Positionen-Magazin
Inter­view mit Sport­ler-Fami­lie Wal­de­mar und Falk Cier­pin­ski

„Wer denkt schon an die Rente?“

Welche Karriere soll es sein, Beruf oder Sport? Sie entschieden sich für das Laufen. Waldemar Cierpinski holte zweimal den Olympiasieg im Marathon, sein Sohn Falk Cierpinski startete bei Weltmeisterschaften. Beide mussten sich neu orientieren, als die Sportlerkarriere endete.

Altersvorsorge ist ein Langstreckenlauf. Stimmt das auch umgekehrt, haben Sie als Langstreckler sich früh um Ihre Altersvorsorge gekümmert? 
Waldemar Cierpinski: Als Kind der DDR habe ich mir null Gedanken gemacht, was mal im Alter sein wird. Wir hatten ja alles, haben zufrieden gelebt und uns deshalb über so manches vielleicht zu wenig Gedanken gemacht. Irgendwann kriegst du deine Rente, das wird schon funktionieren. Rentnern ging’s ja gut, also kam als Botschaft bei mir an: Du musst dich selbst nicht darum kümmern.
Falk Cierpinski: Wer denkt denn als junger Mensch über das Alter nach? Da macht man das, woran man Spaß hat. Bei mir war das der Sport. Wie es danach weitergeht …
WC: … dafür hat man gar keine Zeit. Als Hochleistungssportler orientiere ich mich ausschließlich auf meine Leistung, und das rund um die Uhr. Da ist jedes Detail wichtig, und man hat keine Zeit und Gedanken für irgendetwas anderes.

FC: Man trifft eine Entscheidung für die Leidenschaft. Klar, es ist natürlich schon ein Risiko, mit 40 Jahren noch mal neu durchzustarten. Aus der Schule raus, vier Jahre studieren und dann Beamter werden – das wäre für mich auch nicht die Lösung gewesen. Ernsthaft Triathlon zu betreiben – was ich mit 20 gemacht habe – fordert so viel Zeit, da kann man nichts mehr anderes machen. Da kommt man zu nix.

Fällt es leichter, Leidenschaft über Sicherheit zu stellen, wenn man weiß: Ich bin Doppel-Olympiasieger, der Staat wird mich schon auffangen?
WW: Dafür musste man kein Olympiasieger sein, in der DDR durfte sich jeder abgesichert fühlen – Geld war einfach nicht so wichtig. Für meinen ersten Olympiasieg im Marathon, 1976 in Montreal, habe ich 15.000 Mark bekommen. Davon habe ich mir einen Trabant gekauft – schon war das Geld weg (und der Trabant erst ein Dreivierteljahr später da). Für den zweiten Sieg, 1980 in Moskau, bekam ich 20.000 Mark. Damit habe ich die Wohnung für meine Familie eingerichtet – schon war das Geld wieder weg. Als die Wende kam, hatte ich kein Geld – hatte ich auch nie gebraucht zu DDR-Zeiten. Das änderte sich nach der Wende. Geld ist wichtig. Wer sich heute in den Leistungssport stürzt, weiß, dass sich damit wohl kaum Geld verdienen lässt.
FW: Deshalb würde ich heute jedem raten: Mach das nicht! Nicht weil es für mich die falsche Entscheidung war, sondern weil die Bedingungen in den vergangenen 20 Jahren so viel härter geworden sind. Unterstützt werden nur noch Athleten, die mit der absoluten Weltklasse mithalten können. Wer richtig gut ist, kriegt auch richtig viel. Aber um den Weg dorthin zu bahnen, da wird nichts mehr gemacht.

Sie waren deutscher Meister im Duathlon und sind bei Weltmeisterschaften den Marathon gelaufen, aber der große Durchbruch blieb aus. Wann haben Sie sich erstmals gefragt, wie es nach der sportlichen Karriere weitergeht?
FW: Mit der Marathon-Zeit, mit der ich die Olympischen Spiele in Peking knapp verpasst habe, hätte ich vier Jahre später in London starten dürfen – die Norm wurde geändert. Das ist richtig dumm gelaufen. Wir wurden bezahlt wie Studenten, mussten uns um alles selbst kümmern – von Reisen über Sponsoren bis zu Physiotherapeuten – und sollten mit der Weltklasse aus Kenia und Äthiopien mithalten. Das kann nicht funktionieren. Nach London habe ich mich mit meinem Vater zusammengesetzt, und wir haben geguckt: Wie geht’s weiter?

