Positionen-Magazin
Reden wir über Sicher­heit mit Peter Bodes

„Man hat nur eine Chance, eine Spren­gung durch­zu­füh­ren“

Rund 2900 Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg liegen noch auf Hamburger Stadtgebiet. Seit 29 Jahren arbeitet Peter Bodes daran, sie zu entschärfen. Seine Hightech-Werkzeuge entwickelt der Chef des Kampfmittelräumdienstes selbst. Ein Gespräch über Angst, Abgeklärtheit und die Kunst, die richtige Entscheidung zu treffen.

Herr Bodes, wir stehen hier in Ihrem Arsenalraum vor lauter entschärften Zündern und Bomben. Sind Sie als Kampfmittelräumer im Dauerdienst?
Peter Bodes: Rein statistisch gesehen, haben wir jeden Tag einen Einsatz. Die Meldungen über Bombenfunde gehen aber sehr unregelmäßig ein. Manchmal passiert vier Tage nichts, dann müssen wir viermal an einem Tag zu verschiedenen Orten in Hamburg. Geschätzt liegen in Hamburg noch mindestens 2900 große Bomben aus dem letzten Weltkrieg. Aber man weiß es nicht genau, es ist kaum etwas dokumentiert.

Wie läuft ein typischer Einsatz ab?
PB: Jede Bombe, jeder Zünder ist anders. Zunächst müssen wir klären, mit welchem Kampfmittel wir es zu tun haben und es von Sand und Schmutz säubern. Dabei dürfen wir es nicht bewegen – das ist das Allerwichtigste. Dann wird der Zünder von der Bombe getrennt. Das machen wir in den meisten Fällen mit einem Hochdruckwasserschneidegerät, das schneidet mit 2400 bar Stahl wie Butter. Dieses Gerät haben wir allein entwickelt, wie auch die fernbedienbare Bohrmaschine.

Sie entwickeln Bombenbohrer? Wie kam es dazu?
PB: Für manche Entschärfungsverfahren muss man vorher eine Sprengstoffanalyse durchführen. Das ist extrem gefährlich, weil dafür die Bombenhülle aufgebohrt werden muss. Dabei kann es durchaus zur Detonation kommen. Dank unserer fernbedienbaren Bohrmaschine können wir aus dem sicheren mobilen Bunker heraus arbeiten, und die Mitarbeiter sind zumindest in dieser Phase geschützt. Solche Werkzeuge findet man aber nicht auf dem Markt, es braucht sehr komplexes Wissen, so etwas zu entwickeln. Dankenswerterweise habe ich dafür immer die Unterstützung der Feuerwehr-Amtsleitung.

Das heißt, Sie entschärfen die Bomben per Fernsteuerung?
PB: Das Bohren und Schneiden können wir aus dem mobilen Bunker machen, der rund 70 Meter entfernt aufgestellt wird. Der Zünder ist zumeist in rund vier Minuten entfernt. Danach muss er von der entschärften Bombe weggebracht und separat gesprengt werden. Das bedeutet höchste Gefahr für den Kampfmittelräumer, da dem Zünder ein Detonator, eine Verstärkerladung und Sprengstoff anhaften. Die Gefahr für die Bevölkerung ist zu dieser Zeit aber längst gebannt.

Was macht einen guten Kampfmittelräumer aus?
PB: Verständnis physikalischer und chemischer Zusammenhänge ist unabdingbar. Außerdem sollte man sich mit Kampfmitteln auskennen, also einen hochwertigen militärischen Ausbildungsgang in dieser Thematik absolviert haben. Das Denken der Militärs muss in Fleisch und Blut übergegangen sein.

Was war Ihr bisher riskantester Job?
PB: Im Oktober 2010 wurde eine 500-Pfund-Fliegerbombe im Stadtteil Wilhelmsburg gefunden. Etliche Gebäude mussten evakuiert, Teile der Elbe gesperrt werden. Der Blindgänger lag in sieben Meter Tiefe im Elbwasser und besaß einen hochempfindlichen Langzeitzünder mit einer sogenannten Ausbausperre. Das Ding hätte jederzeit detonieren können. Ich bin damals da runtergetaucht. Im trüben Wasser habe ich dann entschieden, die Bombe vor Ort zu sprengen. Und dann musste ich den Blindgänger auch noch etwas verlagern, um überhaupt eine Vernichtungsladung anbringen zu können.

Hat man in solchen Momenten Angst?
PB: Wer Angst hat, ist hier schlecht aufgehoben. Aber ist es ein schmaler Grat zwischen professioneller Abgeklärtheit und sensiblem Annähern an eine Gefahr. Man hat ja nur eine Chance, eine Sprengung durchzuführen. In diesen heiklen Momenten wird mir die Gefahr schon richtig bewusst. Ich habe ja auch Verantwortung für die Leute in meinem Team und ihre Familien.

Denken Sie bei Ihrer Arbeit manchmal an den Tod, quasi berufsbedingt?
PB: Nein. Auch wenn es makaber klingt: Je länger man dabei ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass man in die Luft fliegt. Ich gehe gern zur Arbeit, mich reizt es, zusammen mit meinen Kollegen einen guten Job zu machen. Aber auch ich möchte jeden Abend lebend nach Hause kommen.

Haben Sie sich privat abgesichert?
PB: Ja, meine Versicherung schließt allerdings meine berufliche Tätigkeit aus. Wenn ich also „normal“ ums Leben komme, bin ich versichert – andernfalls nicht. Das Risiko, Kampfmittel zu entschärfen, ist einfach nicht versicherbar. Oder nur zu sehr hohen Prämien.

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