Positionen-Magazin
Brauns­bach und Sim­bach

Kata­stro­phen­film mit dop­pel­tem Ende

Zwei Orte in Süddeutschland werden 2016 von Unwettern verwüstet. Während die Sanierung in dem einen unkompliziert anläuft, gerät sie im anderen zum bürokratischen Akt. Die Fälle zeigen, wie unterschiedlich Versicherer und Staat die Folgen von Naturgefahren meistern

Sobald ein schweres Gewitter aufzieht, bekommt es Katja Schwarz mit der Angst zu tun: „Ich werde dann ganz unruhig.“ Auch Helga Güll kennt dieses mulmige Gefühl: „Ich schaue mir jeden Wetterbericht an, wo es Starkregen geben soll.“ Schwarz und Güll verbindet ein tragisches Schicksal. Beide mussten miterleben, wie ihr Zuhause von einer Katastrophe heimgesucht wurde. Es war der Moment, der ihnen die Furcht vor dem Regen einflößte. Und der ihr Leben für Monate aus der Bahn warf.
Sonntag, 29. Mai 2016: Eine Flutwelle überrollt Braunsbach. Ein Wolkenbruch hat zwei Bäche anschwellen lassen, das Wasser reißt Bäume, Geröll und Autos mit sich und beschädigt 100 Häuser, darunter Schwarz̕ Lebensmittelladen. Drei Tage später – die Tiefdruckgebiete liegen noch immer wie ein Teppich über Süddeutschland – trifft ein Unwetter Simbach. Das gleichnamige Flüsschen im Ort wird zum Strom und überschwemmt 500 Häuser. Fünf Menschen sterben. Gülls Wohnhaus steht 1,70 Meter unter Wasser.

Braunsbach in Baden­Württemberg und Simbach in Bayern: zwei Schauplätze von Katastrophen, die immer häufiger vorkommen. Die Folgen sind in beiden Fällen dramatisch. Doch der Umgang damit unterscheidet sich gravierend. Denn während in Braunsbach fast alle Gebäude gegen Naturgefahren versichert sind, gilt das nur für jedes dritte in Simbach. Hier muss der Staat einspringen. Die Orte zeigen damit exemplarisch, wie unterschiedlich private und öffentliche Hand mit Naturkatastrophen umgehen.

Die Schäden sind überall präsent

Deren Folgen sind auch nach zwei Jahren noch sichtbar. An vielen Häusern im niederbayerischen Simbach fehlt der Putz, einige im Zentrum sind zum Abriss bestimmt. Das Flussbett wird in den nächsten Jahren verbreitert, mit allem, was dazugehört: neue Deiche, neue Brücke, neue Regenrückhaltebecken. Auch durch Braunsbach, 80 Kilometer nordöstlich von Stuttgart, rollen noch die Radlader. Eine Ortsdurchfahrt ist gesperrt, Container, Kräne und Absperrgitter flankieren die Straßen. Bei Katja Schwarz allerdings sind die Bauarbeiten abgeschlossen. Schon neun Monate nach der Flut konnte sie ihren Laden samt Café am Braunsbacher Marktplatz wieder öffnen. Ihre Geschäfte leiden aber noch unter der Straßensperrung. „Wir leben stark vom Durchgangsverkehr“, sagt die 46-Jährige. Helga Gülls Haus in Simbach wurde gar nicht erst saniert. Ausgelaufenes Öl hatte das Mauerwerk kontaminiert, Totalschaden. Die Rentnerin wohnt heute in einem altersgerechten Neubau im Bungalow-Stil. „Bei all dem Unglück war noch großes Glück dabei“, sagt die 75-Jährige.

Stürme kosten Hunderte Millionen

Dass im Leben der zwei Frauen relativ schnell Normalität eingekehrt ist, liegt daran, dass beide vorgesorgt hatten – mit einer sogenannten Elementarschadenversicherung. Sie springt bei Starkregen oder Hochwasser ein. Schwarz sicherte das die wirtschaftliche Existenz: Die Flut hatte ja nicht nur das Haus beschädigt, auch die Ladeneinrichtung mitsamt der Waren ging verloren. Auf bis zu 900.000 Euro beziffert die Unternehmerin ihren Gesamtschaden.
Bundesweit haben die schweren Unwetter im Mai und Juni 2016 sogar rund 700 Millionen Euro an versicherten Überschwemmungsschäden verursacht, allein 70 Millionen Euro in Simbach und Braunsbach. Damit sind die Sturmtiefs „Elvira“, „Friederike“ und „Gisela“ die bislang teuersten Starkregenereignisse für die Versicherer.

