Er ist 700 Jahre alt und enthält Verse von 140 Lyrikern wie Walther von der Vogelweide: Der Codex Manesse ist die zentrale Quelle für unser Bild vom Mittelalter. Für seine Reise ins Landesmuseum Mainz wurde er entsprechend versichert – für 80 Millionen Euro.

Wenn man einen Schatz unbehelligt von A nach B bringen will, gibt es zwei Möglichkeiten, sagt Karin Zimmermann, Leiterin der Abteilung Historische Sammlungen der Heidelberger Unibibliothek: heimlich in der Stille der Nacht oder mit maximalem Brimborium bei Tag. Im Fall des Codex Manesse wählten die Verantwortlichen den zweiten Weg: Ein Großaufgebot bewaffneter Polizisten bewachte im September den Abtransport der 700 Jahre alten Handschrift aus der Bibliothek, Passanten filmten das Spektakel mit ihren Handys, anschließend ging es per Blaulichteskorte ins 100 Kilometer entfernten Mainzer Landesmuseum. Räuber ließen sich wie erwartet nicht blicken.

Zimmermann hatte zwar auch nicht ernsthaft damit gerechnet, erleichtert ist sie dennoch. Schließlich ist der Codex Manesse von unersetzlichem Wert. Die Liedersammlung umfasst 6000 Zeilen Lyrik von 140 Autoren wie Walther von der Vogelweide, die in ganzseitigen farbigen Abbildungen dargestellt werden. Jeder Schüler kennt zumindest zwei oder drei davon aus seinen Geschichtsbüchern. „Der Codex Manesse ist die wesentliche Quelle für unser heutiges Bild vom Mittelalter“, sagt Zimmermann. 

1888 kommt der Codex nach Heidelberg – im Tausch gegen Diebesgut

Für die Germanistin sind es drei Aspekte, die ihn so bedeutend machen: Zum einen vereine er die Dichterkunst einer ganzen Epoche; ein großer Teil davon wäre ohne den Codex nicht erhalten geblieben. Zum anderen sei er für die Malerei stilprägend. Und dann sei da noch die wilde, dramatische Geschichte der Handschrift selbst. Es sei noch immer ein Rätsel, wo sie sich über lange Zeiträume ihrer 700-jährigen Geschichte befunden habe. 

Bekannt ist allerdings die Räuberpistole, die den Codex 1888 nach Heidelberg brachte: Das Deutsche Reich hatte einem englischen Earl eine Sammlung von Handschriften abgekauft, die zuvor aus französischen Bibliotheken gestohlen worden waren. Diese Sammlung tauschten die Deutschen gegen den Codex Manesse, der sich zu der Zeit im Besitz der Königlichen Bibliothek in Paris befand.

Jedes Umblättern gefährdet die 700 Jahre alten Seiten

Heute lagert der Codex hinter einer Panzertür im Keller der Heidelberger Unibibliothek bei 18 Grad und 55 Prozent Luftfeuchtigkeit. Diesen Ort verlässt er nur selten, zuletzt 2006 für eine Ausstellung in Magdeburg. Schon damals war er für 60 Millionen Euro versichert. Als es jetzt nach Mainz ging, lag die Versicherungssumme bereits bei 80 Millionen Euro. Seinen eigentlichen Wert spiegelt aus Sicht von Karin Zimmermann aber auch das nicht wider. „Selbst für 100 Millionen Euro könnte ich keinen neuen Codex kaufen“, sagt sie. Allerdings sei ihr auch kein Fall bekannt, in dem ein vergleichbares Artefakt etwa gestohlen oder durch einen Verkehrsunfall während eines Transports zerstört worden wäre. 

Größer ist die Gefahr, dass der Codex während der Ausstellung Schaden nimmt. Beim Umblättern zum Beispiel könnten Farbpartikel abplatzen oder gar Seiten einreißen. Das ließe sich im besten Falle allerdings restaurieren. Und die hohe Versicherungssumme würde sicherstellen, dass man dafür die besten Experten der Welt engagieren könnte.

Text: Volker Kühn


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