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Corona

Impf­kam­pa­gne: Schutz­schirm für den ret­ten­den Piks

Der Kampf gegen das Virus erfordert Höchstleistungen von Pharmafirmen, Logistikern und dem Gesundheitswesen. Auch Versicherer sorgen dafür, dass die Risiken der größten Impfkampagne aller Zeiten gut abgesichert sind. Ein Blick hinter die Policen.

Von wegen nur ein kleiner Piks: Wer sich in Berlin gegen Covid-19 impfen lassen möchte, muss Geduld mitbringen. Es dauert, bis die Pharmazeutisch-technischen Assistenten das Vakzin für die Ärzte aufbereitet haben. Ein kleiner Plausch mit den Helfern ist da eine willkommene Verkürzung der Wartezeit – mit durchaus unterhaltsamen Erkenntnissen. So erfährt man zum Beispiel, dass sich ein bekannter Schauspieler von seiner Freundin mit Nadel im Oberarm ablichten ließ und den Schnappschuss später auf Instagram postete. Dabei ist das Fotografieren im Impfzentrum streng verboten. Für Unbefugte absolut tabu ist auch der intern „Giftraum“ genannte Ort, an dem der Impfstoff in Spezialkühlschränken aufbewahrt und in einem komplizierten Prozess mit Kochsalzlösung verdünnt in die Spritze aufgezogen wird. Für alles rund um die kostbare Flüssigkeit gilt die höchste Sicherheitsstufe, nichts soll den Erfolg der Impfkampagne gefährden, die die Pandemie beenden und den Menschen ihren Alltag zurückbringen soll. 

Die Liste potenzieller Gefahren ist lang. Die aufwendige Infrastruktur von der Produktion über den Transport und die Lagerung bis hin zu den Impfzentren ist anfällig für Fehler, Hackerangriffe, Diebstahl, Betrug, Unterschlagung, Vandalismus und Erpressung. Hinzu kommen mögliche Schäden durch Unterbrechung der Kühlkette oder Komplikationen beim Impfen selbst. Mehr als 400 Impfzentren müssen die Hersteller in Deutschland beliefern, außerdem die mobilen Impfteams für Krankenhäuser und Pflegeheime, später auch Arztpraxen. Mit Policen für Probanden, Produktion, Logistik, Ärzte und Impflinge leisten die deutschen Versicherer einen wichtigen Beitrag, dass die Risiken beherrschbar bleiben – und das lebenswichtige Projekt gelingt.

Die üblichen Policen reichen bei Impfstoffen oft nicht aus 

Kritisch sind unter anderem Transport und Zwischenlagerung, da Impfstoffchargen verloren gehen oder beschädigt werden können. Hier sichert etwa die R+V über ihren Spezialversicherer Kravag die mit der Beförderung beziehungsweise Logistik beauftragten Frachtführer oder Spediteure über eine Verkehrshaftungsversicherung ab. Das Transportrisiko der Impfstoffhersteller übernehme die Warentransportversicherung, sagt Torben Siegmund, Abteilungsleiter Transport bei der R+V. „Voraussetzung für den Schutz ist eine durchgehende Kühllogistik, aber auch eine Sicherung des Transports.“ Speziell beim Versand der stark nachgefragten medizinischen Artikel wie Schutzmasken oder Desinfektionsmittel rechnet Siegmund mit einem erhöhten Risiko von Unterschlagung und Betrug. Peter Kollatz, Geschäftsführer des Versicherungsmaklers Schunck Group, weist darauf hin, dass Transport und Lagerung von Rohmaterialien zur Produktion von Impfstoffen sowie der Versand der fertigen Vakzine in der Regel nicht über die üblichen Policen gedeckt sind. Er bietet seinen Kunden daher Individualvereinbarungen und Zusatzdeckungen an, die alle Transporte von der Produktionsstätte in die Verteilzentren und von dort zu den Impfzentren und Krankenhäusern beinhalten, ebenso innerbetriebliche Transporte.

