Positionen-Magazin
Inter­view mit Kli­ma­for­scher Hans von Storch

„Kin­der ver­die­nen es nicht, per­ma­nent Angst inji­ziert zu bekom­men“

Klimanotstand in Europa, Klimagipfel in Madrid: Klimaforscher Hans von Storch über üppigen Windstrom von der deutschen Nordsee, johlende Demonstranten von „Friday for Future“ und den klimapolitischen Nutzen von Kohlekraftwerken.

Herr von Storch, das Europa-Parlament hat gerade den Klimanotstand ausgerufen. Ist Ihr schöner Hamburger Altbau, in dem wir dieses Interview führen, eigentlich energetisch saniert und auf dem neuesten Stand?

Hans von Storch: Das ist kein wirklicher Altbau. Der sieht nur so aus. Im Jahr 2006 wurde er vollständig entkernt und nach dem damaligen Standard saniert. Die Fenster sind übrigens richtig gut schallisoliert. Da hört man so gut wie nichts. Bis auf freitags, das mordsmäßige Gebrüll vom Hauptbahnhof.

Warum das?

HvS: Da stehen dann die „Fridays for Future“-Demonstranten, die Lautsprecher benutzen. Während man die Muslime, die hier nach links zur Moschee gehen, nicht hört, die sind leise.

Waren sie schon einmal bei der Demo vor dem Hauptbahnhof?

HvS: Nein. Diese Klimaaktivisten stellen viele Forderungen, sagen aber nicht, wie sie erfüllt werden können. Die scheren sich nicht um die Folgen, die etwa das Abschalten eines Kohlekraftwerks in Deutschland hat. Dazu kommt: Klimaschutz ist eine globale Angelegenheit. Wir in Deutschland alleine können das nicht schaffen. Wenn wir 2050 klimaneutral sein wollen, müssen derzeit weltweit 38 Gigatonnen CO2 weniger ausgestoßen werden, nicht nur die eine aus Deutschland.

Halten Sie Klimaschutz für eine typische Debatte der ersten Welt?

HvS: Ja. Das Klima wird von uns vielleicht als das größte Problem wahrgenommen, in vielen anderen Ländern gilt das aber nicht. Die Chinesen wollen auch so schöne Autos haben wie wir, die Inder auch. Das ist ja auch legitim.  Im Jahr 1990 wurden global 22 Gigatonnen CO2 ausgestoßen, heute sind es schon 16 Gigatonnen pro Jahr  mehr – also 16 Milliarden Tonnen. Das wird vorläufig auch so weiter gehen. Der Rest der Welt hat Nachholbedarf und wird sich kaum mit ähnlichem Eifer an der Minderung der Emissionen beteiligen.

Also nehmen Sie den Klimawandel mit all seinen Folgen als gegeben hin?

HvS: Nein. Wir können etwas bewegen, aber nur, wenn es sich überall auf der Welt lohnt, weniger zu emittieren. Indem wir klimaneutrale Technologien entwickeln, die auch wirtschaftlich sind. Wir haben ja Beispiele dafür, etwa Windenergie oder Photovoltaik. Die werden zwar trotz massiver Förderung hierzulande inzwischen statt in Deutschland weitgehend in China hergestellt. Aber für das Klima ist das sogar besser so: Diese Technologien sind damit viel günstiger geworden und werden deshalb auch weltweit mehr eingesetzt. Oder nehmen sie die LED-Beleuchtung: Die Menschen in Afrika wollen sicher auch gerne schönes Licht haben und nicht mit einer Ölfunzel weiterleben. Wir Deutschen haben bereits mehrfach klimafreundliche Innovationen weltweit populär gemacht.

Wenn aber immer andere das Geschäft machen, wird deutschen Unternehmen wohl schnell die Lust vergehen, klimafreundliche Innovationen zu entwickeln…

HvS: …deshalb sollten wir vielleicht weniger versuchen, Emissionen über eine CO2-Steuer zu reduzieren. Ich plädiere für eine Art Klimasolidarsteuer…

… einen „Klimasoli“?

