Positionen-Magazin
Reden wir über Sicher­heit mit Ste­fan Migueis

„Es gibt Risi­ken, aber wir wis­sen damit sehr gut umzu­ge­hen“

Sie schweißen, reinigen oder betonieren – allerdings unter Wasser. Nur ein Schlauch verbindet Industrietaucher wie Stefan Migueis mit der Welt da draußen. Um ihn herum mag es noch so eklig riechen – auch davor schützt ihn der Taucheranzug.

Es stinkt. In einer Kläranlage in Datteln im Norden des Ruhrgebiets bereitet sich Stefan Migueis vor. Die Kollegen helfen beim Anlegen der Taucherausrüstung. Jeder Handgriff selbstverständlich, kaum Worte, pure Routine. Neu ist das Publikum: Der WDR filmt, wie der Berufstaucher für Wartungsarbeiten ins Klärbecken steigt, hat ihm dafür eine Kamera auf den Helm montiert. Dass die nichts als Dunkelheit filmt, wird den Fernsehkollegen erst auffallen, nachdem Migueis wieder auftaucht aus der braunen Brühe.

Herr Migueis, wo sind Sie da eben herausgestiegen? 
Stefan Migueis: Das war ein Belebungsbecken. Hier im Klärwerk werden in solchen Becken Haushaltsabwässer belüftet und gerührt, damit die Bakterien im Wasser ihren Job machen.

Und was war Ihr Job da unten?
SM: Wir müssen rein in solche Becken, um Rührwerke, Düsen und Ventile zu reparieren oder zu befreien.

Befreien von …
SM: … allem, was da so hängen bleiben kann. Haare, Papiertücher, Tampons …

Das klingt nach dem – mit Verlaub – beschissensten Job der Welt.
SM: Das sieht schlimmer aus, als es ist. Für uns Taucher ist der Job eigentlich sogar der angenehmste.

Wie bitte?
SM: Der Anzug ist ja komplett dicht. Mit dem kontaminierten Wasser komme ich gar nicht in Berührung. Ich rieche da unten auch nichts. Die Kollegen oben haben es schwerer. Die riechen nicht nur alles, sondern hantieren auch mit den Werkzeugen, die ich hochschicke, und müssen mich dann am Ende noch aus dem Anzug holen.

Sehen Sie da unten, was Sie tun?
SM: Nein.

Wie orientieren Sie sich dann?
SM: Tastend. Das lernt man. Ich habe eine Art mentale Landkarte von meiner Umgebung und dem Weg, den ich langgeklettert bin. Mein Chef sagt immer: „Ich brauche Leute, die auch Farben ertasten können.“

Können Sie das auch über Wasser? Lassen Sie das Licht aus, wenn Sie nachts zum Klo müssen?
SM: Nein. Aber ich erwische mich, dass ich öfter automatisch den gleichen Weg zurückgehe, den ich gekommen bin, oder mich wieder zurück um die eigene Achse drehe. Das kommt wohl daher, dass man immer am Schlauch – wir nennen es die „Nabelschnur“ – hängt. Die darf ich nicht um irgendwas rumwickeln. Also muss ich immer wieder den gleichen Weg zurück.

​​​​​​​Wie wird man Industrietaucher?
SM: Wie viele meiner Kollegen bin ich über die Bundeswehr dazu gekommen. Ich war Pioniertaucher, habe beim Bund meine Ausbildung zum Metallbauer gemacht und später dann die Prüfung zum Berufstaucher.

Was braucht man dafür?
SM: Für die Prüfung muss man unter anderem mindestens 200 Tauchstunden absolviert haben.

Und persönlich?
SM: Man muss sich da unten ein Stück weit zu Hause fühlen. Ich habe sehr früh mit dem Tauchen angefangen. Wasser ist meine zweite Heimat. Das Hobby zum Beruf zu machen war mein Traum als Junge.

Was machen Industrietaucher, wenn sie nicht gerade nach Tampons fischen?
SM: Praktisch alles, was man auf dem Bau oder in der Instandhaltung macht – nur eben unter Wasser. Metallarbeiten, schweißen, betonieren, reinigen …

Ist der Job gefährlich?
SM: Ja. Aber nicht so, wie Sie vielleicht denken. Es gibt Risiken. Aber wir wissen damit sehr gut umzugehen. Zu jedem Einsatz gehören neben mir immer ein Einsatzleiter, ein Taucherhelfer, der mir Werkzeug und Material nach unten schickt und ein Rettungstaucher. In unserer Firma ist der aber noch nie zum Einsatz gekommen.

