Zwischen 1913 und 1914 erfindet Oskar Barnack die erste Kleinbildkamera. Mit seiner Leica erschaffen einige der größten Fotografen Bilder für die Ewigkeit. Das Urmodell von Barnacks Kamera liegt heute im Tresor.

Die besten Einfälle entstehen oft aus der Not heraus. Bei Oskar Barnack waren es gleich zwei Probleme, die ihn 1913 auf eine Idee brachten, die die Art revolutionierte, wie wir die Welt wahrnehmen. Das erste Problem war sein Asthma, das den begeisterten Amateurfilmer und -fotografen daran hinderte, so oft mit seinen Kameras in die Natur zu ziehen, wie er es sich gewünscht hätte: Zu schwer waren die Apparate, als dass er sie mit seiner angeschlagenen Physis über längere Zeit hätte herumtragen können.

Das zweite Problem war finanzieller Natur: Der 35-Millimeter-Kinoflilm, den er in seine wuchtigen Kameras einlegte, war teuer. Umso mehr ärgerte es ihn, dass er große Mengen davon verschwenden musste, um die optimale Belichtung für die Aufnahmen zu finden. Denn das funktionierte nur über Versuch und Irrtum. Was er bräuchte, überlegte sich Barnack, wäre ein kleiner, handlicher Apparat, der ihm erlauben würde, die richtige Blende mit wenigen Einzelaufnahmen zu ermitteln.

Die erste Kleinbildkamera der Welt: 1914 schlägt die Geburtsstunde der Leica

Barnack, damals Mitte 30 und Entwicklungschef des Mikroskopherstellers Leitz im hessischen Wetzlar, war ein begabter Feinmechaniker. Also machte sich selbst ans Werk. In monatelanger Tüftelarbeit konstruierte er einen Belichtungsapparat, in den er einen auf kleine Rollen gezogenen Kinofilm einspannen konnte. Im März 1914 war er am Ziel. „Mikro Liliputkamera mit Kinofilm fertig“, notierte Barnack in seinen privaten Aufzeichnungen. Er hatte ein Gerät erschaffen, das gerade einmal 400 Gramm wog, in eine Jackentasche passte und mit dem er nicht nur die Belichtung für Filmkameras bestimmen, sondern auch Schnappschüsse machen konnte. Es war die erste Kleinbildkamera der Welt.

Barnacks Chef Ernst Leitz II. reagierte begeistert. Er nahm einen der beiden Prototypen für einen ausführlichen Test mit nach Amerika, wo er eine heute legendäre Reihe von Aufnahmen in den Straßenschluchten von New York machte. Wäre nicht bald darauf der Erste Weltkrieg ausgebrochen, hätte Leitz womöglich schon damals mit der Serienproduktion der Leitz Camera, kurz Leica, begonnen.


Die größten Fotografen der Welt schwören auf die Leica. Der Prototyp liegt heute im Tresor

So aber vergingen noch zehn Jahre. Erst 1924 brachte Leitz die Kleinbildkamera auf den Markt. Das war angesichts der Wirtschaftskrise eine gewagte Entscheidung, doch das Risiko zahlte sich aus. Schon bald entdeckten einige der größten Reportagefotografen der Welt das Potenzial des handlichen Apparats. Bis dahin war Fotografie stets Inszenierung, die Bilder waren gestellt und wurden in einem aufwendigen Prozess mit der Standkamera festgehalten. Die Leica dagegen erlaubte es, Augenblicke spontan auf Film zu bannen. Einige der Leica-Bilder haben einen festen Platz im fotografischen Gedächtnis der Welt – der fallende Soldat im Spanischen Bürgerkrieg 1936 etwa, festgehalten von Robert Capa, oder Alfred Eisenstaedts Aufnahme des Matrosen, der 1945 auf dem Time Square eine Krankenschwester küsst. Die Leica wurde zur Kamera der Avantgarde.

Einer von Barnacks Prototypen existiert heute noch: Er ist als Ur-Leica bekannt und wird bei Leitz in einem Tresor aufbewahrt, über dessen Standort das Unternehmen auch auf Nachfrage keine Auskunft geben will. Zu groß sei das Risiko, dass diesem Schatz der Fotografiegeschichte etwas zustoßen könnte. Bei den raren Anlässen, zu denen die Kamera öffentlich gezeigt wird, haben Sicherheitsleute ein wachsames Auge darauf. Und natürlich ist die Ur-Leica auch versichert: für zwei Millionen Euro.

Text: Volker Kühn

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