Angriffe auf ein Impfzentrum in Rostock oder Ausschreitungen in den benachbarten Niederlanden zeigen, welche Gefahren bestehen

Für Kassenärztliche Vereinigungen oder Ärztekammern hat Schunck Policen im Angebot, die Haftpflicht- und Unfallrisiken des medizinischen Personals in den Impfzentren abdecken, aber auch Sachschäden an Gebäuden, Zelten, Containern oder der Elektronik.  Die Angriffe auf ein Impfzentrum in Rostock oder Ausschreitungen in den benachbarten Niederlanden zeigen, welche Gefahren bestehen. Impftransporte in Deutschland werden deshalb von der Polizei begleitet. „Vor Ort arbeiten wir nach dem Zwiebelprinzip: Vor dem Zentrum ist die Polizei zuständig, am Eingang stehen private Wachdienste. Und auch innen haben wir Ordnungskräfte“, sagt Albrecht Broemme, der den Aufbau der Berliner Impfzentren koordiniert (siehe Interview). Für Verunsicherung sorgte zeitweilig die Frage, ob niedergelassene Ärzte, die vorübergehend in Impfzentren aushelfen, über ihre Berufshaftpflicht gegen mögliche Fehler versichert sind, etwa weil sie einen Patienten beim Einstich verletzen oder ein Vakzin verabreichen, das nicht ausreichend gekühlt ist. Anfang Dezember 2020 bestätigte daher unter anderem die HDI Versicherung, dass für alle Ärzte, die bei ihr eine Berufshaftpflicht abgeschlossen haben, Impfungen gegen das Coronavirus inbegriffen seien – unabhängig vom vereinbarten Versicherungsumfang. Dies gelte auch für noch nicht beim HDI versicherte Ärzte, die sich in den Zentren engagieren wollten, sowie für Ärzte mit einer HDI-Ruhestandsversicherung, so ein Sprecher.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) rät Ärzten im Ruhestand, die bei der Impfkampagne helfen wollen, ihre individuelle Situation zuvor mit ihrem Haftpflichtversicherer zu besprechen. „Werden Ruheständler als Impfärzte ‚angeworben‘, kann diese Tätigkeit über den Versicherungsschutz ‚gelegentlicher  ärztlicher Tätigkeit‘ hinausgehen“, so der GDV. Die Ergo Group werde auch impfenden Zahnärzten den Schutz durch die Berufshaftpflicht bestätigen, sofern diese zum Impfen ermächtigt würden, sagt Wolfgang Neuhaus, Bereichsleiter Haftpflicht Individualgeschäft. Bei Ergo haftpflichtversicherte Apotheker seien für pharmazeutische Leistungen in den Zentren ebenso versichert. Seit Dezember bietet Ergo zudem auch den Betreibern von Impfzentren Versicherungsschutz, entweder im Rahmen bestehender Betriebshaftpflichtversicherungen oder neu hinzukommender Deckungen. Betreiber sind zum Beispiel die Städte zusammen mit den regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen sowie Hilfsorganisationen. 

Nicht alle Risiken kann die Assekuranz allein schultern 

Impfzentren bietet Ergo an, die dort tätigen Ärzte vollumfänglich oder subsidiär mitzuversichern. Ärzte mit einer Berufshaftpflicht bei der Ergo sind auch bei der Arbeit im Impfzentrum oder in mobilen Teams versichert. Dass neue Sachverhalte immer wieder auch neue Fragen zum Versicherungsschutz aufwerfen, zeigt das Beispiel der Antigen-Schnelltests, die seit Ende 2020 auch Apotheken durchführen dürfen. Mitte Januar entschied etwa die R+V, Apotheker bei dieser Leistung zur Unterbrechung der Corona-Infektionsketten zu unterstützen, indem sie auf einen Beitragszuschlag in der Betriebshaftpflicht verzichtete. Doch nicht alle Risiken kann die Branche allein schultern. 

„Die Impfstoffhersteller haben auf eine Beteiligung der Staaten an möglichen Haftungsansprüchen gedrungen, weil die Versicherer nicht das Risiko womöglich erst in Jahren auftretender Nebenwirkungen tragen können oder wollen“, sagte Torsten Leue, CEO der drittgrößten deutschen Versicherungsgruppe Talanx, der „WirtschaftsWoche“. Die Staaten übernähmen daher aufgrund fehlender Erfahrungswerte dieses Risiko, weil es privatwirtschaftlich nicht kalkulierbar sei. Talanx beteilige sich, „indem wir leichter kalkulierbaren Versicherungsschutz zum Beispiel für Produktionsfehler beim Impfstoff anbieten“. Schon vor dem Start der Impfkampagne versicherte der zu Talanx gehörende Industrieversicherer HDI Global mehrere klinische Tests, in denen die Impfstoffe auf ihre Wirksamkeit und Verträglichkeit geprüft wurden. Die Weltgesundheitsorganisation erwartet, dass 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung einen Impfschutz benötigen, bis die Herdenimmunität erreicht ist. Welchen Einfluss die aktuellen Virusmutationen auf den Impfschutz haben, ist aber noch nicht geklärt. Die Impfkampagne wird die Menschen also wohl noch lange beschäftigen. Und die Versicherungen ebenso.

Text: Eli Hamacher

 

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