Positionen-Magazin
Luft­fahrt

Am Boden zer­stört

Die Abstürze zweier Boeing-Maschinen vom Typ 737 Max sind nicht nur eine große menschliche Tragödie, sie treffen auch die Versicherungsbranche hart. Milliardenrisiken drohen – von drei Seiten gleichzeitig.

Vor anderthalb Jahren schien die Freiheit über den Wolken wirklich grenzenlos zu sein. Die Zahl der Flugzeugabstürze war weltweit seit Jahren rückläufig, die zivile Luftfahrt feierte 2017 als das „sicherste Jahr ihrer Geschichte“, so der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft. Kein einziges tödliches Unglück mehr in ganz Europa – und das bei steigenden Fluggastzahlen. Doch die Euphorie ist dahin, seit binnen weniger Monate gleich zwei Maschinen des Typs Boeing 737 Max vom Himmel fielen und insgesamt 346 Menschen in den Tod gerissen haben. Ein Fehler in der Steuerungssoftware gilt in beiden Fällen als wahrscheinliche Ursache, bis zur endgültigen Klärung dürfen baugleiche Maschinen weltweit nicht mehr starten. Damit zeichnet sich neben der menschlichen Tragödie auch ein finanzielles Desaster ab – für den Hersteller Boeing und für die Versicherungswirtschaft. Auf mehr als eine Milliarde US-Dollar bezifferte der britische Versicherungsmakler Willis Re die ökonomischen Folgen bereits im April. Und mit jedem Monat, den die Flugzeuge am Boden bleiben, steigen die Kosten. Forderungen drohen der Assekuranz gleich von drei Seiten: Da sind zum einen die Haftpflichtversicherungen der beiden betroffenen Airlines, die unabhängig von der Schuldfrage für die finanzielle Entschädigung der Angehörigen sowie alle durch die Abstürze entstandenen materiellen Schäden aufkommen müssen. „Große westliche Airlines haben in der Regel Policen mit Deckungssummen von etwa zwei Milliarden Dollar“, sagt Karl Ortmann, Luftfahrtexperte des GDV. Bei kleineren Anbietern seien die Summen geringer. Ist ein technischer Fehler die Ursache, wie im Fall 737 Max wahrscheinlich, rollen außerdem Produkthaftungsansprüche auf den Hersteller und dessen Versicherer zu. Branchenkenner spekulieren auch hier über einstellige Milliardensummen, Boeing äußert sich dazu nicht.

Die Rechnung steigt täglich 

Völlig unkalkulierbar sind derzeit die Kosten des Groundings, also der vorübergehenden Stilllegung sämtlicher Maschinen des Unglückstyps. Allein der Reisekonzern TUI, der 15 Flugzeuge am Boden lassen muss, beziffert die Ausfallkosten mit mindestens 200 Millionen Euro – vorausgesetzt, das Flugverbot wird bis spätestens Mitte Juli wieder aufgehoben. Andernfalls steigt die Rechnung weiter. Präsentiert wird sie am Ende ebenfalls den Produkthaftpflichtversicherern von Boeing. „In der Regel sind die Flugausfallkosten, die übernommen werden, in den Policen jedoch gedeckelt“, sagt GDV-Experte Ortmann. „Alles, was über die Höchstgrenze hinausgeht, muss der Flugzeughersteller selber tragen.“ Im Fall Boeing gehen Branchenkenner von einem Limit im mittleren dreistelligen Millionenbereich aus. 

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