Positionen-Magazin
Demo­gra­fi­scher Wan­del in Japan

Das ver­greiste Kai­ser­reich

Nullzinsen, Nullwachstum, null Junge: Was sich hierzulande erst abzeichnet, ist in Japan seit Langem Realität. Was wir von der Inselnation in Fernost lernen können, um Deutschland demografiefest zu machen.

Ein Besuch im Verteilzentrum des Logistikriesen Yamato am Tokioter Flughafen hat etwas Meditatives: Mit knapp zehn Kilometern pro Stunde gleiten Pakete auf Förderbändern durch eine mehrstöckige Halle. Unter rot leuchtenden Toren erfassen Scanner die Barcodes, anschließend wird jedes Frachtstück mit faszinierender Präzision in die nächste freie Lücke des folgenden Fließbands geschubst. Von dort aus geht es weiter zu großen Schütten, eine für jede Region des Landes. Die Lastwagen warten bereits. Nur 24 Stunden später hasten Frauen und Männer in grün-beigen Uniformen bis an die Haustür. 

Unbeschwertes Leben dank technischem Fortschritt

Jeder in Japan kennt das Firmenlogo des Marktführers, eine schwarze Katze („Kuroneko“) auf gelbem Grund. Nicht nur älteren Menschen ermöglicht diese Dienstleistung ein im Wortsinn unbeschwertes Leben. Geliefert wird so gut wie alles: von der Wasserflasche bis zum Reissack, von der Skiausrüstung bis zu frischem Fleisch, Fisch und Gemüse. Maximal 14 Euro kostet das, selbst für schwere Koffer.
Nur für das Verladen und Ausliefern werden Menschen gebraucht – zumindest noch. Vielleicht übernehmen diesen Job auch bald Roboter, gesteuert von künstlicher Intelligenz. Japan ist gewissermaßen das Mutterland der Automatisierung. Zum einen, weil die Menschen hier immer schon technikverliebt waren, zum anderen, weil der Fortschritt die einzige Möglichkeit ist, mit der größten gesellschaftlichen Herausforderung fertig zu werden: dem demografischen Wandel.

Ein Drittel aller Japaner wird 2050 im Rentenalter sein

Kein Land altert und schrumpft so schnell wie Japan. Laut dem staatlichen Statistikamt waren 2018 mehr als 28 Prozent der 126 Millionen Einwohner älter als 65 Jahre. In Deutschland sind es etwas mehr als 19 Prozent. Die Lebenserwartung in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt ist so hoch wie nirgendwo sonst: Frauen werden 87,3 Jahre alt, Männer 81,3 – im Durchschnitt. Gleichzeitig gibt es kaum noch Nachwuchs: 1,4 Kinder bekommt eine Japanerin im statistischen Mittel, 2,1 wären nötig, um die Einwohnerzahl wenigstens stabil zu halten. Ohne eine Trendwende wird das Land bis 2050 etwa ein Fünftel seiner heutigen Bevölkerung verlieren, hat das Statistikamt errechnet, jeder Dritte der dann noch etwa 100 Millionen Einwohner wäre im Rentenalter, die Hälfte aller heutigen Dörfer und Gemeinden entvölkert. 


Damit nicht genug. Seit mehr als zwei Jahrzehnten stagniert Japans Wirtschaft, weder Konjunkturprogramme der Regierung noch die auf Hochtouren laufende Notenpresse vermochten es bisher, deutliches Wachstum zu erzeugen: Viele Jahre schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP), selten wuchs es mehr als ein Prozent. Die Staatsverschuldung ist mit fast 240 Prozent des BIP die höchste aller Industrienationen, Negativzinsen sind seit Jahren Normalität. Der Internationale Währungsfonds (IMF) spricht von „Shrinkonomics“ und warnt: „Japan ist das Politiklabor der Welt.“

Auch in Deutschland gibt es Dörfer, die ohne Arztpraxis und Supermarkt auskommen müssen

Nullzins, Nullwachstum, null Junge: Ist das, was das vergreisende Kaiserreich durchlebt, auch Deutschlands Zukunft? Ist uns die einstige Vorzeigenation nur ein paar Jahre voraus? Anzeichen dafür gibt es: Auch hierzulande wächst der Anteil älterer Menschen, wenn auch nicht so schnell (siehe Grafik). Die Geburtenrate unterscheidet sich mit 1,6 nur unwesentlich von der Japans. Auch bei uns gibt es Dörfer, die infolge des Einwohnerschwunds ohne Supermärkte und Arztpraxen auskommen müssen, wie in Japan mangelt es an Pflegekräften. Das Wirtschaftswachstum dümpelt seit Jahren vor sich hin, der Leitzins der Europäischen Zentralbank liegt bei null Prozent, erste Geschäftsbanken verlangen Negativzinsen. 


