Positionen-Magazin
Big Data

Das gezähmte Risiko

Warum zahlen Versicherte den Tarif, den sie zahlen? Weil die Assekuranz sehr früh gelernt hat, Daten zu erfassen und auszuwerten. Der wahre Ursprung von Big Data steckt im Bemühen um angemessene Policen.

Sie wollte neue Kunden anwerben – und besiegelte so fast den eigenen Konkurs. Als die Nürnberger Brandassecurations-Anstalt 1783 außer den Bürgern der Reichsstadt auch die Bewohner der umliegenden Dörfer gegen Feuer versicherte, bezahlten alle die gleiche Prämie. Doch während es in Nürnberg alle zwei Jahre brannte, gab es drumherum monatlich Brände. Das wurde teuer – und auf alle Versicherten umgelegt. Die Nürnberger verließen die Brandassecuration daraufhin scharenweise.

Damals wie heute gilt: Wer Menschen gegen ein Risiko versichert, muss wissen, wie groß dieses Risiko ist. Deshalb zählt die Assekuranz zu den frühesten Sammlern von Daten. Bis heute sind Versicherer vorne dabei, wenn es darum geht, Daten zu sammeln und auszuwerten, um etwa die Risiken des Klimawandels, der Globalisierung von Handel und Produktion, des technologischem Fortschritts und von Cyberangriffen einschätzen. Nur so können sie sinnvollen und bezahlbaren Schutz anbieten.

Doch „Daten ergeben nicht gleich ein klares Bild, sondern eine Vielzahl an Mustern – die man erkennen und richtig interpretieren muss“, sagt Volker Gruhn, Professor für Software-Engineering an der Universität Duisburg-Essen. Zumal immer neue Datenquellen dazukommen: Menschen bewegen sich im Internet, sie posten bei Facebook oder Twitter und übertragen Gesundheitsdaten über Handys. Einiges davon lässt sich nutzen, um Risiken besser zu berechnen.

Aus dem immensen Haufen an Datengeröll filtern die Versicherer bisweilen winzige Partikel wertvoller Informationen heraus. Dafür kommen neue Methoden in der Datenverarbeitung zum Einsatz, sogenannte Advanced Analytics. Genauso wichtig sind Experten, die Ergebnisse zu interpretieren verstehen. Sonst werden Bezüge gesehen, wo keine sind. Nach dem Motto: wo weniger Störche, da weniger Kinder. „Um solche Fehlschlüsse zu vermeiden, braucht es eine engmaschige Kontrolle“, sagt Guido Bader, Vorstand der Stuttgarter Versicherungsgruppe.

Funktioniert die Analyse, lassen sich Kunden besser ansprechen. Wer online einen Flug nach Thailand gebucht hat, kann auf passende Versicherungen für seine Reise aufmerksam gemacht werden. Einer Kundin, die stolz bei Facebook ein Foto ihres neuen Fahrrads zeigt, lässt sich eine Diebstahlversicherung offerieren. Und werdende Eltern, die sich bei einem Schwangerschaftsportal angemeldet haben, können mit passenden Informationen versorgt werden. Ein Analyseprogramm könne die Kunden oft besser verstehen als die Vermittler, sagt Dietmar Kottmann, Digital- und Versicherungsexperte der Beratungsgesellschaft Oliver Wyman. „Das wird den Kundenkontakt massiv verändern und helfen, neue Märkte zu erschließen.“

Gefahr erkannt, Schaden gebannt

Damit wird sich auch das Angebot der Assekuranz ändern. Weltweit sind 15 Milliarden Gegenstände an das Internet angeschlossen – Maschinen, Autos, Feuermelder und Kühlschränke. In den nächsten fünf Jahren soll sich diese Zahl mehr als verdreifachen. Alle diese Dinge sondern einen Strom von Daten ab. Auf Wunsch des Kunden könnte sich der Versicherer mit dem Datenstrom aus dessen Haus verbinden, um etwa den baldigen Ausfall eines Geräts frühzeitig zu erkennen oder den Kunden mit erweiterten Dienstleistungen zu unterstützen. „Versicherer werden dann nicht mehr erst Leistung erbringen, wenn ein Schaden passiert ist, sondern sie helfen, Schäden zu vermeiden“, sagt Werner Schmidt, Vorstand der LVM Versicherung. Das Verhindern von Schäden – seit jeher im Interesse der Versicherer – wird immer einfacher und wichtiger.

Auch bei Lebensversicherungen bekommt die Prävention mehr Gewicht. „Wer durch Gesundheitsdaten – zum Beispiel von einem Handy oder Armband – rechtzeitig Blutdruckspitzen erkennen und dadurch einem Herzinfarkt vorbeugen kann, wird dem Kunden einen deutlichen Zusatznutzen geben“, sagt Thomas Weilbacher, zuständig für das Risikomanagement bei der Allianz Lebensversicherung in Stuttgart.

