Positionen-Magazin
Inter­view Europa-Park-Sicher­heits­chef Can de Haan

„Wir schaf­fen Sicher­heit, die sich anfühlt wie Aben­teuer“

Eine 40 Meter hohe Achterbahn evakuieren, 10.000 Menschen vor dem Feuer retten: Can de Haan, Sicherheitschef des Europa-Parks, hat mit 27 schon viel erlebt. Er erklärt, warum er Nervenkitzel für eine Illusion hält – und was wirklich gefährlich ist.

Herr de Haan, muss man Achterbahnfahren lieben, um Sicherheitschef eines Freizeitparks zu werden?
Can de Haan:
Ein Muss ist es nicht, aber es hilft. (lacht) Höhenangst sollte man allerdings auf keinen Fall haben.

Schwindelfreiheit ist Einstellungsvoraussetzung?
CdH:
Ja, klar. Im Ernstfall muss man da hoch, etwa wenn ein Zug stecken bleibt. Sind wir uns bei einem Bewerber nicht sicher, laufen wir mit ihm im Vorstellungsgespräch mal nach oben. Da merkt man schnell, ob es passt oder nicht.

Im Europa-Park gibt es über 100 Fahrgeschäfte und Shows, dazu Hotels, Restaurants und Zehntausende Gäste pro Tag. Wie sorgt man da für Sicherheit?
CdH:
Wir haben verschiedene Monitoringsysteme, die sofort melden, wenn irgendwo etwas nicht stimmt. Man kann ja nicht überall sein. Zusätzlich sind stets 40 Mechaniker und 30 Elektriker im Park unterwegs, die jede Attraktion prüfen. Und zwar jeden Tag.

Wie läuft bei Ihnen ein Arbeitstag ab?
CdH:
50 Prozent meiner Arbeitszeit sind Verwaltung. Ich bin ja auch für den Arbeitsschutz zuständig, vom Aufzug bis zur Klimaanlage. Wir haben 400 technische Mitarbeiter, ein eigenes Wasserund Stromnetz, das ist wie eine kleine Stadt. Die andere Hälfte der Zeit bin ich draußen. Ich finde es wichtig, im Park präsent zu sein.

Was passiert, wenn es einen Unfall gibt?
CdH:
Ich bin einer von sechs Betriebsleitern des Europa-Parks. Bei einer Störung erhalten wir alle sofort eine Nachricht aufs Handy. Ich brauche dann höchstens ein paar Minuten, um vor Ort zu sein, und kann sofort reagieren.

Im August ist bei Ihrer Holzachterbahn „Wodan“ eine Liftkette gerissen, Dutzende Fahrgäste steckten in der Höhe fest.
CdH:
Das Wichtigste ist immer, dass dem Gast nichts passiert. Deshalb geht die Anlage schon bei der kleinsten Störung sofort in den Sicherheitsmodus. Das heißt, die Züge bleiben stehen.

Eine ziemliche Horrorvorstellung.
CdH:
Überhaupt nicht, im Gegenteil: Wenn ein Zug stehen bleibt, rastet er ein und kann weder vor- noch zurückrollen. Das ist die sicherste Lage überhaupt. In den meisten Fällen kann die Fahrt nach kurzer Zeit fortgesetzt werden. Es passiert selten, dass wir die Leute rausholen müssen wie im August.

Wie ging das vonstatten?
CdH:
Das ist ein Standardablauf, den wir regelmäßig trainieren. Wichtig ist, die Gäste sofort über Lautsprecher aufzuklären, was passiert. Wir beruhigen sie und führen sie dann über feste Stege mit Geländer nach unten. Sobald man ausgestiegen ist, ist das wie eine Treppe. Danach haben wir eine Nachtschicht eingelegt und die Kette repariert. Am nächsten Tag fuhr die Bahn wieder.

Wie häufig trainieren Sie den Ernstfall?
CdH:
Mindestens alle zwei Wochen für jedes Fahrgeschäft, eher öfter.

Sie verkaufen Nervenkitzel, dabei muss alles total sicher sein. Ein Widerspruch?
CdH:
Wir leben vom Nervenkitzel, vom Gefühl der Freiheit. Wir erzeugen die Illusion, dass man fallen könnte, was aber in der Realität nicht passieren kann. Wir schaffen Sicherheit, die sich anfühlt wie Abenteuer.

Wie versichert man einen Freizeitpark?
CdH:
Versicherungstechnisch ist eine Achterbahn nichts anderes als ein Gebäude. Da gibt es bauliche Vorgaben, Brandschutz, alles. Neuplanungen stimmen wir immer sehr eng mit unserem Versicherer ab, um präventiv möglichst viele Risiken auszuschließen. Kommen wir gemeinsam zu dem Schluss, wir sollen die Sprinkleranlage im Wartebereich um zwei Meter verlängern, dann machen wir das.

Ihre bisher größte Herausforderung ...?
CdH: 
...ist in jedem Jahr, alle Fahrgeschäfte zur Prüfung komplett auseinanderzunehmen. Das ist sehr viel Arbeit.

Nicht der große Brand vor einem Jahr?
CdH:
Der Brand war schon ein Ereignis, das uns emotional sehr mitgenommen hat. Von der Sicherheit her war es ein standardisierter Ablauf. Alle Notfallpläne haben perfekt funktioniert, kein einziger Besucher wurde verletzt.

Sie mussten den gesamten Park räumen.
CdH:
Mehr als 10.000 Menschen, ja. Aber das war kein Problem. Wir haben das Fahrgeschäft, von dem der Brand ausging, zuerst geräumt und dann in Windrichtung alle weiteren. Die Attraktionen in sicherer Entfernung durften erst mal weiterfahren. So konnten wir Panik vermeiden und alle sicher rausbringen.

Ist bei Ihnen denn gar nichts gefährlich?
CdH:
Das größte Risiko ist immer die Anreise. Die Autobahn ist gefährlicher als jede Achterbahn.

Interview: Claus Gorgs

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