Weitere Schäden in Höhe von 600 Millionen Euro waren allerdings nicht versichert. Deutschlandweit besitzen nur vier von zehn Gebäuden den erweiterten Naturgefahrenschutz. Am höchsten ist der Anteil in Baden-Württemberg, wo nicht nur in Braunsbach fast alle Gebäude abgesichert sind. In Simbach ist es wie in ganz Bayern nur etwa ein Drittel.
Die Folge: Für Bayern wird der Wiederaufbau insgesamt teurer als für Baden-Württemberg. Hier wie dort übernimmt das Land die kommunalen Schäden an Straßen oder der Kanalisation. In Braunsbach sind es mindestens 60 Millionen Euro, in Simbach rund 25 Millionen Euro. Bayern entschädigt darüber hinaus aber in viel größerem Umfang Unternehmer und Privatpersonen, die nicht versichert waren. Letztere erhalten in der Regel 80 Prozent.

Während in Braunsbach nur gut 223.000 Euro solcher staatlichen Soforthilfen geflossen, wurden im Kreis Rottal-Inn, in dem Simbach liegt, bislang schon Hilfsgelder von gut 48,8 Millionen Euro bewilligt. Doch die Summe wird noch steigen. „Die Auszahlungen erfolgen nach Rechnungseingang. Und die Baumaßnahmen kommen ja in vielen Fällen jetzt erst richtig in Gang“, sagt ein Sprecher des Landratsamts.
Bei den Versicherten sind sie dagegen meist bereits abgeschlossen. „Wir sind zu 98 Prozent fertig“, sagt der Bauunternehmer Ernst Baumeister. Er ist spezialisiert auf die Beseitigung von Brand- und Wasserschäden. Eigentlich kommt er aus Landsham bei München, doch seit gut zwei Jahren residiert er in einem 40 Quadratmeter großen Baucontainer in der Wilhelm-Dieß-Straße in Simbach – dort, wo einst das Wasser stand. Seitdem hat er 52 Objekte saniert, die meisten von Kunden der Versicherungskammer Bayern.

Zu Spitzenzeiten dirigierte Baumeister einen Trupp von 100 Mann. Sie haben Schlamm abgepumpt, Mauern getrocknet, Fenster ausgetauscht, Elektrik- und Sanitäreinrichtungen erneuert. Manche Häuser waren allerdings so stark mit Heizöl kontaminiert, dass auch sie nichts ausrichten konnten.
So wie bei Helga Güll. Als sie am 16. August 2016 die Zusage für einen Neubau bekam, hingen viele Nichtversicherte trotz der Hilfszusage des Landes noch in der Luft. „Bis das Antragsformular für das Geld vorlag, war es Ende August“, sagt Ludwig Hasler. Er besitzt eine Immobilienfirma in Simbach und betreut sowohl versicherte als auch nicht versicherte Objekte. Um auch bei letzteren rasch mit der Sanierung beginnen zu können, streckte Hasler das Geld vor – und nahm Kredite auf. Die Zinsen zahlen die Eigentümer, zusätzlich zum Eigenanteil von 20 Prozent.

Bayern schränkt Hilfen ein

Künftig wird es für Nichtversicherte noch teurer, denn Bayern will nur noch Härtefälle unterstützen: Geld erhalten ab Mitte 2019 lediglich diejenigen, die sich vergeblich um einen Versicherungsschutz bemüht haben oder ihn nicht zu tragbaren Konditionen bekamen. „Staatliche Hilfen dürfen und können kein Ersatz für einen eigenen Versicherungsschutz sein“, heißt es.
Auch Simbachs Bürgermeister Klaus Schmid ist klar, dass es ein Hilfsprogramm wie für seine Stadt nicht noch einmal geben wird. Aber einfach einen Schlussstrich zu ziehen, kann er sich auch nicht vorstellen: „Das könnte bei künftigen Katastrophen zu persönlichen Härten führen.“ Sein Braunsbacher Amtskollege Frank Harsch sieht das anders. „Wenn es eine Möglichkeit gibt, sich zu versichern, kann es nicht sein, dass jemand im Ernstfall nach dem Staat schreit.“ So kann ein Bürgermeister sprechen, in dessen Ort fast 100 Prozent der Häuser versichert sind.

Text: Karsten Röbisch

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