Neue Datenquellen verbessern nicht nur den Service, sondern – das zeigt die Geschichte – sorgen auch für mehr Kunden. Denn je mehr Daten vorliegen, desto besser ist das Risiko abschätzbar. Auch deshalb werden heute bei jeder betriebsärztlichen Untersuchung Dutzende unterschiedlicher Laborwerte erhoben. „In den 1930er-Jahren wurden noch 40 Prozent der Antragsteller bei der Risikolebensversicherung wegen eines Krankheitsbildes abgelehnt“, sagt Achim Regenauer, Chief Medical Officer der Munich Re. „Heute sind es nur noch ein bis zwei Prozent.“

Die Prämie, die zu mir passt

Dank der Daten lässt sich das Risiko überdies genauer zuordnen: Je mehr Informationen es über den einzelnen Kunden gibt, desto passender kann die Prämie auf ihn zugeschnitten werden. Das allerdings bedroht die Idee der Versichertengemeinschaft: „Wenn wirklich das Risiko jedes Einzelnen bewertet wird, dann teilen wir die Risiken nicht mehr“, sagt zum Beispiel die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Christiane Woopen. Dies wäre, so fürchtet sie, das Ende der Solidarität in der Versichertengemeinschaft.

Der Trend geht tatsächlich zu individualisierteren Policen, wie eine Oliver-Wyman-Umfrage unter 200 internationalen Versicherern zeigt – umstritten ist allerdings, ob er tatsächlich die Grundidee der Versicherung zerstören kann. Der Munich-Re-Experte Regenauer hält diese Sorge für übertrieben. Dass man Krankheits- oder Todesrisiken mittels Big Data exakt bestimmen kann, sei ein weit verbreiteter Irrglaube: „Wenn das stimmen würde, müssten auch die Lottozahlen vorhersagbar sein.“ Auch Stuttgarter-Vorstand Bader hält die Sorgen für überzogen. „Unterschiedliche Risiken unterschiedlich zu bewerten war schon immer Teil des Versicherungsgeschäfts“, sagt Bader. Und das müsse auch so sein. „Denn wer spürt, dass er zu viel zahlt, versichert sich sonst woanders – oder gar nicht.“

Bereits im 18. Jahrhundert wurden Beiträge bei der Risikolebensversicherung nach Altersgruppen gestaffelt. Heute zahlt der Porsche-Besitzer aus Berlin eine höhere Kfz-Prämie als der Dacia-Fahrer aus Münster, aber der Risikoausgleich in der Gemeinschaft funktioniert trotzdem.

Durch Big Data bekommt die Individualisierung allerdings eine neue Dimension: Welche Risiken sind verhaltens- und welche genetisch bedingt? Inwieweit führen Risiken, für die ich als Individuum nichts kann, zu höheren Prämien? Das bewegt viele, ebenso die Frage, ob und inwieweit Big Data genutzt werden kann, um Menschen zu kontrollieren und zu manipulieren. Die Bundesdatenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff sieht den Datenschutz „existenziell gefährdet“.

Allerdings nicht durch die deutschen Versicherer. Sie wollen und müssen die Daten ihrer Kunden schützen, denn Daten dürfen in Deutschland grundsätzlich nur zweckgebunden erhoben werden – und in der Regel auch nur direkt beim Kunden. Eine wilde Datensammelei im Internet ist rechtlich nicht zulässig.

Ausländische Anbieter sind kaum an diese Standards gebunden. Zum Ärger der deutschen Assekuranz, denn viele Kundenwünsche gehen weit über das hinaus, was hierzulande gesetzlich erlaubt ist. „Wir geraten im globalen Wettbewerb ins Hintertreffen“, ärgert sich LVM-Vorstand Schmidt, „weil bei uns Entwicklungen und Dienstleistungen ausgebremst werden, die in anderen Märkten ganz selbstverständlich entstehen.“

Der Souverän der Daten

Schmidt plädiert für mehr Datensouveränität – beim Kunden: „Er muss selbst entscheiden, wer Daten zum Beispiel aus seinem Haus oder seinem Auto erhalten darf.“ Diese Daten müssten durch sichere Systeme gut geschützt sein und dürften nur für die vereinbarten Zwecke zwischen dem Kunden und dem Unternehmen verwendet werden. Es dürfe nicht darum gehen, mit den Daten zu handeln und Geld zu verdienen.

Wohl aber darum, Versicherungen neu zu denken – aus Sicht der Kunden. „Das Internet erfordert einen einfachen und leichten Zugang zu Produkten“, sagt Schmidt. „Die Kunden wollen sich mit wenigen Klicks ein Produkt zusammenbauen, das gleichzeitig möglichst bedarfsgerecht und individuell sein soll.“ Eine Vielzahl an Studien zeige, dass Kunden sich immer mehr online informieren, Angebote vergleichen und bei einfachen Produkten diese auch im Internet kaufen wollen – während sie komplexere Probleme gerne mit einem Kundenberater besprechen möchten.

Um diesen Vorteil zu nutzen, müssen sich die Versicherer auf Big Data einlassen. Wyman-Berater Kottmann beobachtet eine gewisse Skepsis – begründet im Wissen um das eigene Know-how, denn bei Datenerfassung und Risikobewertung liegt die deutsche Assekuranz weltweit vorn. In Big Data zu investieren sorgt erst einmal für mehr Kosten, während der Nutzen auf sich warten lässt. Kottmann fordert den Versicherern trotzdem den Mut ab, „mit guten und bewährten Techniken zu brechen“. Denn wer die Entwicklung falsch deutet, kann – wie einst die Nürnberger Brandassecurations-Anstalt – schnell in Richtung Konkurs trudeln.

Text: Dennis Schmidt-Bordemann

Auch inter­essant