Was können wir in Deutschland von Japan lernen? Wie können Staat und Wirtschaft auf die Herausforderungen einer rapide alternden Gesellschaft reagieren? Was macht es mit einem Land, wenn auf den Dörfern jedes Neugeborene wie ein Weltereignis gefeiert wird? Und nicht zuletzt: Wie kann in einem solchen Umfeld eine sichere und stabile Altersvorsorge aussehen? Klar ist: Die Weichen müssen frühzeitig gestellt werden, um eine Überforderung der sozialen Sicherungssysteme zu verhindern. Es braucht strukturelle Reformen, Investitionen und Innovationen. Vieles davon lässt sich in Japan beobachten. 

Supermärkte räumen Regale frei für Windeln, leicht kaubare Fertiggerichte und faltbare Gehstöcke

Die Veränderungen durch den demografischen Wandel sind im Alltag deutlich sichtbar: Seit 2011 landen mehr Windeln für Erwachsene als für Kinder in den Einkaufskörben. Supermärkte haben ganze Regale freigeräumt für leicht kaubare Fertiggerichte in Miniportionen, faltbare Gehstöcke und Gebissreiniger. Die Gänge in den Läden wurden verbreitert. Gut für Mütter mit Kinderwagen – und für Senioren mit Rollator.

Immer mehr Senioren arbeiten als Taxifahrer oder an der Ladenkasse 

Seit etwa zwei bis drei Jahren ist auch der Fachkräftemangel nicht mehr zu übersehen. Manche Geschäfte und Restaurants mussten mangels Personal ihre Öffnungszeiten verkürzen. Auch sieht man immer mehr Menschen im Rentenalter hinter dem Steuer von Taxis oder an der Ladenkasse – falls diese nicht ohnehin automatisiert ist, wie etwa beim Modefilialisten Uniqlo. Zahlreiche neue Dienstleistungen und Produkte entstehen, zum Beispiel persönliche Sekretäre für wenig technikaffine Senioren. In Altenheimen experimentiert man mit Hebe- und Kommunikationsrobotern. Viele ältere Menschen, die noch im eigenen Zuhause leben, können sich der Gerontologin Hiroko Akiyama zufolge einen selbstlernenden Roboter als Alltagsbegleiter gut vorstellen.

Die Schwindsucht, die Japans Wirtschaft seit dem Platzen der Aktien- und Immobilienblase in den 1990er-Jahren erfasst und zu mehreren deflationären Phasen geführt hat, bekämpft Premierminister Shinzo Abe unbeirrt mit seiner „Abenomics“ getauften Wirtschaftspolitik, einer Kombination aus expansiver Geldpolitik, Konjunkturprogrammen und Strukturreformen. Umstritten ist auch die Rolle der Bank of Japan, die unter ihrem Chef Haruhiko Kuroda in großem Umfang Staatsanleihen kauft, über Anlagefonds inzwischen bei vielen japanischen Unternehmen Großaktionär ist und seit Jahren auf Negativzinsen setzt – ähnlich wie die Europäische Zentralbank (EZB). Trotz dieser drastischen Maßnahmen ist das Land ebenso wie Europa vom angepeilten Inflationsziel von zwei Prozent nach wie vor weit entfernt. Und seit fast 30 Jahren ist Wachstum für Japan eher frommer Wunsch denn Realität.

Die Ausgaben für Rente, Gesundheit und Pflege haben sich verdoppelt 

Mit Sorge blicken die Japaner auf das Jahr 2025, wenn das Gros der nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen Babyboomer-Generation 75 Jahre und älter ist. Von dieser Altersstufe an nimmt die Gesundheit statistisch gesehen rapide ab. Seit Anfang der 1990er-Jahre haben sich die Sozialausgaben für Rente, Gesundheit und Pflege verdoppelt und machen heute mehr als ein Fünftel des Bruttoinlandsproduktes aus. Die Einnahmen aus den Beiträgen der gesetzlichen Rentenversicherung genügen zur Deckung schon lange nicht mehr, der Staat schießt massiv zu, was die Staatsverschuldung in immer schwindelerregendere Höhen treibt. Mit einer schrittweisen Erhöhung der Mehrwertsteuer von fünf auf zunächst acht (2015) und später auf zehn (2019) Prozent versuchte die Regierung, die immer größer werdende Lücke zu schließen. Die Folge war jedoch jedes Mal das Einknicken der privaten Haushaltsausgaben, was wiederum die Wirtschaft ins Stottern brachte. Um das Sozialsystem zu entlasten, appellierte die Abe-Regierung Anfang Februar an die Unternehmen, ihre Arbeitnehmer nicht mehr nur bis 60 oder 65 Jahre zu beschäftigen, sondern bis 70. Schon heute ist mehr als ein Viertel der über 65-Jährigen berufstätig, viele als Selbstständige oder Berater ihrer früheren Arbeitgeber.

