Positionen-Magazin
Reden wir über Sicher­heit mit Zir­kus-Artis­tin Adèle Fame

„Man kann auch in der Manege in Rente gehen – solange nichts pas­siert“

Wenn Adèle Fame hoch oben durch das Zirkuszelt wirbelt, könnte sie ein einziger Fehlgriff das Leben kosten. Einmal ist sie bereits gestürzt. Sie ist versichert - vertraut aber vor allem auf ihren Kopf und ihre Fitness

Was bringt jemanden dazu, ohne sprichwörtliches Netz und doppelten Boden vier Meter über dem Boden durch die Luft zu wirbeln? 
Adèle Fame:
Es ist das Publikum, die leuchtenden Augen. Manche reißt es von den Sitzen, andere fangen sogar an zu weinen. Wenn ich meine Nummer beginne, vergesse ich alles andere, den ganzen Alltag. Und die Menschen im Publikum tun das auch. Und dann ist da noch das Adrenalin – keine Schwerkraft zu spüren ist einfach fantastisch. 

Wie sind Sie zur Arbeit in der Manege gekommen? 
AF:
Ich bin im Zirkus geboren und habe mich in diese Welt verliebt. Ich bin Artistin in der siebten Generation. Mit vier Jahren stand ich das erste Mal in der Manege. 

Haben Sie nie etwas anderes probiert als das Zirkusleben? 
AF:
Ich bin zur Schule gegangen und wurde dort unterrichtet, wo wir Auftritte hatten. Während der Winterpause war ich in einer ganz normalen Schule – nach zwei Wochen habe ich mich gelangweilt. Ich kann einfach nicht für längere Zeit an einem Ort bleiben. Ich liebe es, immer wieder neue Städte zu sehen, neue Leute zu treffen, neue Kulturen kennenzulernen. 

Wenn Sie sich an Ihren Strapaten um die eigene Achse drehen, sieht das riskant aus – ist es das auch? 
AF:
Es ist sehr gefährlich. Man braucht eine gute Basis. Ich habe schon als Kind viel trainiert: Gleichgewicht, Körperspannung, Akrobatik. 

Wird man nach so langer Zeit nicht irgendwann leichtsinnig? 
AF:
Es gab diesen Moment bei mir. Vor fünf Jahren hatte ich die Angst verloren und dachte, mir könne nichts passieren. Ein riesiger Fehler! Während einer Show rutschte ich ab und stürzte mit dem Kopf voran zweieinhalb Meter in die Tiefe. Ich habe mich am Rücken verletzt und mir die rechte Hand gebrochen. Seit diesem Tag behalte ich meine Angst – durch sie konzentriere ich mich besser. Erst wenn ich die Manege betrete, ist sie weg. 

Wie lange haben Sie gebraucht, um wieder anzufangen? 
AF:
Drei Monate. Die größte Hürde waren aber nicht die Verletzungen, sondern der Kopf. 

Vor einem Jahr ist der Strapaten-Artist Yann Arnaud abgestürzt und gestorben. Was hat das mit Ihnen gemacht? 
AF: Ich habe die Nachricht kurz vor einem Auftritt gehört und das Video gesehen. Ich hatte einen richtigen Schock. Ich kannte Yann Arnaud. Er war hoch professionell, und der Trick war nicht besonders riskant. Aber bei unserem Beruf kann immer etwas passieren. Ich hatte das Bild von seinem Unfall im Kopf, bis ich in die Manege gegangen bin. 

Sie benutzen kein Netz, gibt es andere Sicherungen? 
AF:
Ein Netz würde nicht funktionieren. Es müsste über das Publikum gespannt werden, und ich könnte den Boden nicht mehr nutzen. Außerdem würde es das Bild der ganzen Nummer verändern: Die Leute würden denken, es sei ungefährlich. Am Ende bleiben mir also nur meine eigene Kraft und meine Reaktionsschnelligkeit. Wenn eine Hand abrutscht, dann muss ich mich mit der anderen festhalten. Auch mein Material ist wichtig. Ich checke ständig meine Strapaten und den Motor, der mich hochzieht. Wenn ich sehe, dass etwas verschlissen ist, dann lasse ich es sofort auswechseln.

Haben Sie sich auch versichert? 
AF:
Bei Roncalli sind wir angestellt, also über den Zirkus versichert. Es gibt natürlich auch Lebensversicherungen – die sind wegen des Risikos aber wirklich teuer. Artisten müssen immer schauen, ob sich so etwas lohnt. Meine beste Versicherung sind ohnehin mein Kopf und meine Fitness. 

Artisten gelten als abergläubisch. Zu Recht? 
AF:
Viele haben feste Rituale. Ich baue vor jedem Auftritt so etwas wie eine Aura um mich auf. Das macht mich sicherer. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass ich Schutzengel habe. Ich hatte einen Autounfall und einen Sturz – und beide Male habe ich überlebt. 

Sie trainieren jeden Tag und treten zehnmal in der Woche auf - wie lange hält man solche Strapazen durch? 
AF:
Das kommt ganz auf die Disziplin an. Ich achte auf meine Ernährung, esse kein Schweinefleisch und keine Süßigkeiten. Ich gehe zum Osteopathen und zum Physiotherapeuten. Meine Mutter hat noch immer ihre eigene Nummer, eine Kollegin ist auch mit 60 Jahren noch am Trapez. Man kann also auch in der Manege in Rente gehen – solange nichts passiert.

Interview: Robert Otto-Moog

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