Positionen-Magazin
Digi­ta­ler Auto­schlüs­sel

Handy, hol schon mal den Wagen!

Auto und Smartphone wachsen zusammen. Während der Fahrt Musik hören, telefonieren, navigieren: Alles längst normal. Jetzt lassen sich erste Modelle auch per Handy öffnen und starten. Der digitale Autoschlüssel soll den Fahrern das Leben erleichtern und Dieben das Handwerk erschweren. Doch so einfach ist es leider nicht.

„Es ist wirklich supereinfach“, schwärmt Emily Schubert. Die Apple-Ingenieurin geht durch ein leeres Parkhaus auf einen blauen BMW 5er zu, zieht ihr Smartphone aus der Tasche und hält es an den Griff der Fahrertür. Ein dezentes „Pling“ ertönt, die Innenraumbeleuchtung erwacht, die Tür ist entriegelt. Schubert, die den klangvollen Titel „Senior Manager of Car Experience Engineering“ trägt, legt ihr iPhone in die Lademulde in der Mittelkonsole und drückt den Startknopf. Der Wagen springt an. Wie in dem Apple-Werbevideo, das über YouTube abrufbar ist, könnte in Zukunft unser automobiler Alltag aussehen. Kommunikationszentrale, Musikbox und Kamera ist das Smartphone schon lange. Nun wird es auch zum digitalen Autoschlüssel. Und das verändert weit mehr als nur die Art und Weise, wie wir einen Wagen starten. Im vergangenen Sommer gaben Apple und BMW ihre Kooperation bekannt, seither ist der „Digital Key“ in den meisten Modellen des Münchner Autobauers verfügbar – vorausgesetzt, der Wagen wurde nach Juli 2020 gebaut. In älteren Fahrzeugen nachrüstbar ist der digitale Starthelfer nicht. Die Evolution vom klassischen mechanischen zum digitalen Schlüssel zog sich über mehrere Jahrzehnte und war stets getrieben von zwei Faktoren: mehr Komfort und mehr Sicherheit. 

Von der Kurbel zur Welle: Die Geschichte des Autoschlüssels

Der einklappbare Schlüsselbart war für viele Autofahrer eine Wohltat: Endlich durchlöcherte das spitze, scharfkantige Ding nicht mehr die Hosentaschen. Die Einführung der elektronischen Wegfahrsperre, die nur über einen in den Wagenschlüssel integrierten Transponder gelöst werden kann, ließ die Zahl der Autodiebstähle von den Neunzigerjahren an kontinuierlich sinken. Das Kurzschließen einer Zündung gibt es seither nur noch bei Oldtimern oder im Film. Bei vielen aktuellen Modellen reicht es inzwischen schon, den Schlüssel nur bei sich zu tragen, um das Fahrzeug per Funk zu entsperren und zu starten. 

Die Schäden durch Autodiebstahl steigen trotz sinkender Fallzahlen 

Doch diese sogenannten Keyless-Systeme haben eine gefährliche Schwachstelle: Das Funksignal kann von Dieben abgefangen und verlängert werden. Ein zweites Gerät in der Nähe des Schlüssels gaukelt dem Auto dann vor, sein Besitzer stünde in unmittelbarer Nähe – und die Elektronik entsperrt das Fahrzeug. Viele Autos verschwinden jedes Jahr auf diese Weise, sehr zum Verdruss ihrer Besitzer – und auch der Versicherer. Denn es sind vor allem teure Premiummodelle, auf die es die modernen Autoknacker abgesehen haben. Eine der Ursachen dafür, dass der Schadenaufwand in der Kfz-Versicherung seit einigen Jahren wieder steigt – trotz sinkender Fallzahlen. Das Smartphone könnte helfen, den Dieben ihr kriminelles Handwerk nochmals zu erschweren. „Der digitale Autoschlüssel hat das Potenzial für ein höheres Sicherheitsniveau“, sagt Carsten Reinkemeyer, Leiter Sicherheitsforschung am Allianz Zentrum für Technik (AZT) in München. Denn anders als ein Funkschlüssel greift der Digital Key auf das sogenannte Hardware-Secure Element im iPhone zu. Das ist die besonders gesicherte Schnittstelle, über die auch der Zahlungsverkehr der Bezahl-App Apple Pay abgewickelt wird und die nicht über Software ausgelesen werden kann. Das System basiert auf derselben Technik, die auch beim kontaktlosen Bezahlen mit der EC-Karte zum Einsatz kommt. Der Öffnungsmechanismus reagiert nur,  wenn das Handy in circa 1,5 Zentimeter Abstand an den Türgriff des Autos gehalten wird. Das macht ein Abfangen des Signals äußerst schwierig. Geht das Smartphone verloren oder wird es gestohlen, lassen sich über Apples iCloud-Service sämtliche digitalen Schlüssel – bis zu fünf digitale Kopien pro Fahrzeug sind möglich – sofort deaktivieren. Dann kann das Auto nicht mehr gestartet werden. 

