Für Volkmar Hess sind Grammofone Zeitmaschinen. Zu ihrem warmen Klang reist er in die Vergangenheit; mal geht es in die Goldenen Zwanziger, mal in die Ära von Boogie-Woogie und Swing. Seine Sammlung zählt Hunderte Geräte – und natürlich genießen sie besonderen Versicherungsschutz.

Die Gänsehaut stellt sich schon ein, bevor der erste Ton erklingt. Das ist bei Volkmar Hess auch nach Jahrzehnten noch so, obwohl er diese Handgriffe schon viele Tausend Male ausgeführt hat – immer in derselben Reihenfolge, immer mit derselben Präzision: Erst spannt er mit der Kurbel an der Seite des Grammofons die Feder im Inneren, dann legt er die Platte auf den Teller, setzt eine neue Stahlnadel in die Schalldose ein und schwenkt den Tonarm nach rechts. Der Teller beginnt sich zu drehen, Hess senkt die Nadel gefühlvoll in die Rille der Platte hinab. Ein vertrautes Knistern im geschwungenen Schalltrichter kündigt die ersten Takte der Musik an. Wenn es jetzt noch Boogie-Woogie oder Swing ist, schwebt Hess im siebten Himmel.

Der 61-Jährige ist ein begeisterter Sammler historischer Musikabspielgeräte. Gut 150 zeigt er im Dülkener Haus des nostalgischen Klanges vor den Toren Mönchengladbachs, an die 6000 Exemplare haben er und sein Mitorganisator Helmut Dietsch für das Phono- und Radiomuseum im knapp 50 Kilometer entfernten Dormagen zusammengetragen.

Die Faszination hat Hess nicht losgelassen, seit er vor gut 40 Jahren sein erstes Grammofon erstand. „Es ist die authentischste Art, die Musik aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu hören“, sagt der Sammler mit rheinischem Singsang in der Stimme.


Chris Howlands Tonstudio ist eines der Highlights des Museums

Dass die Musik nur zweieinhalb Minuten erklingt, bevor er die Feder neu spannen muss, tut Hess’ Begeisterung keinen Abbruch. Im Gegenteil: Für ihn macht die beinahe feierliche Prozedur des Plattenauflegens das Hören der Stücke von Louis Armstrong, Enrico Caruso, den Comedian Harmonists oder Benny Goodman zu einem bewussten Genusserlebnis. Während die pausenlos verfügbare Musik von Streamingdiensten wie Spotify schnell zu einem kaum noch wahrgenommenen Hintergrundrauschen werde, nehme man sich am Grammofon die Zeit für sie, die sie verdiene.

Neben Phonografen, Grammofonen, Radios und anderen Geräten beherbergt die Ausstellung eine besondere Rarität: das Tonstudio, in dem Chris Howland von zu Hause aus gut 1000 Radiosendungen produziert hat. Der 2013 verstorbene britische Moderator und Sänger hatte es dem Museum ein Jahr vor seinem Tod vermacht.

Originelle Versicherungslösung für das „Grammofon der Versuchung“

Seit der Eröffnung vor zehn Jahren arbeiten Hess und Dietsch daran, die Musik von früher mit Veranstaltungen lebendig zu halten. Nicht selten hätten in der Vor-Corona-Zeit Oldtimer vor der Tür gestanden und Besucher in originalgetreuen Kostümen kesse Tänze aufs Museumsparkett gelegt, erzählt Hess, der nebenbei auch Grammofone für Kunden restauriert.

Zu den ungewöhnlichsten Ausstellungsstücken zählt das Temptaphon – ein Grammofon, über das sich eine nackte Frauenfigur erhebt, um die sich wiederum eine Schlange windet. Die Schwanzspitze der Schlange endet am Tonarm des historischen Geräts, ihr geöffnetes Maul fungiert als Schalltrichter. Natürlich sind solche Sammlerstücke gut versichert. Beim Temptaphon liegt die Versicherungssumme im Fall einer Beschädigung bei 750 Euro – auch wenn Hess den Wert seiner Geräte natürlich weitaus höher ansetzen würde. Es handelt sich schließlich um Zeitmaschinen!

Text: Volker Kühn

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