Positionen-Magazin
Kolumne von Hans-Chris­tian Boos

Die Tech-Revo­lu­tion kommt – gut so!

Die Digitalisierung zerstört alte Geschäftsmodelle und erschafft neue. Vielen Menschen macht das Angst. Doch das ist unbegründet. Denn wir alle können von der Erneuerung profitieren – vorausgesetzt, wir gestalten den Prozess mit Herz und Verstand.

Seit es uns Menschen gibt, erleichtern wir durch Technologie unser Leben. Was wir auf diesem Weg erreicht haben, kann sich sehen lassen. Niemand möchte dahinter zurück – oder wollten Sie vielleicht die Arbeit eines Krans durch Muskelkraft ersetzen? Anders sieht es aus, wenn wir in die Zukunft blicken. Da wird uns eingeredet, dass Maschinen nicht besser arbeiten dürften als Menschen, weil wir sonst die Kontrolle verlören. Dabei ist klar, dass wir eben diese Kontrolle bis in letzte Detail längst freiwillig abgegeben hat – schließlich ist uns nur ein begrenztes Maß an Zeit gegeben.
Wir sollten sie nutzen, um die wirklich wichtigen Dinge im Griff zu behalten. Zum Beispiel, welche Richtung unsere Gesellschaft nimmt und wie wir die Lebensbedingungen auf unserem Planeten so gestalten, dass er auch für künftige Generationen bewohnbar ist. Doch unsere Angst vor dem Neuen scheint oft so groß, dass wir es vorziehen, leidenschaftlich am Status quo festzuhalten.
Aber die Zukunft lässt sich nicht aufhalten – genauso wenig wie der Einfallsreichtum des Menschen. Und deshalb haben wir unsere Technologie binnen weniger Jahre so weit verbessert, dass wir vor einer Systemumwälzung stehen. Dreimal haben wir das bereits erlebt: Von der Agrargesellschaft über die Handelsgesellschaft bis zur Industriegesellschaft haben wir Menschen große Fortschritte gemacht. Das Ergebnis war immer zufriedenstellend, wenn auch begleitet von unangenehmen Transformationsprozessen.
Nun steht mit der Digitalisierung und ganz besonders mit der künstlichen Intelligenz die nächste System­umwälzung an. Sie ist mindestens ebenso bedeutsam wie seinerzeit die Einführung der Dampfmaschine. Der wesentliche Unterschied zu damals: Diesmal können wir die Transformationsphase noch beeinflussen. Gerade in Europa ist es problemlos möglich, sie für uns alle angenehm zu gestalten.
Werfen wir einen Blick auf das Ende dieses Prozesses: Nach der digitalen Revolution werden materielle Güter drastisch an Wert verloren haben, weil ihre Herstellung unglaublich billig sein wird. Dasselbe gilt für Basisdienstleistungen. Was dagegen gewinnt, sind menschliche Eigenschaften: wissenschaftliche Neugier, Pioniergeist, künstlerische Kreativität und das Einfühlungsvermögen von Menschen, die sich um andere kümmern.
Hört sich utopisch an? Ist es nicht! Denn wenn Maschinen die Produktion übernehmen, unsere Wirtschaft dabei aber nicht schrumpft, dann haben wir auf einmal das Kapital und die Zeit, um sowohl den Innovationsstau aufzulösen als auch verloren gegangene Menschlichkeit zurückzugewinnen.
Um ohne nennenswerte Verwerfungen in diese Zukunft zu kommen, bedarf es keiner Diskussionen darüber, ob man überhaupt aufbrechen will, sondern über die Frage, was die Werte sind, die die Zukunft auszeichnen sollen. Die großen Plattformen, deren Dienste unser Leben heute erheblich besser machen, bedrohen viele Industrien. Doch noch ist Zeit, darauf zu reagieren. Wenn sich die Industrie jetzt digitalisiert, wird quasi das gesamte erwirtschaftete Potenzial und Geld sofort wieder investiert – in uns Menschen.
Was die Wirtschaft braucht, damit der Prozess gelingt, ist der Wille der Gesellschaft. Statt Zweifel zu sähen und für den Erhalt des Vergangenen zu kämpfen, lassen Sie uns doch darüber sprechen, welche Zukunft wir wollen! Deutschland hat die selbstständige Industrie und die unabhängigen Geister, um das umzusetzen.


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