Positionen-Magazin
Alter

Das Alter? Kommt spä­ter.

Wir rechnen falsch. Denn wir leben sieben Jahre länger, als wir glauben. Zeit, die wir sinnvoll und bei guter Gesundheit gestalten können. Damit das klappt, müssen wir schon heute die Weichen dafür stellen.

Ute Sanders hatte sich das anders vorgestellt. Da lebt ihre Mutter schon in derselben Stadt, wäre also eigentlich die perfekte Babysitterin für ihren Sohn Lennart, vier Jahre alt und schwer verliebt in die Oma. Doch die ist einfach nie da. Gerade ist sie mal wieder mit ihrem Wohnmobil unterwegs, in Kroatien dieses Mal. Davor war sie schon in Südspanien, den Frühling hatte sie weitgehend in der Türkei verbracht. Nur zu Hause in Hamburg ist sie selten. Als Babysitterin für Lennart fällt die Oma aus. „Kann die nicht einfach mal eine richtige Großmutter sein?“, schimpft Ute Sanders.

Das Alter kommt später

Eine richtige Großmutter, was soll das sein? Sind das die Frauen mit weißem Dutt und Käthe-Kruse-Puppe auf dem wuchtigen Sofa, wie früher in den Kinderbüchern? Diese Bücher müssen umgeschrieben werden, denn solche Großmütter lernen kleine Kinder kaum mehr kennen. Wer heute ins Rentenalter wechselt, hat die grauen Haare übertönt, reist ins Ausland und trifft sich mit Freunden zum Walken im Park. Die heutigen Senioren sind oft das, was mal die Mittvierziger waren: agil, mobil – und viel gesünder, als man sich das früher hätte vorstellen können. „Das gefühlte Alter ist deutlich nach unten gegangen“, sagt der Trendforscher Peter Wippermann. „Die Menschen fühlen sich zumeist zehn bis 15 Jahre jünger, als es im Personalausweis steht.“

Das Alter kommt später. Irgendwann. Noch vor 100 Jahren wurden Männer im Durchschnitt nur 47,4 Jahre alt, Frauen auch nur bescheidene 50,6 Jahre. Inzwischen leben die Menschen durchschnittlich fast doppelt so lange. Heute 42-jährige Frauen haben laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes Destatis eine Lebenserwartung von im Schnitt 88 Jahren, Männer des gleichen Jahrgangs von mehr als 83 Jahren. Und die Lebenserwartung steigt sogar noch weiter, sowohl für Männer als für Frauen.

Angekommen ist diese Erkenntnis noch nicht. Das haben Zukunftsforscher des Munich Center for the Economics of Aging (MEA) herausgefunden, als sie 2012 bundesweit 3.676 Menschen im Alter von 26 bis 60 Jahren dazu befragten, wie sie ihre eigene Lebenserwartung einschätzen. Das Ergebnis hat selbst die Wissenschaftler verblüfft: Frauen glauben, dass sie rund 80 Jahre alt werden. Und Männer rechnen mit etwas mehr als 75 Jahren. Dabei werden sie – über alle Altersgruppen gemittelt – als Frauen 87,42 und als Männer 82,17 Jahre alt. Bereits heute werden wir also sieben Jahre älter, als wir denken.

Dahinter steckt ein ebenso simpler wie verständlicher Denkfehler: Wer in seiner Jugend erfährt, dass er – statistisch gesehen – etwa 75 oder 80 Jahre alt werden wird, nimmt diese Werte als Richtschnur. Und übersieht dabei ein entscheidendes Detail: Diese Zahlen beziehen sich auf die Generation der Großeltern, der aktuell Alten. Wenn sie selbst alt geworden sein werden, können sich die Durchschnittswerte verschoben haben – und genau das passiert. Wer heute geboren wird, kann – wiederum im statistischen Durchschnitt – als Junge mit 87 Lebensjahren und als Mädchen sogar mit 91 Jahren rechnen.

Höchste Zeit umzudenken. Dass wir immer älter werden, liegt auch im medizinischen Fortschritt begründet. Wir sind einfach gesünder. Noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts sind viele Menschen an Infektionskrankheiten wie Tuberkulose gestorben. Heute können die einst lebensgefährlichen Infektionen gut mit Antibiotika behandelt werden. Hinzu kommt: Viele Erkrankungen, die früher zumindest die Lebensqualität stark eingeschränkt haben, hat die Medizin heute gut im Griff. Wer Verschleißschmerzen im Hüftgelenk spürt, ist nicht mehr dazu verdammt, den Rest seiner Tage auf dem Sofa zu sitzen. Er bekommt ein neues Hüftgelenk implantiert. Und weiter geht’s.
Außerdem hat sich der Lebensstil rasant verändert. Die meisten Berufe sind körperlich weniger belastend, weil mühsame Tätigkeiten von Maschinen übernommen werden. Die hygienischen Bedingungen sind gut, das Wasser kommt, sauber, aus der Leitung. Wird es im Winter eisig, drehen wir einfach die Heizung hoch, das Essen gibt es bequem im Supermarkt. Und dann halten sich viele Menschen noch bewusst durch Sport körperlich fit.

