Positionen-Magazin
Auto-Sicher­heit

Dazwi­schen­ge­funkt

Immer mehr Autos sind mit schlüssellosen Schließsystemen ausgestattet. Sie bieten mehr Komfort, erleichtern aber auch Dieben das Handwerk. Eine Geschichte über kriminelle Banden und serienmäßige Sicherheitslücken.

Seit drei Jahren veröffentlicht der ADAC eine Liste, die für die Autohersteller ziemlich blamabel ist. Der Verkehrsclub führt darin all jene Fahrzeuge auf, deren schlüsselloses Schließsystem er knacken konnte. Rund 300 Modelle umfasst die Tabelle inzwischen – von asiatischen bis zu deutschen Herstellern, vom Kleinwagen bis zur Premiumlimousine. Alle geknackt mit einem Gerät Marke Eigenbau, zusammengebastelt aus Teilen aus dem Elektronikladen für weniger als 100 Euro. Für die Bedienung des kriminellen Türöffners ist keinerlei Expertenwissen nötig. „Das kann jeder geschickte Elektroniktüftler mit ein wenig Erfahrung“, sagt Markus Sippl, Leiter Fahrzeugtechnik beim ADAC.

So bequem die Technik ist, so einfach lässt sie sich aushebeln

Schlüssellose Schließsysteme, im Fachjargon Keyless genannt, werden für immer mehr Fahrzeuge angeboten, teilweise sogar serienmäßig. Sie versprechen den Nutzern mehr Komfort: Diese müssen sich mit ihrem Schlüssel nur dem Auto nähern, schon lässt es sich ohne weiteres Zutun öffnen und starten. Doch so bequem die Technik ist, so einfach lässt sie sich aushebeln.


Bei diesen elektronischen Systemen sendet das Fahrzeug permanent ein Signal, um den nahenden Besitzer mit dem Schlüssel identifizieren zu können. Das Signal reicht eigentlich nur etwa zwei Meter weit. Diebe können es mit einem Funkverstärker aber leicht abfangen und über Hunderte Meter verlängern. Ein zweites Gerät nimmt das verstärkte Signal auf und überträgt es dann an den Originalschlüssel, der sich in unmittelbarer Nähe des zweiten Geräts befinden muss. Über diese Funkbrücke wird dem Auto vorgegaukelt, der Fahrer stünde direkt daneben. 

Ist das Auto einmal geöffnet, lässt sich der Motor problemlos starten – und er bleibt so lange an, bis der Sprit verbraucht ist. Das bedeutet: Wenn die Täter bei laufendem Motor nachtanken, können sie das Diebesgut über große Entfernungen entführen.

Auf diese Weise verschwinden in Deutschland Jahr für Jahr unzählige Autos: „Das Phänomen des Diebstahls von Fahrzeugen mittels Funkverlängerung ist weiterhin von Bedeutung“, heißt es im aktuellen Lagebericht des Bundeskriminalamts zur Kfz-Kriminalität. Über das genaue Ausmaß des Schadens kann die Polizei jedoch nur mutmaßen, weil sie den Tathergang mangels Spuren oft nicht zweifelsfrei ermitteln kann. Denn selbst wenn das gestohlene Fahrzeug ein Keyless-System besaß, könnten es die Kriminellen ja auch auf „klassische“ Weise entwendet haben.

Vor diesem Dilemma stehen auch die Versicherer, denn ihre Diebstahlstatistik bildet das Phänomen ebenfalls nicht ab. „Ob ein Fahrzeug wegen eines überwundenen Keyless-Systems entwendet wurde, wird nicht erfasst“, sagt Andreas Müller-Pahl, beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zuständig für Kriminalitätsbekämpfung. 

Und so kaschiert der insgesamt rückläufige Trend bei Autodiebstählen – 2018 gab es mit gut 16.000 entwendeten Fahrzeugen den niedrigsten Stand seit Jahren – das Problem. Müller-Pahl geht davon aus, dass die Fälle von Funkdiebstahl eher zu- als abnehmen: „Je mehr Fahrzeuge mit Keyless-Systemen auf der Straße sind, desto mehr können auch durch die Überwindung dieser Technik gestohlen werden.“

Wenn die Polizei einmal Spuren für einen Keyless-Diebstahl findet, führen diese oft nach Osteuropa. „Die eindeutig zuzuordnenden Fälle zeigen, dass es sich bei den Tätern zumeist um organisierte Banden aus Polen und Litauen handelt“, sagt Maximilian Weidmann vom Bayerischen Landeskriminalamt. Die Gruppen gehen nach seiner Erfahrung sehr arbeitsteilig vor. Geübte Techniker übernehmen das Knacken der Fahrzeuge. Kuriere, die teilweise über eine Rallyefahrer-Ausbildung verfügen, verschieben die Autos anschließend ins Ausland. Dort werden sie von IT-Fachleuten mithilfe von Schlüsselrohlingen neu konfiguriert. „Das Equipment dafür gibt es im Internet zu kaufen“, sagt Weidmann.