„Japan ist auf eine gewisse Art und Weise gesegnet“, sagt Hiroko Akiyama, Professorin an der Elite-Universität Tokio. „Weil Japaner nun mal gern arbeiten.“ Die meisten wollten eine Rolle in der Gesellschaft, einen neuen Lebenssinn finden, in Würde altern. Manche sind auf den Zuverdienst angewiesen, andere wollen sich so fit halten. Akiyama plädiert für „zwei Ernten pro Feld“, wie sie es nennt. Also für einen Job für die ersten Lebensjahrzehnte bis 60, einen zweiten für die Zeit danach. „Das kann etwas völlig anderes sein.“ Was sie selbst betrifft, nimmt sie das mit dem Feld wörtlich: Die sonst fein geschminkte und edel gekleidete Professorin zeigt Fotos, auf denen sie in Arbeitsklamotten mit Mitarbeitern auf einem Acker steht. Sie ist 76 Jahre alt. Dieses „zweite Leben“ ist die positive Seite der Überalterung. Denn wo Menschen länger leben und gesund bleiben, steigt nicht nur ihre Lebensqualität, auch ihre Leistungsfähigkeit hält länger an – was sogar dafür sorgen könnte, den leer gefegten Arbeitsmarkt wieder besser auszubalancieren. Derzeit liegt die Arbeitslosenquote bei 2,2 Prozent, es herrscht Vollbeschäftigung. Geht die Entwicklung jedoch weiter wie bisher, wird Japans Erwerbsbevölkerung bis 2050 um etwa ein Viertel schrumpfen, sagt das Statistikamt voraus. Schon heute kommt auf zwei Erwerbstätige ein Rentner, in 30 Jahren stehen rechnerisch nur noch 1,3 arbeitende Menschen einem Pensionär gegenüber. Um zu verstehen, was das für das Rentensystem bedeutet, braucht es keinen Taschenrechner.

Technische Lösungen ersetzen fehlende Zuwanderung 

Während in Deutschland Zuwanderer einen Teil der fehlenden Arbeitskräfte ausgleichen, hat Japan diesen Weg für sich bisher weitgehend ausgeschlossen. Immigration ist für die rechtskonservative Regierung kein Thema. Zeitlich befristet dürfen Arbeitskräfte ins Land, die in Fabriken oder auf den Feldern mit anpacken. Dauerhaft eher nicht. Aktuell leben rund 2,8 Millionen Ausländer in dem Inselreich, was gut zwei Prozent der Bevölkerung entspricht. In Deutschland hat rund jeder vierte Einwohner einen Migrationshintergrund. Die Abe-Regierung setzt beim Kampf gegen den Arbeitskräftemangel vor allem auf technische Lösungen. So helfen Exoskelette und ergonomisch gestaltete Arbeitsplätze dabei, dass körperlich schwere Tätigkeiten zunehmend auch von Frauen ausgeübt werden und ältere Arbeitnehmer länger im Job bleiben können. Manche Aufgaben übernehmen Roboter gleich ganz, etwa in der Alten- und Krankenpflege. 

Die Probleme der Rentenkasse löst das natürlich nicht, selbst intelligente Maschinen zahlen keine Sozialversicherungsbeiträge. Daher ist die private Altersvorsorge ein wichtiges Thema in Japan – und ein wachsendes. Deutsche Branchenkenner dürften sich zunächst einmal die Augen reiben: Trotz jahrzehntelanger Nullzinspolitik boomt ausgerechnet das Lebensversicherungsgeschäft. Laut der Life Insurance Association of Japan steigt die Zahl der Policen seit nunmehr elf Jahren. Am Ende des Fiskaljahres 2018 (März 2019) zählte der Verband mehr als 180 Millionen laufende Verträge, fast 1,5 pro lebender Person. Den größten Anteil (22 Prozent) machen nach wie vor die in Japan traditionell stark verbreiteten Todesfallversicherungen aus. Populär sind auch Spezialpolicen für Krebserkrankungen (13,8 Prozent) sowie Risikolebensversicherungen (13,7 Prozent). Die in Deutschland beliebten Kapitallebensversicherungen sind mit 7,3 Prozent nur schwach vertreten. Doch die Verhältnisse verschieben sich. In der traditionellen Familie mit dem Mann als Alleinverdiener war es vor allem wichtig, Frau und Kinder für den Fall des Verlusts des Ernährers abzusichern. Seit den 80er-Jahren verlangten Kunden aber zunehmend nach einer Versorgung schon zu Lebzeiten, sagt der Lebensversicherungsexperte Nobuyasu Uemura von Capitas Consulting. 

