Positionen-Magazin
Kleinst­ver­si­che­run­gen in Nord­deutsch­land

Klei­nes Glück, großer Erfolg

Geschäftsgebiet? Winzig. Beitragseinnahmen? Überschaubar. Perspektiven? Gut! In Norddeutschland behaupten sich Dutzende Kleinstversicherungen auf dem Markt. Was macht ihren Erfolg aus? Auf Spurensuche von Wesermarsch bis Oldenburger Münsterland.

Manchmal sind es ungewöhnliche Talente, die jemanden für einen Chefposten qualifizieren. Bei Anke Koopmann war es die Fähigkeit, Sütterlin zu entziffern. 

Als jemand gesucht wurde, der die alten Protokolle des örtlichen Versicherungsvereins abtippt, um sie in digitaler Form für die Nachwelt zu erhalten, fiel die Wahl auf sie. Seite um Seite übertrug sie in die lateinische Schrift, die ältesten Eintragungen stammten von 1861. Und weil sie ihre Sache so gut machte, trug man ihr anschließend gleich die Geschäftsführung an. Schließlich kannte sich niemand besser mit der Geschichte und den Strukturen des Vereins aus, nachdem sie sich tagelang in die alten Kladden vertieft hatte. Koopmann sagte zu.

Seit 1989 leitet sie nun die Geschicke der Bardenflether Feuerversicherungs-Gesellschaft auf Gegenseitigkeit. Sie macht das auf 450-Euro-Basis von ihrem Privathaus aus, einem schmucken Klinkerbau in der Wesermarsch auf halber Strecke zwischen Bremen und Bremerhaven. Im Hauptberuf ist die 64-Jährige pädagogische Mitarbeiterin an einer Grundschule. 

350 Kunden, kein Vertrieb – und trotzdem überlebt die Versicherung 

Mindestens ebenso ungewöhnlich wie die Geschichte ihrer Ernennung zur Chefin ist die Tatsache, dass es die Versicherung überhaupt noch gibt. Sie zählt gerade einmal 350 Kunden, die Rücklagen bewegen sich bei etwa 600.000 Euro, und sie betreibt keinerlei Vertrieb oder Marketing (vom gelegentlichen Sponsoring eines Trikotsatzes für die lokalen Fußballer oder Schleuderballer mal abgesehen). 

Trotzdem behauptet sich die Bardenflether hartnäckig auf dem Markt. Und nicht nur sie. Es gibt Dutzende solcher oft winzigen Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit (VVaG), vor allem in Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Ihre Namen sagen den wenigsten etwas. Wer hätte schon von der Dolleruper Freien Brandgilde gehört, vom Glasschutzverein Unterweser, der Dreisdorfer Versicherung von 1635 oder der Landesschadenhilfe in Bad Fallingbostel?

Versicherungs-Chefs im Ehrenamt

Viele dieser Versicherungsvereine werden ehrenamtlich geführt. Ihr Geschäftsgebiet umfasst meist nur wenige Gemeinden, die Policen beschränken sich auf wenige Felder wie Feuer, Gebäude, Hausrat und landschaftliche Geräte. Nur die größten Vereine tauchen in den einschlägigen Vergleichsportalen auf. Wobei groß relativ ist: Die Itzehoer Versicherung, der unangefochtene Primus unter den VVaGs, hat 2018 Bruttobeiträge von 505 Millionen Euro verbucht. 


Bei der Allianz waren es allein im Segment Schaden- und Unfallpolicen 54 Milliarden Euro. Was also ist das Geheimnis dieser Versicherungen, die wie aus der Zeit gefallen wirken? „Es ist die Nähe zum Kunden“, sagt Koopmann. „Ich kenne praktisch jeden Versicherten persönlich. Das erleichtert es mir, die zu versichernden Risiken einzuschätzen, und es beschleunigt die Abwicklung der Schäden.“ Wenn es mal gestürmt hat, genügt ein kurzer Anruf bei Koopmann, auch abends oder am Wochenende. Manchmal kommt sie dann selbst vorbei oder eine der 13 ehrenamtlichen Vertrauenspersonen der Versicherung, um sich die Sache vor Ort anzuschauen. Oft gibt der Kunde auch nur seine Kontonummer durch, und Koopmann überweist die fällige Summe. Keine Hotline, kaum Papierkram. Trotzdem wirkt es erstaunlich, dass die Kleinstversicherungen mit den Branchenriesen oder Lockangeboten auf Portalen wie Check24 mithalten können.

 

Christoph Sönnichsen, bis Anfang des Jahres geschäftsführender Gesellschafter der Ratingagentur Assekurata, führt das auf die schlanke Kostenstruktur der Vereine zurück, in denen der Vorstand oft selbst operativ mitarbeite. Das ermögliche es, attraktive Angebote zu machen. „Preislich liegen sie in der Regel nicht über dem Branchenschnitt“, sagt Sönnichsen. „Die Einheiten mögen klein sein, aber es handelt sich um vollwertige Versicherungen.“ 


„Man kennt sich und man versteht sich“

Eine Autostunde südlich von Bardenfleth sitzt Walburga Bert vor einem Wandbild mit Birkenidyll im Neubau des Bakumer Versicherungsvereins. Sie ist hauptamtliche Geschäftsführerin der VVaG im Oldenburger Münsterland:​​​​​​​

​​​​​​​560 Kunden mit 1140 Verträgen, Rücklagen von 1,26 Millionen Euro, Einnahmen von 220.000 Euro. Auch sie hat zu vielen Kunden, die in einer VVaG zugleich Mitglieder sind, einen persönlichen Draht. „Man kennt sich und man versteht sich“, sagt Bert. Das gehe so weit, dass sie schon mal einen versicherten Landwirt bitte, sein Heu anders zu lagern, wenn ihr beim Vorbeifahren auffalle, dass die Feuergefahr zu groß sei. Auch deswegen komme es nur zu 40 bis 50 Schäden pro Jahr. „Unsere Schadenquoten sind sehr niedrig“, sagt Bert. Ein Umstand, der für praktisch alle Kleinstversicherer gilt, wie man beim Verband der VVaG in Kiel versichert. Er vertritt rund 160 Vereine und unterstützt sie, etwa durch Schulungen oder IT-Programme. In der niedrigen Schadenquote spiegelt sich womöglich auch ein geringerer Anteil von Betrugsfällen wider. Das zumindest glaubt Heinrich Schradin, Professor für Versicherungslehre an der Universität Köln: Die vergleichsweise höhere Identifikation der Versicherten mit dem Kollektiv einer kleinen VVaG könne sich positiv auf die Quoten auswirken.

Steigender Aufwand und fehlender Nachwuchs belasten die Vereine 

Schradin sieht die VVaGs grundsätzlich in einer guten Position, solange sie sich auf ihre Nische konzentrieren. Allerdings mache ihnen der regulatorische Aufwand zunehmend zu schaffen, selbst wenn viele so klein seien, dass sie nicht unter die Solvency-II-Regeln fielen. Weil ihre Kapitalbasis schmal sei, träten die VVaGs zudem einen großen Teil der Risiken an Rückversicherer ab. Im Extremfall könnten sie damit zu einer Art Vertriebsplattform für Rückversicherer werden. Und noch etwas belastet die Vereine: Gerade die kleinsten finden oft niemanden, der die Arbeit übernehmen möchte. In diesem Punkt muss sich Anke Koopmann allerdings keine Sorgen machen. Sie gibt die Geschäfte im nächsten Jahr ab. Eine Nachfolgerin steht längst bereit. 

Text: Volker Kühn

Fotos: Christian Protte

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