HvS: …Ja, genau, um damit Geld einzusammeln, das zur Förderung neuer Technologien genutzt werden kann.

Sie wollen also, anstatt den Verbrauch durch Jedermann zu besteuern, wieder den Mittelstand und die sogenannten Besserverdienenden zur Kasse bitten? Ist der von der Bundesregierung jetzt beschlossene Einstieg in die CO2-Steuer falsch?

HvS: Ich bin kein Steuerexperte, ich kann da nur als Privatperson meine Meinung äußern. Klimapolitisch ist es sicherlich zielführend, jetzt einen Einstieg in eine Besteuerung geschafft zu haben. In meinen Augen wäre es aber besser, wenn der Beitrag zur Rettung der Welt vor allem von denen geleistet würde, die es sich leisten können – wie zum Beispiel von mir! Das würde auch die Akzeptanz in der Bevölkerung dafür steigern, dass man für den Kampf gegen die Erderwärmung wirkliche Opfer bringen muss.

Der nächste Klimagipfel startet heute, dieses Mal in Madrid. Ihre Erwartungshaltung?

HvS: Ich empfehle, statt immer weitere Verbote einzuführen, klimaneutrale Technologie zu fördern. Das kann auch global nach regionalen Gegebenheiten geschehen: Etwa die Elektrifizierung von Heizung und Kühlung, um unseren üppigen Nordsee-Windstrom besser zu nutzen, bei uns. Das würde in Europa eine Gigatonne CO2 ausmachen. Dafür wären wir Deutschen gut aufgestellt. Die Niederländer wiederum könnten sich zum Beispiel um die Prozesswärme der chemischen Industrie kümmern: Das wäre auch eine Gigatonne. Ich kann mir viele weitere Felder vorstellen: Batterietechnik, die Verstromung zu Wasserstoff als Benzinersatz oder Elektroautos...

 

Venedig steht unter Wasser, die Alpen versinken schon Mitte November im Schnee, Australien steht in Flammen. Ist das der Klimawandel?

HvS: Das kommt darauf an: Von Venedig wissen wir, dass es schon lange absinkt – weil etwa das Grundwasser abgepumpt wird. Dass der Meeresspiegel ansteigt, ist unstrittig. In Venedig aber kommen andere Probleme dazu. Übrigens steigt der Meeresspiegel schon ziemlich lange an: In Cuxhaven etwa messen wir das seit dem Jahr 1900 und früher. Die Beispiele illustrieren, dass wir mit den Folgen extremer Wetterlagen besser umgehen müssen. Selbst wenn wir jetzt sofort aufhören würden, Klimagase zu emittieren, würde es  Jahrzehnte dauern, bis sich wieder stabile Zustände einstellten. Über die erforderliche Anpassung wird durchaus nachgedacht in den Amtsstuben, anders als am Freitag vor dem Hamburger Hauptbahnhof: In Schleswig-Holstein beispielsweise werden jetzt  Seedeiche errichtet, die man später ausbauen und erhöhen kann, wenn es erforderlich werden sollte. Wir müssen den Klimawandel stärker mitdenken.

Läuft uns nicht langsam die Zeit weg? Wir können Städte und Bauwerke ja nicht im Jahrestakt an die Folgen des Klimawandels anpassen.

HvS: Um Jahrestakt geht es auch nicht. Wir brauchen Szenarien, um Entscheidungen vorauszudenken. In Sachen Ausstoß klimaschädlicher Gase müssen wir bis 2050 auf Null, um das Pariser Ziel von weniger als zwei Grad Erwärmung zu erreichen. Das ist schon eine Herkulesaufgabe. Das Zweite ist die Anpassung an den laufenden Klimawandel: In den allermeisten Fällen haben wir da mehr Zeit. Einige andere wichtige Bedingungen ändern sich ja auch, wie Nutzungsprofile, Bedarfe und Präferenzen. Wir wissen künftig mehr und unsere technischen Möglichkeiten erweitern sich laufend. Ich bin sehr optimistisch, dass wir dem Klimawandel technologisch etwas entgegensetzen können.

