Gast­bei­trag DIW-Prä­si­dent Mar­cel Fratz­scher

Län­ger arbei­ten – fle­xibler in Rente

Die gesetzliche Rente steuert auf ein Desaster zu. Ohne eine weitere Anhebung des Eintrittsalters ist sie nicht zu finanzieren. Nicht jeder Bürger kann bis 70 arbeiten, aber viele wünschen es sich sogar. Also warum überlassen wir die Entscheidung darüber nicht jedem Einzelnen selbst?

Die Lage der Rentenkassen ist alles andere als rosig: Da die geburtenstarken Jahrgänge in den kommenden Jahren in Rente gehen und der Anteil der jüngeren Erwerbsbevölkerung sinkt, stehen künftig immer mehr Rentnerinnen und Rentner immer weniger Beitragszahlerinnen und Beitragszahlern gegenüber. Auch wenn bereits das Renteneintrittsalter erhöht wurde: Die Lebenserwartung steigt gleichzeitig sehr viel stärker, die Rente wird also länger bezogen. Da ist es auch wenig hilfreich, dass die Politik verspricht, das Rentenniveau bei 48 Prozent stabilisieren und eine Haltelinie für den Beitragssatz einführen zu wollen. Die Frage ist schlicht: Wie soll das finanziert werden?

Die jüngsten Rentenreformen gingen zu Lasten der jüngeren Generationen

Unbestritten ist, dass die Rente reformiert werden muss. Aktuelle Maßnahmen wie die abschlagsfreie Rente mit 63 oder auch die Mütterrente haben in erster Linie Geld gekostet – jedes Jahr rund 10 Milliarden Euro. Viel schlimmer ist aber, dass diese Reformen zu Lasten der jüngeren Generationen gingen. Für eine nachhaltige Verbesserung des Rentensystems haben sie keinesfalls gesorgt. Das müssten sie aber, um zu verhindern, dass unser Rentensystem zusammenbricht. Läuft es weiter wie bisher, ist die Frage nicht ob, sondern wann das passieren wird.

Nur wenn die Zahl der Beschäftigten und damit der Beitragszahlenden auf möglichst hohem Niveau gehalten wird, hat das Rentensystem eine Chance. Dazu muss die Politik endlich an der einzig nachhaltigen Stellschraube drehen: die Lebensarbeitszeit erhöhen. Gerade die abschlagfreie Rente mit 63 setzt in dieser Gemengelage aber die falschen Anreize.


Nun werden viele aufstöhnen und dagegenhalten, dass nicht jeder bis zum 70. Lebensjahr voll arbeitsfähig sein wird. Das ist durchaus richtig und gilt vor allem für diejenigen, die körperlich schwer arbeiten. Es muss Regelungen für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer geben, die nicht so lange arbeiten können – und zwar Regelungen ohne Stigmatisierungen.

Viele Menschen wollen aber durchaus länger arbeiten, und es wird ihnen im heutigen Rentensystem nicht gerade leichtgemacht. So ist die Flexirente nur beschränkt eine wirkliche Reform, da der Arbeitgeber seine Zustimmung einfach verweigern kann. Zudem ist das Anrechnungsverfahren recht kompliziert, was die Flexirente zusätzlich unattraktiv macht. Sie geht aber insofern in die richtige Richtung, als wir flexible Regelungen brauchen, damit alle, die länger arbeiten können und wollen, dies auch problemlos tun können.

Wir müssen dringend Möglichkeiten schaffen, länger zu arbeiten

Eine Flexibilisierung des Rentenübergangs kann das durchschnittliche Renteneintrittsalter erhöhen, haben Berechnungen am DIW Berlin gezeigt. Vor allem ein uneingeschränkter Zugang zu einer Teilzeitrente könnte helfen, Frühverrentungen zu vermeiden. Wenn die Alternative nur lautet, ganz oder gar nicht, entscheiden sich viele gegen das Arbeiten. Eine Reduzierung der Arbeitszeit könnte dagegen viele bewegen, schrittweise aus dem Arbeitsleben auszuscheiden und den Renteneintritt nach hinten zu verschieben. Wir müssen also dringend Möglichkeiten schaffen, länger zu arbeiten, die realistisch, aber auch lohnend und transparent sind.

In Zukunft sollte jeder berufstätige Mensch selbst den Zeitpunkt bestimmen können, wann er in Rente geht. Das gewährt dem Einzelnen mehr Selbstbestimmung, verbessert die Nachhaltigkeit der gesetzlichen Rente und hilft, das Fachkräfteproblem zumindest etwas zu lindern.


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