Japans Versicherer profitieren von ihren vielen Vertriebsmitarbeiterinnen

Bis Mitte der 90er-Jahre dienten die Kapitalpolicen wie auch hierzulande zudem als gut verzinste Sparanlage. Im Zeitalter der Negativzinsen ist das vorbei. Bereits um die Jahrtausendwende begannen erste japanische Versicherer, ihre hochverzinsten Verträge an Abwicklungsgesellschaften abzutreten, wie es seit Kurzem auch in Deutschland geschieht. Zahlreiche kleine und mittelgroße Versicherer mussten dennoch aufgeben. Seither hat sich die Zahl der Anbieter jedoch wieder auf 40 verdoppelt, darunter auch ausländische Assekuranzen wie Aflac, Axa und Metlife. Die vier großen nationalen Spieler – Nihon Seimei, Daiichi Seimei, Sumitomo Seimei und Meiji Yasuda Seimei – überstanden die Krise. Sie bereinigten ihr Anlageportfolio, senkten die Kosten und investierten die Dividenden in die Risikovorsorge, statt sie auszuschütten, erklärt Uemura. Zudem profitierten die etablierten Spieler vom besonderen japanischen Vertriebssystem: weibliche Versicherungsvertreterinnen, die Menschen in ihrem Zuhause aufsuchen oder Angestellte am Arbeitsplatz und auch die Familien ihrer Vertragsnehmer direkt ansprechen.
Die vielleicht erfolgreichste Strategie aber war die Entwicklung neuer, umfassender Versicherungspakete. Darin ist eine feste Zahlung im Todesfall vereinbart, aber eine um ein Vielfaches höhere Summe für den Erlebensfall, die dann als Rente ausbezahlt wird. Dadurch gleichen sich die jeweiligen Risiken für den Versicherer aus. Auch der Verkauf von Gesundheitspolicen wie Krankenhaustagegeld- und privaten Pflegeversicherungen hat in den letzten Jahren zugenommen. Auch wenn die Länder in politischer und sozialer Hinsicht nicht eins zu eins vergleichbar sind, lässt sich am Beispiel Japans für Deutschland einiges ablesen. Zum einen, dass die alternde Gesellschaft auch eine positive Seite hat, nämlich eine im Durchschnitt höhere Lebenserwartung bei guter Gesundheit. Die Vorteile daraus lassen sich zum Wohle aller nutzen, vorausgesetzt, Staat und Wirtschaft schaffen die dafür richtigen Voraussetzungen und Strukturen im Arbeitsrecht sowie in den Sozialsystemen und Tarifverträgen. 

Die Schieflage der gesetzlichen Rentenversicherung und die daraus folgende Überforderung des japanischen Staatshaushalts mahnen zum anderen, rechtzeitig klare Anreize für die private Altersvorsorge zu setzen. Dafür wäre ein höheres Zinsniveau hilfreich. Da dies jedoch – erst recht nach dem ökonomischen Schock durch das Coronavirus – in weiter Ferne liegt, könnten andere Anreize ins Spiel kommen, etwa eine stärkere und weniger bürokratische staatliche Förderung. Nicht zuletzt macht Japan vor, wie sich mit innovativen technischen Lösungen so manche Folge des demografischen Wandels zumindest zum Teil auffangen lässt. Yamato, der Logistikriese mit der schwarzen Katze, testet seit 2018 als Mittel gegen den Personalmangel beispielsweise autonom fahrende Lieferwagen mit Schließfächern, aus denen die Kunden ihre Pakete selbst entnehmen können, zu öffnen per Smartphone. Eines Tages könnten diese Robotrucks, aktiviert über eine spezielle Website, bei Läden in der Nachbarschaft einkaufen und dem Kunden die Bestellung bis vor die Haustür liefern. Dort übernehmen dann kleinere Transportroboter oder Drohnen und holen die Ware herein, so die Idee. Es gibt ihn zwar noch nicht, aber einen Namen hat der künftige Service schon: nicht „Kuroneko“, schwarze Katze, sondern „Roboneko“, Roboterkatze. Das klingt nach Zukunft. Auch wenn sie nicht so verheißungsvoll wirkt wie in den 1970er-Jahren, als Japan als kommende Wirtschaftsmacht Nummer eins auf der Welt gesehen wurde.

Text: Sonja Blaschke


Auch inter­essant