Die neue Technik stellt die Assekuranz trotzdem vor große Herausforderungen. Bisher reicht der Kunde im Fall eines Diebstahls den vollständigen Schlüsselsatz bei seiner Versicherung ein, die daraufhin den Schaden reguliert. Künftig muss der Fahrzeughalter jeden Berechtigten nennen, der zum Zeitpunkt der Entwendung im Besitz eines virtuellen Schlüssels war – und einen Nachweis über die Löschung der Berechtigung vorlegen. „Bei einem Fahrzeugverlust muss schnell nachvollziehbar sein, wer Zugriff auf das Auto hatte“, sagt Jürgen Redlich, Leiter des Bereichs Kfz-Technik, Betrieb und Schaden beim Versicherungsverband GDV. „Das funktioniert nur, wenn der Fahrzeughersteller diese Berechtigung in der Historie speichert.“ Und diese bei Bedarf an den Versicherer weitergibt. BMW kooperiert derzeit ausschließlich mit Apple und umgekehrt. Das heißt, ein BMW-Fahrer, der eine andere Smartphonemarke bevorzugt, muss mit dem herkömmlichen Autoschlüssel vorliebnehmen. Anders ist es bei Volkswagen: Die Wolfsburger arbeiten bei ihrem „Mobile Key“, den es bisher lediglich für den Golf 8 gibt, zwar mit dem Gerätehersteller Samsung zusammen. Zusätzlich bietet VW aber eine digitale Schlüsselkarte an, die ebenfalls den normalen Schlüssel ersetzt. In die Handyhülle gesteckt, funktioniert das Prinzip über diesen Umweg auch ohne Samsung-Smartphone. Der dritte deutsche Hersteller Daimler hat seinen 2018 eingeführten Digitalschlüssel „aufgrund sehr geringer Nachfrage, hohem Entwicklungspflegeaufwand sowie logistischer Komplexität“ vorerst wieder aus dem Programm genommen, so ein Konzernsprecher.

Bequemlichkeit und Sicherheit können im Widerspruch stehen

Experten halten es dennoch nur für eine Frage der Zeit, bis weitere Auto- und Elektronikhersteller auf den Zug aufspringen. Zu vielfältig und zu verlockend sind die Möglichkeiten. So ermöglicht es der digitale BMW-Schlüssel etwa, begrenzte Fahrberechtigungen auszustellen. Ein Freund leiht sich das Auto für einen Tag? Ein Tipp aufs Display und nach 24 Stunden erlischt die Funktion des Schlüssels. Der Sohn möchte mit Papas SUV die Freundin beeindrucken? Okay, ausnahmsweise, aber bei 140 Stundenkilometern regelt der Motor ab. Alles möglich, alles einstellbar – und wenn es eilig ist, wird die Berechtigung für einen digitalen Schlüssel schnell über Apples Kurznachrichtendienst iMessage verschickt. All das ist heute bereits machbar und in Zukunft wohl noch mehr. Sobald die rechtlichen Voraussetzungen dafür vorliegen, könnte der Fahrer seinem Wagen etwa per App das Kommando geben, selbstständig auszuparken und ihn an der Ausfahrt des Parkhauses abzuholen. Frei nach Derrick: Handy, hol schon mal den Wagen. „Es wäre auch möglich, dem Paketzusteller eine zeitlich begrenzte Erlaubnis zum Öffnen des Kofferraums auszustellen“, sagt Allianz-Technik-Experte Reinkemeyer. So würde das parkende Auto zur Packstation. „Und was bei einer  Autotür funktioniert, geht grundsätzlich natürlich auch mit jeder anderen Tür.“

Ganz wohl ist den Versicherern angesichts der schier unbegrenzten Möglichkeiten nicht. Doch das liegt weniger an der Technik als vielmehr an der Sorglosigkeit mancher Nutzer. Wer sein Smartphone nicht per Code oder biometischer Erkennung absichert, ist nämlich künftig bei Verlust oder Diebstahl nicht nur sein Handy los, sondern im Zweifel auch sein Auto. „Bequemlichkeit und Sicherheit können schon mal im Widerspruch stehen“, warnt GDV-Experte Redlich. Die Versicherer hätten es gern gesehen, wenn der Gebrauch des digitalen Autoschlüssels nur mit individueller Identifizierung möglich gewesen wäre. Doch auf eine Gesichtserkennung vor jedem Öffnen des Wagens oder gar das Eintippen eines Zahlencodes wollten sich die Hersteller nicht einlassen. Zu umständlich. Es hängt also am Verantwortungsbewusstsein der Autofahrer, ob der Digital Key in Sachen Sicherheit eine Erfolgsgeschichte wird wie einst die elektronische Wegfahrsperre. Oder doch eher das Gegenteil.

Text: Claus Gorgs & Martin Scheele

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