Inter­view mit Alterns­for­scher Chri­stoph Eng­lert

„Es gibt für Men­schen ein Höch­stal­ter. Ich ver­mute es irgendwo bei 120 Jah­ren"

Christoph Englert, Professor für Molekulare Genetik am Leibniz-Institut für Alternsforschung in Jena, erklärt das Zusammenspiel von Genen und Umwelt beim Altern.

Herr Englert, ich bin auf einen Lebenserwartungsrechner gestoßen, laut dem ich am 29. April 2055 mit 78 sterben werde. Ich dachte, ich hätte länger.
Christoph Englert: Dann ignorieren Sie es! Das ist nur ein statistischer Wert, in den die unterschiedlichsten Faktoren einfließen. Die können auf Sie zutreffen oder eben nicht.

Wovon hängt es ab, wie alt wir werden?
CE: Von den Genen und der Umwelt. In den Genen ist eine maximale Lebensspanne angelegt. Ob wir sie ausschöpfen, ist eine Frage der individuellen Umstände. Wer in Starnberg lebt, wird nach offiziellen Daten statistisch gesehen älter als jemand aus Pirmasens. Das hat natürlich nichts mit diesen Orten selbst zu tun, sondern damit, dass Starnberger ein höheres Einkommen und häufiger Zugang zu guter medizinischer Versorgung haben. Darin erkennt man den Einfluss nicht genetischer Faktoren.

Wie alt können Menschen unter idealen Bedingungen werden?
CE: Es gibt für Menschen wie für jede andere Spezies auch ein Höchstalter. Wo genau es liegt, weiß ich nicht, aber ich vermute es irgendwo bei 120 Jahren – ganz einfach deshalb, weil man unter den vielen Milliarden Menschen, die bereits gelebt haben, von niemandem weiß, der bedeutend älter geworden wäre. Der älteste Mensch, übrigens eine Frau, soll 122 geworden sein. Schon im Buch Genesis der Bibel, das zwischen 1000 und 400 vor Christi Geburt geschrieben wurde, ist von Menschen dieses Alters die Rede. Offenbar hat man schon damals beobachtet, dass selbst die Ältesten nicht älter werden.


Also wird der statistische Anstieg der Lebenserwartung irgendwann enden?
CE: In den letzten rund 150 Jahren ist sie ziemlich konstant pro Jahr um drei Monate gestiegen. Ich vermute, dass diese Kurve abflachen wird, je näher wir der 120 kommen.

Verlängert sich auch die Phase, in der wir das Alter gesund erleben?
CE: Schwierige Frage. Dazu müsste man definieren, was genau „gesund“ bedeutet. Ist damit die Abwesenheit sämtlicher Krankheiten gemeint, also auch der psychischen? Ich habe bislang keine Studie gesehen, die eine überzeugende Antwort auf die Frage nach dem gesunden Alter gibt.

Warum werden Frauen eigentlich älter als Männer?
CE: Auch das ist nicht leicht zu beantworten. Manche erklären es mit dem Einfluss von Sexualhormonen, aber daran glaube ich nicht. Schließlich ist die Sterblichkeit von Männern in jedem Alter höher als die von Frauen – selbst bei vierjährigen Kindern, bei denen Hormone eine geringe Rolle spielen. Womöglich hängt es damit zusammen, dass Frauen zwei X-Chromosomen haben und Männer ein X- und ein Y Chromosom. Auf dem Y-Chromosom liegen weniger Gene. Vielleicht sind Frauen mit ihrer höheren Zahl von Genen besser in der Lage, Fehler oder Mutationen einzelner Gene auszugleichen. Aber das ist nur eine Hypothese. 

Mit dem Alter kommen auch die Beschwerden. Hat es trotzdem irgendwelche Vorteile, dass Menschen altern? 
CE: Vielleicht nicht individuell betrachtet, aber evolutionär gesehen ist es definitiv ein Vorteil, dass der Mensch altert und stirbt. Die Umwelt verändert sich laufend, der Klimawandel macht es ja deutlich. Wenn wir alle 500 Jahre alt werden würden und entsprechend weniger Kinder bekämen, könnte sich die Spezies Mensch schlechter an Umwelteinflüsse anpassen. Die Generationenfolge wäre zu lang.

Interview: Volker Kühn

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