieren wird.“

Text: Judka Strittmatter

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