Warum sollten diese Menschen sich zur Ruhe setzen, nur weil sie ins Rentenalter kommen? Mit 65 Jahren beginnt längst nicht mehr der Lebensabend, wie es früher melancholisch hieß, sondern ein neuer Lebensabschnitt. Das ist ein echtes Geschenk – wenn man die gewonnenen Jahre für sich als Chance erkennt.

Denn im Alter ist noch vieles an persönlicher Entwicklung möglich. Es gibt nicht die eine Rolle des Lebens, die man in jungen Jahren für sich findet und immer weiterspielt. Im Gegenteil: Aktuelle Studien zeigen, dass sich die Persönlichkeit auch und gerade im höheren Alter noch stark verändern kann. Da tut sich erstaunlich viel, sagt Jule Specht, Professorin für Entwicklungspsychologie an der FU Berlin: „Bis zu 25 Prozent aller Menschen verändern ihre Persönlichkeit im hohen Alter noch einmal deutlich“, interessanterweise als Gegenbewegung zur früheren Ich-Findung. Der werden nämlich enge Grenzen gesetzt: Junge Menschen steigen in den Beruf ein, gründen Familien – das alles setzt eine gewisse Angepasstheit voraus. Im Alter hingegen gibt es diese Sachzwänge nicht mehr. Da braucht man schlichtweg nicht mehr so angepasst zu sein. Entsprechend vielfältig verläuft die persönliche Entwicklung.

 

Viele alte Menschen, die früher zum Beispiel überkontrollierend waren, verfallen nun in ein entspanntes Laissez-Faire. Wem es wichtig war, die Mahlzeiten zu festen Zeiten einzunehmen, genießt es jetzt vielleicht, sich durch den Tag treiben zu lassen. Oder auch umgekehrt: Manche Menschen, die das Leben immer genommen haben, wie es kam, wünschen sich im Alter mehr Struktur und Kontrolle. Andere Werte halten Einzug ins Leben. „Es gibt im hohen Alter nicht mehr den einen vorgegebenen Weg, sondern viele individuelle“, sagt Entwicklungspsychologin Specht.

Den eigenen Weg finden

Zeit also, sich den eigenen Weg zu suchen, Nischen zu finden, langgehegte Wünsche endlich umzusetzen. Nicht jeder wird 600 Kilometer in Deutschlands östlichste Stadt ziehen wie Joachim Otto, seine gut gehende Konditorei verkaufen wie Rüdiger Nehberg oder seine Bankkarriere dreingeben, um Bier zu brauen wie Martin Schupeta – solche Neustarts werden wahrscheinlich eine Ausnahme bleiben. Doch auch im Kleinen bieten sich viele neue Möglichkeiten. Vielleicht ist jetzt endlich Zeit für den Spanischkurs, für den man nach Dienstschluss immer zu müde war. Für eine längere Reise. Oder für den eigenen Garten – in der Natur zu werkeln statt im Büro zu sitzen, bringt ein ganz anderes Lebensgefühl.

Vielleicht entdeckt man auch den Sport ganz neu für sich. Auch da ist jenseits der 65 Jahre noch einiges drin: Die Amerikanerin Harriette Thompson ist im Alter von 92 Jahren noch Marathon gelaufen, und der Japaner Yuichiro Miura hat mit 80 Jahren den Mount Everest bestiegen.
Extreme, gewiss. Doch auch Beispiele dafür, was im Alter noch alles geht. Selbst untrainierte Rentner können mit Freunden durch den Park walken. Und für geübte Wanderer ist eine Alpenüberquerung auch im hohen Alter noch drin.

Aber mit wem? Nun kommt auch die Zeit, Freundschaften zu überdenken. Denn auch die Beziehungen verändern sich, wenn man älter wird: In jungen Jahren wünschen sich die meisten Menschen einen großen, vielfältigen Bekanntenkreis. Sie wollen mit anderen zusammen Lebenserfahrung sammeln und Wissen erlangen. Im Alter hingegen lebt man mehr im Hier und Jetzt. Da will man nicht in etwas investieren, was sich erst in zehn Jahren womöglich auszahlen kann. Emotionale Bindungen werden wichtiger. Lieber schöne Momente als ein großes Wissensnetzwerk. Besser ein kleiner, enger Freundeskreis statt unzähliger Bekannter.

Hier liegen Chancen wie Herausforderungen, für den Einzelnen ebenso wie für die gesamte Gesellschaft. Die verändert sich, wenn es mehr ältere als jüngere Menschen gibt. Die Arbeitswelt, das Gesundheits- und Rentensystem haben sich in einer Zeit entwickelt, in der das Zahlenverhältnis umgekehrt war und die Jüngeren die Versorgung der Älteren erwirtschaften sollten. Das funktioniert heute nicht mehr ohne weiteres.