Der ist ja nicht umsonst dabei …
SM: Nein. Und man kennt die Geschichten. Von Kollegen, die verschüttet wurden oder auch ums Leben gekommen sind. Wir Taucher sind ein familiärer Haufen. Wenn heute bei einer Firma in Berlin oder Hamburg was passiert, wissen wir das morgen alle.

Wie denkt man darüber?
SM: Man denkt nicht darüber nach. Ich muss das Risiko realistisch einschätzen, aber ich darf mich auch nicht verrückt machen. Aber: Wenn mir ein Einsatz zu gefährlich erscheint, steige ich nicht ins Wasser, bis die Gefahr abgestellt ist. Das ist die Regel, und das akzeptiert auch jeder.

Ist Ihnen schon mal etwas passiert?
SM: Nein.

War es denn mal brenzlig?
SM: Klar. Ich hatte schon mal einen Tiefenrausch, und in der Dekompression ging mir dann der Sauerstoff aus …

Langsam, langsam! Was war da los?
SM: Bei besonders tiefen Einsätzen kann sich Stickstoff im Blut anreichern. Das fühlt sich an, als wäre man betrunken.

Und dann?
SM: Dann muss ich ganz langsam aufsteigen und in bestimmten Tiefen längere Pausen einlegen. Wir haben ja vor Ort keine Druckkammer, in der wir diese Dekompression zur Not machen könnten. Also atmen wir da unten reinen Sauerstoff, um den Stickstoff schneller loszuwerden. In diesem Fall war aber leider die Sauerstoffflasche undicht. War stressig, ging aber alles gut aus.

Ist nicht jede Baustelle schon so gefährlich genug?
SM: Klar. Kürzlich ließen Kollegen ein Stahlrohr an der Leine zu mir runter. Das hat sich leider gelöst, sauste direkt an meinem Kopf vorbei und bohrte sich 30 Zentimeter tief in den Boden.

Wie denkt Ihre Familie über so was?
SM: Meine Familie und meine Freundin wollen so was gar nicht hören. Was sollen die auch denken, wenn man irgendwo 35 Meter tief in eine Röhre steigt und sich dann 200 Meter einen Tunnel entlangtastet?

Haben Sie ein Testament?
SM: Nein.

Sind Sie in irgendeiner Form besonders versichert?
SM: Nein. Als Festangestellter bin ich zum Glück über die Berufsgenossenschaft abgesichert. Bei der Berufsunfähigkeit sind wir – glaube ich – in der höchsten Risikoklasse. Zusammen mit Testpiloten und so.

Sähen Ihre Eltern Sie lieber in einem anderen Job?
SM: Bestimmt. Aber ich liebe meine Arbeit.

Was lieben Sie daran?
SM: Das da unten ist eine andere Welt. Ich fühle mich da zu Hause. Das ist nicht romantisch. Und meistens ist es einfach knallharte Maloche. Aber ich schalte dabei auch ein Stück weit ab.

Ist es nicht kalt?
SM: Dann zieht man sich wärmer an.

Und laut?
SM: Manchmal. Man ist halt auf einer Baustelle.

Welche Einsätze sind am schlimmsten?
SM: Faultürme.

Warum?
SM: Erst mal die Hitze. Da drin sind es gerne über 40 Grad, weil sich so der Klärschlamm am besten zersetzt. Und dann tauchst du nicht in Wasser. Das Material ist nicht mal flüssig. Du spülst dich mit einem Schlauch gewissermaßen nach unten, und über dir schließt sich dann wieder das Material wie Erde. Da ist man wirklich lebendig begraben. Wenn du deinen Schlauch verlierst und dich nicht wieder nach oben spritzen kannst, könnten die Kollegen dich nicht mal hochziehen, weil’s dich wegen des Drucks zerreißen würde.

Haben Sie Freunde, die nichts fürs Tauchen übrighaben?
SM: Wenige.

Tauchen Sie noch als Hobby?
SM: Ja, sehr gerne sogar.

Dann aber eher im Korallenriff?
SM: Nein. Fische langweilen mich. Ich tauche am liebsten nach Wracks.

Besonders tief?
SM: 60 Meter dürfen es schon mal sein. Aber ich muss mir nichts beweisen. Ich bin in der Gruppe meist der Vorsichtigste und halte mich immer schön an die Vorschriften. Das ist wohl eine Berufskrankheit. Wenn meine Kumpels unbedingt die 80 Meter auf der Uhr sehen müssen – das brauche ich nicht.

Interview: Tom Rademacher

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