Positionen-Magazin
Pro & Con­tra

Indi­vi­dua­li­sierte Tarife: Gefahr für die Bran­che?

Wer umsichtig Risiken meidet, wird mit einer niedrigen Versicherungsprämie belohnt. Die Daten dafür lassen sich immer leichter erheben. Doch die Frage lautet: Höhlen auf das persönliche Verhalten zugeschnittene Prämien das Solidarprinzip und damit das Selbstverständnis der Branche aus?

„Maßgeschneiderte“ Versicherungsprodukte und immer kleinteiligere Tarifierungsmerkmale, die darauf ausgelegt sind, den Kunden möglichst exakt nach seinem individuellen Risikoprofil abzubilden, laufen dem Versicherungsgedanken tendenziell zuwider. Durch sie wird das Kollektiv technisch verkleinert und damit geschwächt. Außerdem erhöhen sie die Komplexität der Produkte und konterkarieren das Bedürfnis nach einem möglichst verständlichen, unkomplizierten Versicherungsschutz.

Aus diesem Grund sehe ich Entwicklungen kritisch, bei denen in exzessiver Form nach persönlicher Risikoneigung differenziert und bereits innerhalb eines Spektrums normalen Verhaltens das Risiko prämienwirksam bewertet wird.

Natürlich müssen auch künftig Produktinnovationen möglich sein und sich Versicherungsangebote den Bedürfnissen anpassen dürfen. Das schließt das Angebot „cooler Apps“ ausdrücklich mit ein. Entscheidend ist, die richtige Balance zu finden und darauf zu achten, dass Anreizsystem und Risikoselektion den Grundgedanken von Versicherung nicht aushöhlen oder beschädigen. Versicherung muss auch künftig das so wichtige Gefühl von Sicherheit vermitteln. Denn sie ist die zentrale Wertschöpfung von Versicherung für den Kunden. Der Schutzschirm muss so weit gespannt bleiben, dass auch die etwas weniger Vernünftigen unter uns darunter Platz finden.

Zugleich muss Versicherung ihren Rang als erfolgreichste Form ökonomisch organisierter Solidarität bewahren. Innovation darf also nicht zum faktischen Ausschluss ganzer Teile der Gesellschaft von Versicherungsschutz führen. Das wäre das Ende von Solidarität.

Auch wenn oft das Gegenteil behauptet wird: Das Versicherungsprinzip – also der Risikoausgleich im Kollektiv – funktioniert auch bei einer immer größeren Anzahl von immer kleineren Gruppen. Voraussetzung dafür ist nur, dass der Versicherer genügend Daten hat, um für jede Gruppe die angemessene Prämie zu bestimmen. Die Versicherung bietet dann jedem Versicherten Schutz gegen eine zufällige Abweichung vom Durchschnittswert seiner Gruppe.

Spannender sind Aspekte der Risikoauslese sowie der Versicherungsnachfrage: Ein Verzicht auf Individualisierung kann dazu führen, dass für „gute Risiken“ (mit voraussichtlich geringem Leistungsbedarf) die Prämie (zu) teuer ist. Wenn sich diese Menschen deshalb nicht versichern, kann dies eine Preisspirale in Gang setzen. Umgekehrt kann Individualisierung dazu führen, dass die Prämien für Kunden, die „schlechte Risiken“ darstellen, (zu) teuer werden – und diese sich deshalb nicht mehr versichern können.

(Zu) hohe Prämien für gute oder schlechte Risiken – welche dieser „Ungerechtigkeiten“ ist schlimmer? Macht es dabei einen Unterschied, ob man selbstverschuldet ein schlechtes Risiko darstellt, etwa weil man rücksichtlos Auto fährt, oder ob man unverschuldet ein höheres Risiko darstellt, etwa weil man unter einer Krankheit leidet? Ist Umverteilung wirklich die Aufgabe der privaten Versicherungswirtschaft – oder nicht eher des Sozialstaats?

Diese und viele weitere Aspekte zeigen, dass eine differenzierte, verantwortungsvolle Diskussion über die Grenzen der Individualisierung erforderlich ist, die hier den Rahmen sprengen würde. Eine pauschale Ablehnung ist aber definitiv nicht geboten, zumal risikogerechte Tarifierung in einigen Bereichen bereits etabliert ist und die Ideen, die die aktuelle Diskussion ausgelöst haben, nicht vorsehen, „schlechte Risiken“ zu sanktionieren.

Auch inter­essant