Positionen-Magazin
Reden wir über Sicher­heit mit einer Polar­for­sche­rin

Drifteis­fahrt zum Nord­pol: „Die Ark­tis ver­zeiht keine Feh­ler“

Ein Jahr lang driftet das Forschungsschiff „Polarstern“ durch die Arktis. Die Physikerin Dorothea Bauch war drei Monate an Bord. Davor hat sie Überlebenstrainings absolviert. Die größte Gefahr sei aber nicht die Kälte – sondern das eigene Ego.

Die Mosaic-Expedition des Alfred-Wegener-Instituts ist die bisher größte Forschungsreise in die Arktis überhaupt. Mehr als 600 Wissenschaftler aus aller Welt bilden die Crew des Eisbrechers „Polarstern“ und sammeln eine nie da gewesene Fülle an Daten über den Klimawandel, während das Schiff festgefroren in einer Eisscholle durch das Nordpolarmeer treibt. Erst im Herbst dieses Jahres wird das Eis die „Polarstern“ wieder freigeben. Dorothea Bauch hat während der ersten drei Monate an der Expedition teilgenommen, um Bohrkerne zu sammeln. Für die größte Gefahr bei der Arbeit auf dem Eis hält sie Eitelkeit und falschen Stolz, sagt die Physikerin im Interview für unsere Reihe Reden wir über Sicherheit. „Wenn man nach zwei, drei Stunden bei minus 25 Grad auf dem Eis merkt, dass die Kraft zur Neige geht, muss man das dem Team aber unbedingt mitteilen – und zur Not eben einen Einsatz unvollendet abbrechen.“

Frau Dr. Bauch, bevor Sie in die Arktis aufgebrochen sind, haben Sie ein Schießtraining absolviert. Hatten Sie Angst, dass Sie sich mit Ihren Kollegen nicht verstehen würden?
Dorothea Bauch: (lacht) Nein, das nicht! Es ging um Eisbären. Es war klar, dass wir den Tieren während der stundenlangen Arbeit auf dem Eis begegnen könnten. Deshalb wurden bei jedem Außeneinsatz bewaffnete Wachen eingeteilt. Wenn ich an der Reihe war, stand ich neben den Kollegen, die ihrer Forschungsarbeit nachgegangen sind, und habe nach Bären Ausschau gehalten – mit einem schweren Gewehr, mit dem man sogar Elefanten töten könnte.

Sind Sie Jägerin?
DB:
Nein. Ich hatte vorher auch keinerlei Beziehung zu Waffen. Zu dem Schießtraining habe ich mich nur deshalb angemeldet, weil ich mich so intensiv wie möglich mit den Gefahren auseinandersetzen wollte, die einem in der Arktis begegnen können. Und zwar nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch und emotional.

Kann ein Training in der Sicherheit des Festlands tatsächlich ein Gefühl für die Gefahr vermitteln, die einen draußen auf der Eisscholle erwartet?
DB:
Oh, ja! Wir mussten Sprints machen, die den Blutdruck und den Adrenalinspiegel in die Höhe getrieben haben, dann nach der Waffe greifen und auf das Ziel schießen. Das fühlte sich schon realistisch an. Die Schwierigkeit besteht darin, dass man erst auf Bären schießen darf, wenn sie sich auf 30 Meter genähert haben. Die Tiere können aber im Falle eines Angriffs 20, 25 Stundenkilometer schnell werden, man hat also nur Sekunden, um zu entscheiden und seine fünf Schuss abzufeuern. Von Fällen auf Spitzbergen weiß man, dass in Notwehr getötete Tiere meist zwischen zwei und zehn Metern vor dem Schützen zum Liegen kommen.

Sind Sie während der Expedition Bären begegnet?
DB: Ja, aber zum Glück war keiner der Bären aggressiv, und ich musste nicht schießen. Das gilt auch für die Kollegen. Die Teams konnten sich immer rechtzeitig sammeln und auf das Schiff zurückziehen. Die professionellen Eisbärenwachen, die es neben angelernten Wachen wie mir auch gab, haben die Tiere dann mit Leuchtmunition vertrieben.

