Positionen-Magazin
Inter­view mit GDV-Chef­volks­wirt Klaus Wie­ner

„Geld­po­li­ti­sche Sack­gasse“

Der Chefökonom des GDV, Klaus Wiener, über das schwierige Erbe, das Christine Lagarde als neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank von ihrem Vorgänger Mario Draghi übernommen hat

Herr Wiener, Mario Draghi hat das voluminöse Staatsschulden-Aufkaufprogramm der Europäischen Zentralbank aufgelegt, das zu historisch niedrigen Zinsen geführt hat. Gerade Versicherer leiden darunter. Warum loben Sie den ehemaligen EZB-Chef dennoch? 

Dr. Klaus Wiener: Draghi hat sich in der Euro-Staatsschuldenkrise zweifellos Verdienste erworben. Mit seiner „Whatever it takes“-Rede im Juli 2012 und dem daraufhin beschlossenen Programm zum unbegrenzten Ankauf kurzfristiger Staatsanleihen ist es gelungen, das Vertrauen der Märkte in den Euro zurückzugewinnen – ohne auch nur einen Cent im Rahmen dieses Programms auszugeben. Die EZB hat damit Handlungsfähigkeit bewiesen in einer Zeit, in der es einen Krisenmechanismus im Euro-Raum noch nicht gab. 

Und heute?
KW:
Sehe ich die Geldpolitik der EZB kritisch. Sie hat auf eine Phase niedriger Inflationsraten mit Maßnahmen reagiert, über deren Wirkung keine gesicherte Erkenntnis besteht. Dazu zählen der negative Einlagenzins oder das Ankaufprogramm für Wertpapiere. Eine Zäsur stellt insbesondere der Beschluss vom Januar 2015 zum massiven Ankauf von Staatsanleihen der Euro-Staaten dar. Damit wurden die Risikoprämien im Euro-Raum massiv abgeschmolzen. Mit Ausnahme Griechenlands sind die kurzfristigen Zinsen in allen Staatsanleihemärkten negativ.

Ein schweres Erbe für Draghis Nachfolgerin Christine Lagarde? 
KW:
Ja. Frau Lagarde hat eine Zentralbank übernommen, deren geldpolitische Entscheidungen auf absehbare Zeit vorgezeichnet sind: Im September wurde die Wiederaufnahme der Staatsanleihekäufe beschlossen. Statt diese zeitlich zu befristen, sind sie an ein EZB-Inflationsziel von zwei Prozent gekoppelt. Angesichts der konjunkturellen Schwächen im Euro-Raum ist es somit sehr unwahrscheinlich, dass das Programm bald beendet wird. 

Was also sollte die neue EZB-Chefin tun?
KW:
Frau Lagarde muss versuchen, die EZB aus ihrer geldpolitischen Sackgasse herauszuführen.

Und wie?
KW:
Vor allem muss die geldpolitische Strategie auf den Prüfstand. Dazu gehören der Instrumentenkasten, die Anleihekaufprogramme, aber auch das Inflationsziel: Statt weiter die Fiktion einer „Punktsteuerung der Inflation“ aufrechtzuerhalten, sollte Frau Lagarde ein Toleranzband einführen, das Abweichungen von bis zu einem Prozentpunkt vom bisherigen Inflationsziel von zwei Prozent zulässt. Anleiheankäufe wiederum sollten nur in Krisensituationen erfolgen. So würde die EZB sowohl ihre Handlungsfähigkeit zurückgewinnen als auch geldpolitische Risiken reduzieren.

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