Diese Frage musste sich Ihr Vater bereits 1990 stellen. Herr Cierpinski, Sie haben nach Ihrer aktiven Karriere als Langlauftrainer gearbeitet. Damit war Schluss nach der Wende …
WW: Für mich war klar, dass ich dem Sport verbunden bleiben wollte. Ich war ja in der Welt herumgekommen und wusste ungefähr, wie Marktwirtschaft funktioniert. In Österreich hatte ich gesehen, dass viele Läufer einen eigenen Laufladen eröffnen und dort ihre Erfahrung weitergeben. Wenn die das schaffen, habe ich mir gedacht, dann packst du das vielleicht auch. Also habe ich einen kleinen Laden aufgemacht, 50 Quadratmeter, und mir mühsam in einem längeren Lernprozess das Kaufmännische beigebracht …

Aber Sie hatten doch gar kein Geld!
WW: Das hatten die Banken. Das ist nun mal so im Osten, dass man im Prinzip mittellos startet und lang und hart für andere arbeiten muss, um seine Schulden abzuzahlen. Heute kann ich stolz sagen, dass mir das gelungen ist. Mein Sportgeschäft – mittlerweile viel größer – in Halle ist schuldenfrei, es gehört mir. Was ich festgestellt habe. Erst wenn man sein eigener Herr ist, fängt man an, über das Später nachzudenken. Als es losging mit dem Geschäft, habe ich den Dingen einfach ihren Lauf gelassen. Und das bisschen, was ich an Rente kriege, das habe ich ins Geschäft gesteckt.

Wie viel Rente kriegen Sie denn?
WW: 390 Euro. Damit könnte ich nicht mal meine Krankenkasse bezahlen. Bei mir kommt hinzu, dass ich zehn Jahre studiert habe – wenn Olympische Spiele anstanden, musste ich immer länger aussetzen. Diese Zeit wird mir nicht anerkannt, obwohl wir übers Studium an Betriebe angeschlossen waren und auch gearbeitet haben. Aber für die Rente wird das nicht angerechnet, das finde ich – offen gesagt – ungerecht.

Das heißt, Sie mussten voll ins Risiko gehen?
WW: Ja. Wer etwas aufbauen will, muss nicht nur seine gesamte körperliche Kraft, sondern auch alle seine Finanzen da reinschmeißen. Und das haben wir gemacht, Versicherungen aufgelöst und so weiter. Trotzdem war jahrelang ungewiss, ob wir uns werden durchbeißen können – die Kredite haben uns ganz schön zugesetzt. Aber wer als Sportler tagtäglich an seine Grenzen gehen muss und merkt: „Ich schaffe das schon“ – dann überträgt sich diese Erfahrung. Auch wenn man ein großes Sportgeschäft aufbaut und manche Nacht nicht schlafen kann, weil man nicht weiß, ob man die nächsten Gehälter wird zahlen können.

Nun sind die Kredite abgezahlt, Sie könnten in den Ruhestand wechseln. Trotzdem sitzen Sie jeden Tag im Sporthaus am Schreibtisch.
WW: Es braucht einige Zeit, bis man solch ein Gefüge so weit verstanden hat, dass man mehr richtig macht als falsch. Das geht nicht von heute auf morgen. Und dieses Wissen würde ich gern weitergeben.

An Ihren Sohn Falk?
FW: Nachdem ich die Olympischen Spiele in London verpasst habe, haben wir gemeinsam die Entscheidung getroffen, dass ich im Sportgeschäft anfange. Also habe ich mir damals gesagt: Okay, dann mache ich noch ein, zwei Jahre und lasse es dann ausklingen.

Erst beim Laufen, jetzt im Geschäft – immer marschiert der Vater vorneweg und hat den Wissensvorsprung. Nervt das nicht?
FW: Was das angeht, würde ich mich als recht intelligent einschätzen. Das war schon früher so: Wenn zu Hause der Doppel-Olympiasieger sitzt, warum soll man den nicht um Rat fragen? Es wäre ja bescheuert, dem nicht zuzuhören.
WW: In dieser neuen, schnelllebigen Zeit gehen die Jungen ganz anders an die Dinge ran. Unsere Generation, die Älteren, wir kommunizieren ja noch ganz anders. Mit der ganzen Technik, dem Internet und so, da sind die Jungen fit. Das ist ein Geben und Nehmen.

Zeit für die Gretchenfrage: Wer ist hier der Chef?
WW: Im Moment bin ich das, als Geschäftsführer. Über meine Nachfolge bei Cierpinski Sport werden wir gemeinsam im Frühjahr entscheiden. Nicht nur Falk, auch sein jüngerer Bruder Martin nimmt dann vielleicht eine größere Rolle ein.

Wenn Sie weiterhin selbstständig arbeiten, Falk, heißt das: Auf die staatliche Rente können Sie sich kaum verlassen. Wird Vorsorge jetzt zum Thema?
FW: Stimmt, auf die Rente kann ich mich eh nicht verlassen. Im Mai werde ich 40, und der 40. Geburtstag ist so ein bisschen der Klassiker: Es beginnt die Zeit, wo man an die zusätzliche Absicherung denken sollte. Ich werde mich da demnächst mal beraten lassen.

Text: Michael Prellberg

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