Was wissen Klimaforscher denn heute besser als vor 20 Jahren?

HvS: Die Datengrundlage ist immer besser geworden. Inzwischen wissen wir ganz gut, wie schnell und stark die Eisschilde in Arktis und Antarktis schmelzen. Wir können nun zuverlässiger vorhersagen, wie es mit dem Meeresniveau weitergeht. Der sogenannte Budget-Ansatz beschreibt, dass die Erwärmung schlussendlich proportional zur Gesamtsumme der Emissionen seit 1900 sein wird – so dass man abschätzen kann, wieviel künftige Emissionen mit dem Pariser Ziel verträglich sind, nämlich ziemlich wenige. Deshalb müssen die Emissionen bis 2050 auch ganz aufhören. Die großen wissenschaftlichen Fragen nach der Realität des Klimawandels und seines Hauptverursachers, dem freigesetzten Kohlendioxid, sind beantwortet.

Also ist die Lage inzwischen bedrohlicher geworden als Sie es ursprünglich einmal erwartet hatten?

HvS: Nein, aber die Sicherheit der wissenschaftlichen Einschätzung hat zugenommen. Es ist weniger spekulativ geworden.

Sollten wir nicht mit gutem Beispiel voran gehen und unsere Kohlekraftwerke abschalten? Das hier in Hamburg-Moorburg etwa?

HvS: Wir können es, weil es einen Schalter dafür gibt. Knips. Dann muss man sich allerdings fragen, welche Wirkung hat das auf wen? Wo kriegen wir sofort unseren Strom her? Würden wir Moorburg abschalten, ließen sich hier zunächst sicher einiges an CO2-Emissionen einsparen. Aber wir würden im globalen Maßstab viel mehr sparen, wenn wir dafür sorgen, dass mit unserem Geld zwei betagte Kohlekraftwerke in Südafrika durch ein sehr modernes wie in Moorburg ersetzt würden. Dann gäbe es zudem möglicherweise in einigen afrikanischen Slums erstmals eine zuverlässige Stromversorgung. Kurzum: Effiziente Kohlkraftwerke abzuschalten, ist ein symbolischer Rettungsakt für das Weltklima, nicht mehr. Und was die Kohlenutzung allgemein angeht: Kann die historische Ziegelei im Hamburger Umland, die Backsteine mit Kohlen herstellt, weitermachen? Will man weiter klassische Backsteine haben in Hamburg? Solche Fragen müssen wir auch beantworten.

Dürfen wir ein kurzes Resümee unseres Gesprächs ziehen?

HvS: Bitte sehr!

Verzicht ist nicht die Lösung der Klimafrage, sondern Innovation?

HvS: So sehe ich das. Sie sollten weiter in den Urlaub fliegen, damit Ihre Kinder die Welt und andere Menschen kennenlernen können – aber in möglichst modernen Maschinen.

Unsere Kinder werden ein zufriedenes Leben führen können, das zwar klimapolitisch anspruchsvoll aber nicht hoffnungslos verlaufen wird?

HvS: Das erwarte ich – und sie werden sogar öfter bei gutem Wetter in der Ostsee baden können. Auch Hamburg wird besseres Wetter kriegen. Das Problem: Wenn es hier zu warm wird, kommen zu viele Süddeutsche her (lacht)!

Und unsere Kinder sollten keine Klimaforscher werden, weil sich in der Disziplin sowieso nicht mehr viel Spannendes tut?

HvS: Sie sollten Ihre Kinder motivieren, zu Deutschlands größter Ressource beizutragen, nämlich Ingenieure zu werden. Damit haben sie die besten Voraussetzungen, um zu einer Stabilisierung des Klimas beizutragen, was man populistisch auch als „Klima retten“ bezeichnet. Kinder verdienen es nicht, permanent Angst injiziert zu bekommen. Dazu besteht auch kein Grund.

Interview: Jörn Paterak, Thomas Wendel

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