Positionen-Magazin
Inter­view mit Achim Wol­ters, Deut­sche Bahn

„Meter für Meter“

Umgestürzte Bäume, abgerissene Oberleitungen, festsitzende Passagiere: Ein Orkan kann den Schienenverkehr in Deutschland völlig lahmlegen. Achim Wolters, Leiter des Betriebsmanagements der Deutschen Bahn, erklärt, wie sich sein Unternehmen auf die Sturmsaison vorbereitet.

Herr Wolters, vor einem Jahr fegte ein Orkan nach dem anderen übers Land, der Zugverkehr kam tagelang zum Erliegen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Achim Wolters: Wir hatten insgesamt zwölf Ereignisse, bei denen wir die Ausnahmestufe ausrufen mussten. Normal sind jährlich zwei bis drei solcher Situationen. Ich selbst bin im Oktober 2017 vier Nächte hintereinander nicht aus der Leitzen trale herausgekommen. Es galt, die Passagiere sicher zur nächsten Station zu bringen und Schäden schnell zu reparieren.

Wie bereitet sich die Bahn auf  derart heftige Stürme vor?
AW:
Das beginnt mit der regelmäßigen Wetterbeobachtung. Bei entsprechenden Wetterlagen wird das Personal der Leitzentrale verstärkt, die Mannschaften werden in Bereitschaft versetzt. Ist nur eine Region betroffen, können die Leute in der Betriebs zentrale vor Ort den Sturm behandeln. Ab zwei betroffenen Regionen schaltet sich der zentrale Arbeitsstab für die überregionale Koordination ein.

Und dann, wenn der Sturm tobt?
AW:
Priorität haben die Fahrgäste in liegen gebliebenen Zügen. Die Menschen müssen schnell versorgt werden, denn wenn durch Schäden an den Oberleitungen der Strom wegbleibt, fallen irgendwann auch die Klimaanlagen und die Toiletten aus. Sobald möglich, fahren die Züge mit gedrosselter Geschwindigkeit bis zur nächsten Station. An den Bahnhöfen  richten wir dann Aufent haltszüge ein, geben Hotel- und Taxi-Gutscheine aus. Und schließlich versuchen wir natürlich, die Strecken, so schnell es geht, wieder befahrbar zu machen. 

Wie gehen Sie mit Beschwerden  unzufriedener Kunden um?
AW:
Wichtig ist, klar und umfassend zu kommunizieren, wie die Lage ist und wann wir den Zugverkehr wieder aufnehmen. Dann haben die Passagiere in der Regel auch Verständnis.

Wie gehen Sie bei der Beseitigung  der Sturmschäden vor?
AW: Die Hauptverkehrsstrecken zu den Verkehrsknoten Berlin, Hamburg, Hannover, Köln, München, Leipzig sollen innerhalb von 24 Stunden wieder frei sein. Da schicken wir die Entstörungsfahrzeuge zuerst hin, manchmal müssen sie sich Meter für Meter durch Äste und Bäume durcharbeiten. An zweiter Stelle stehen sechs Korridore für den europäischen Güterverkehr, dann folgt der Regionalverkehr. Die Mannschaften arbeiten dabei rund um die Uhr.

Was haben Sie aus den verheerenden Stürmen von vor einem Jahr gelernt?
AW: Wir haben unser Präventionskonzept deutlich intensiviert. Seit Anfang 2018 setzen wir den neuen „Aktionsplan Vegetation“ um, der für einen robusteren Waldbestand entlang der Strecken sorgt – und damit für eine sturmsicherere Bahn. Am besten soll kein Baum mehr aufs Gleis fallen. 


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