Nehmen wir die Rente: In den 1970er-Jahren lag die durchschnittliche Rente eines Arbeitnehmers noch bei rund 60 Prozent seines vorherigen Erwerbseinkommens. Diese Zeit ist lange vorbei. Die Prognos AG ist in Modellrechnungen auf Zahlen gekommen, die nachdenklich stimmen: Ein Ingenieur, der 2040 in der Sächsischen Schweiz in Rente geht, muss dann – was die Kaufkraft angeht – mit weniger als einem Drittel seines letzten Arbeitseinkommens auskommen. Eine Verkäuferin, die zwei Kinder großgezogen hat und 2040 auf Sylt in Rente geht, erhält zwar die Hälfte ihres bisherigen Lohns, das summiert sich allerdings auf bescheidene 930 Euro – umgerechnet auf die heutige Kaufkraft dieser Rente.

Diese Zahlen fordern jeden einzelnen, sich fürs Alter über die Rente hinaus abzusichern. Es fordert uns als Gesellschaft, die Rente weiterzuentwickeln, um Versorgungslücken zu schließen. Und es fordert uns, eine Arbeitswelt zu ermöglichen, die Menschen mit Mitte 60 nicht einfach aus dem Berufsleben kickt. Denn viele Senioren werden sich wegen ihrer mageren Rente gar nicht leisten können, mit Mitte 60 in den Ruhestand zu gehen. Andere werden, weil sie sich fit fühlen, nicht wechseln wollen. Sie arbeiten einfach weiter, suchen sich Minijobs oder bleiben länger bei ihrem Arbeitgeber.

Gut so, denn viele Unternehmen sind auf die älteren Mitarbeiter angewiesen. In den meisten Branchen wachsen zu wenige junge Fachkräfte nach. Im Hamburger Hafen zum Beispiel fährt immer noch ein Lotse Schiffe über die Elbe, der inzwischen 78 Jahre alt ist – es gibt einfach zu wenige Nachwuchskräfte, die alle Schichten abdecken können. Dadurch ändert sich auch die Struktur in den Unternehmen: Die Belegschaften altern. Der Chef des 78-Jährigen ist übrigens 84 Jahre alt.

Wohnen in den eigenen Räumen

Oder nehmen wir das Beispiel Wohnen: Im höheren Alter haben die Menschen andere Bedürfnisse als in jungen Jahren. Selbst wenn die vielzitierten Alten-WGs wohl ein Großstadtphänomen bleiben werden, wie Zukunftsforscher Peter Wippermann prophezeit: Keine Ausnahme, sondern die Regel wird es sein, dass die meisten Menschen so lange wie möglich in den eigenen Räumen leben wollen – und trotzdem den Wunsch haben, sich sicher und aufgehoben zu fühlen. Die Großfamilie aber, in der das früher selbstverständlich war, ist Vergangenheit. Also muss dem Bedürfnis nach Sicherheit anders Rechnung getragen werden.

In diese Lücke dringt die Technik vor: Die Industrie entwickelt Apps, die Gesundheitsdaten wie den Blutdruck messen und bei bedenklichen Werten selbstständig den Arzt informieren. Sie forscht an Sensoren, die in Kleidungsstücke eingenäht werden und bei Stürzen Alarm schlagen, und an Notfallsystemen für Menschen, die zu Hause leben. „Die Menschen werden durchtechnisiert“, sagt Zukunftsforscher Wippermann. „Die Fürsorge, die man früher über das soziale Umfeld und die Familie erfuhr, wird immer mehr technologisch ausgeglichen.“

Für ein lebenswertes Leben

Wo liegen die natürlichen Grenzen dieser Entwicklung? Wird das mit der Alterung immer so weitergehen, ist nach oben hin alles offen? Nein, sagt K. Lenhard Rudolph, Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Alternsforschung in Jena. Nicht das maximale Alter der Menschen steigt kontinuierlich, so dass die Lebenserwartung irgendwann weit jenseits der 100 Jahre liegen wird. Sondern es steigt die Anzahl der Menschen, die ein sehr hohes Alter erreichen können.

Die medizinische Forschung geht deshalb nicht dahin, dem Alter ein Schnippchen zu schlagen, sondern es lebenswert zu erhalten. Es gilt, die sogenannten Alterskrankheiten in den Griff zu bekommen, die eine natürliche Folge der hohen Lebenserwartung sind – altersdement zum Beispiel kann nur werden, wer überhaupt ein entsprechendes Alter erreicht. Auch das ist eine große Herausforderung, vor der die heutige Gesellschaft steht, sagt Leibniz-Forscher Rudolph: „Unser Ziel muss es sein, die Gesundheitsspanne zu verlängern. Damit das lange Leben auch wirklich lebenswert bleibt.“

Die Mutter von Ute Sanders jedenfalls genießt ihr Leben als Seniorin in vollen Zügen. Neulich hat sie aus Kroatien angerufen. Schön sei es da, hat sie ihrer Tochter gesagt.

Text: Elke Spanner 

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