Dass die Täter mit der Masche bis heute Erfolg haben, ist eigentlich ein Unding. Denn die Sicherheitslücke bei Keyless-Systemen ist lange bekannt. Bereits 2011 deckte die Technische Hochschule Zürich die Schwächen schlüsselloser Türöffner auf. Doch nur wenige Hersteller haben seitdem nachgebessert. Bei einigen lässt sich das Keyless-System deaktivieren. Andere haben den Schlüssel mit einem Bewegungssensor ausgestattet: Sobald der Schlüssel eine Weile nicht bewegt wird, schaltet sich der Empfänger automatisch ab. „Das hilft aber nicht, wenn die Diebe den Schlüsselbesitzer auf Schritt und Tritt verfolgen“, gibt ADAC-Experte Sippl zu Bedenken.

Kommunizierende Chips im Ultra-Wide-Band

Das lange Zeit zögerliche Handeln vieler Autobauer führt er auf den geringen wirtschaftlichen Druck zurück. „Solange die Hersteller deshalb nicht einen Wagen weniger verkaufen, ist es ihnen ziemlich egal.“ Weil die Diebstahlzahlen insgesamt zurückgingen, stehe das Thema nicht so im Fokus, sagt Sippl. „Und wenn das Fahrzeug weg ist, zahlt eben die Versicherung.“

​​​​​​​Dabei gibt es durchaus sichere Alternativen. An zwei Modellen mit Keyless-System von Land Rover bissen sich die ADAC-Prüfer die Zähne aus. Der Grund: Land Rover setzt die sogenannte Ultrabreitband-Technologie (englisch: ultra-wideband; UWB) ein. Sie funktioniert ähnlich wie das Satellitennavigationssystem GPS, mit dem sich Positionsdaten auf der Erde exakt bestimmen lassen.

Bei UWB kommunizieren Chips, die an mehreren Stellen im Fahrzeug integriert sind, untereinander und zusätzlich noch mit einem Minisender am Schlüssel. Anhand der Zeit, die ein Signal für eine Strecke braucht, lässt sich die Entfernung des Autobesitzers zentimetergenau ermitteln. Ein Abgreifen und Verlängern der Funkwellen ist nicht mehr möglich. „Unseres Wissens gibt es in der Praxis bislang keinen erfolgreichen Hack-Versuch“, sagt Sippl.

Mit Volkswagen hat kürzlich der erste Massenhersteller angekündigt, die UWB-Technik einzusetzen; den Anfang machen der neue Golf 8 und das Elektromobil ID.3. Künftig solle die Technologie in allen neu entwickelten Modellen Einzug halten, sagt ein VW-Sprecher. UWB bietet nicht nur einen besseren Diebstahlschutz, die damit mögliche präzise Lokalisierung lässt sich auch für andere Zwecke nutzen. So hat VW in einem Forschungsfahrzeug eine Anhängerkupplung verbaut, die automatisch ausfährt, sobald sich ein Anhänger nähert.

Aufschließen per Smartphone und Fingerabdruckscanner

Auch andere Hersteller ziehen UWB in Erwägung, denken aber auch über alternative Möglichkeiten nach. So bietet Mercedes für einige Baureihen einen digitalen Fahrzeugschlüssel an. Dabei fungiert das Smartphone als Türöffner. Bei Volvo können Nutzer den digitalen Schlüssel sogar zeitweise an Dritte übertragen, etwa an den Postboten, damit dieser ein Paket im Kofferraum ablegen kann. Der koreanische Hersteller Hyundai hat in seinem Topmodell Fingerabdruckscanner verbaut, die weniger anfällig für Hackerangriffe sein sollen.

Der ADAC zeigt sich bei der Frage nach Alternativen technologieoffen. Die Schließsysteme müssten auch keinen absoluten Schutz bieten, sagt Technikexperte Sippl. Unter Laborbedingungen und mit entsprechenden Ressourcen ließe sich vermutlich jedes System knacken. „Es geht darum, den Aufwand für Kriminelle so hoch zu setzen, dass er den Gegenwert der Beute übersteigt.“

Deutlich mehr als 100 Euro muss es die Diebe also schon kosten.

Text: Karsten Röbisch

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