Was gehörte noch zu Ihrer Vorbereitung?
DB: Eine ganze Reihe von Trainings, von Erste Hilfe bis hin zum Verhalten bei einem Hubschrauberabsturz. In Tromsø sind wir in den Fjord gesprungen und haben geübt, mit Eispickeln auf die Scholle zurückzuklettern. In der Realität müsste man entscheiden, wie man sich seine Energie einteilt: Lohnt sich der Kraftaufwand, den das Klettern kostet, oder ist man besser beraten, im Überlebensanzug im Wasser zu treiben und auf Hilfe zu warten? In einem allgemeineren Kurs wurden wir sogar auf Begegnungen mit Piraten vorbereitet, auch wenn das im Nordpolarmeer nicht sehr realistisch ist. Aber das gehört wohl zum Pflichtprogramm bei Einsätzen auf See.

Wenn man sich so intensiv mit all den möglichen Gefahren befasst, nimmt einem das dann eher die Angst oder schafft es vielleicht sogar zusätzliche Ängste?
DB:
Es schärft auf alle Fälle den Blick. Aus diffusen Ängsten wird Respekt vor den realen Gefahren. Die Arktis verzeiht keine Fehler – das ist mir dadurch klarer geworden.

Gab es etwas, wovor Sie besonders viel Angst hatten?
DB: Nein. Nach den vielen Trainings hatte ich höchstens Sorge, dass wir angesichts der zahllosen Sicherheitsregeln überhaupt nicht zum Arbeiten kommen würden. Aber das hat sich als unberechtigt erwiesen. Ich glaube, dass die größten Gefahren, denen man auf dem Eis begegnet, gar nicht plötzliche Ereignisse wie unwahrscheinliche Eisbärenangriffe sind, sondern Eitelkeit und falscher Stolz.

Wie meinen Sie das?
DB: Als Forscher arbeiten wir immer im Team, und niemand möchte das schwächste Glied sein. Wenn man nach zwei, drei Stunden bei minus 25 Grad auf dem Eis merkt, dass die Kraft zur Neige geht oder man zu frieren beginnt, muss man das dem Team aber unbedingt mitteilen – und zur Not eben einen Einsatz unvollendet abbrechen. Das gilt auch, wenn man bemerkt, dass ein Kollege seine Leistungsgrenze erreicht hat. Ansonsten kann es wirklich gefährlich werden.

Was passiert, wenn sich jemand während der Expedition verletzt oder schwer erkrankt?
DB: Es gibt an Bord einen Allgemeinmediziner und eine Krankenschwester. Und natürlich existieren Notfallpläne, um zum Beispiel Verletzte ins Krankenhaus auf dem Festland zu bringen. Das ist allerdings nicht einfach, weil Eisbrecher zum Teil drei Wochen bis zur „Polarstern“ benötigen, sofern sie überhaupt bis zu ihr kommen – in manchen Regionen ist das Eis zu dick. In einigen Regionen, durch die das Schiff während seiner Drift durch das Eis kommt, liegt es zudem außerhalb der Reichweite von Helikoptern. Es gibt also allen Grund, sich an die Sicherheitsregeln zu halten.

Ist Ihnen persönlich etwas zugestoßen?
DB: Zugestoßen ist der falsche Ausdruck. Ich war zweimal beim Arzt – erst mit einem verspannten Nacken und später wegen Problemen mit einem Zahn. Das ist vermutlich der Horror für Schiffsmediziner, sie sind ja keine Zahnärzte. Aber in meinem Fall ist alles gut gegangen. Der Zahn wurde mir gezogen.

Würden Sie noch einmal an einer solchen Expedition teilnehmen?
DB: Es war schon meine zweite Reise direkt zum Nordpol, aber die erste im Winter. Das ist schon eine besondere Herausforderung, wenn man in ständiger Dunkelheit arbeitet und die Temperaturen mit dem Windchill-Faktor minus 45 Grad erreichen. Aber ich habe dabei unvergleichliche Erlebnisse gehabt. Die Geräusche des Eises, die einmalige Natur und der Vollmond, der mitten in der Polarnacht rot am Himmel steht – das sind Dinge, die ich nie vergessen werde. Wenn ich die Chance hätte und es eine spannende Forschungsfrage gäbe, wäre ich gern noch einmal dabei.

Interview: Volker Kühn


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