Positionen-Magazin
Reden wir über Sicher­heit mit Super­markt-Kas­sie­re­rin Anne Lorenz

„Die Angst nimmt zu, sich mit Corona anste­cken zu kön­nen“

In der Corona-Pandemie macht Anne Lorenz einen systemrelevanten Job: Sie ist Mitarbeiterin in einem Berliner Supermarkt. Hier erzählt die 33-Jährige, wie sie den Ansturm von Hamsterkäufern erlebt und warum sie keine Maske trägt.

Frau Lorenz, wie geht es Ihnen mit der Corona-Krise?
Anne Lorenz:
Anfangs habe ich das noch ganz locker gesehen. Jetzt nimmt die Angst aber doch sehr zu, mich anstecken zu können, weil die Zahl der Infizierten täglich so stark steigt. Mein Mann arbeitet auch im Einzelhandel und meine Mama, mit der wir uns ein Haus teilen, in der Pflege. Da haben wir sogar ein dreifaches Risiko.

Und dann sind Sie auch noch Mutter einer zweijährigen Tochter.
Lorenz:
Sie hat sofort einen Platz in der Notfallbetreuung bekommen, weil wir ja alle arbeiten müssen. In ihrer Gruppe sind jetzt nur noch zwei von zuvor 22 Kindern. Schon wegen meiner Tochter will ich auf gar keinen Fall krank werden.

Haben Sie auch Angst vor der Krankheit selbst?
Lorenz:
Nein, nicht so große. Junge Menschen soll das Coronavirus ja nicht so stark treffen. Da ist man entspannter. Zu Beginn meines Jobs habe ich eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen, weil das viele Stehen an der Theke so stark auf den Rücken geht. Solche Folgen machen mir eher Sorgen.

In Italien müssen schon Polizisten die Supermärkte schützen. Haben Sie Angst, dass wir italienische Verhältnisse bekommen, wenn sich die Krise auch in Deutschland weiter zuspitzt?
Lorenz:
Das ist natürlich erschreckend. Ich hoffe nicht, dass es hier so weit kommt.

Wie schützt Sie Ihr Arbeitgeber vor Covid-19?
Lorenz:
Wir haben Einlasskontrollen, die Einkaufswagengriffe werden für jeden neuen Kunden desinfiziert, an der Kasse und an der Wursttheke müssen die Kunden Abstand halten, und vor der Kasse und beim Bäcker wurden Plexiglasscheiben montiert. Und wir tragen Handschuhe. Das gibt mir schon ein Stück Sicherheit.

Einen Mundschutz tragen Sie aber nicht.
Lorenz:
Ich könnte mir aber einen nehmen. Hier steht eine Kiste mit Masken. Aber das soll ja gar nicht so viel bringen, und der Kunde versteht dann auch schlecht, was ich sage. Unsere Kunden tragen jetzt allerdings viel häufiger eine Maske als anfangs. 

Die Kunden werden gebeten, möglichst bargeldlos zu bezahlen. Klappt das?
Lorenz:
Die Kartenzahlungen haben zwar zugenommen, aber gerade die Älteren zahlen schon noch viel mit Bargeld.

In manchen Supermärkten sind die Kunden sehr rücksichtslos, in einem ist sogar eine Angestellte zusammengeschlagen worden.
Lorenz:
Manche können nicht verstehen, dass wir Klopapier und Küchenrollen rationieren. Sie reagieren verärgert und verständnislos. Aber wir müssen ja auch Menschen versorgen, die arbeiten und erst später am Tag einkaufen können. Viele nehmen zum Glück Rücksicht und sagen: „Danke, dass Sie für uns da sind!“

Was stresst Sie am meisten?
Lorenz:
Wir haben keinerlei Planungssicherheit, weil wir anders als früher nicht wissen, wann und ob die Ware kommt. Eine Weile war das ganz schlimm. Beim Ausräumen unterstützen uns jetzt zum Glück auch Schüleraushilfen.

Müssen Sie länger als sonst arbeiten?
Lorenz:
Nein, sogar etwas kürzer, weil ich mich sehr strikt an die Kitazeiten halten muss.

Kracht’s schon mal unter den Kollegen, weil die Arbeitstage so stressig geworden sind?
Lorenz:
Hier ist einer für den anderen da. Die Stimmung ist trotz der Krise noch sehr gut. Wenn die Ware kommt, helfen wir uns gegenseitig, damit die Kunden nicht vor leeren Regalen stehen.

Halten denn die Hamsterkäufe immer noch an?
Lorenz:
Der Ansturm auf Klopapier, Küchenrollen, Nudeln, Knäckebrot, Mehl, Hefe und Quark hat sich deutlich entspannt. Viele Kunden kaufen jetzt aber gleich für die ganze Woche ein, damit sie seltener rausgehen müssen. Gerade war eine Kundin da, die hatte schon zehn Tage nicht mehr das Haus verlassen. 

Bekommen Sie von Ihrem Arbeitgeber einen Zuschlag? Bis 1500 Euro ist er jetzt ja sogar steuerfrei.
Lorenz:
Bislang noch nicht. Wir müssen aber für den Mittagstisch, den wir hier im Markt an der Fleischtheke verkaufen, seit Ausbruch der Corona-Krise nichts mehr bezahlen. Auch Kaffee und Erfrischungsgetränke bekommen wir gratis.

Wie hat sich Ihr Leben zu Hause verändert?
Lorenz:
Wir leben jetzt sehr zurückgezogen und halten nur noch über Telefon Kontakt. Die Gefahr, dass sich einer von uns – mein Mann, meine Mutter oder ich – ansteckt, ist doch sehr groß, und natürlich wollen wir niemand infizieren. Uns fehlen die Freunde und die Uromas. An meinem Wohnort in Brandenburg haben wir jetzt auch die ersten Corona-Fälle. Das verfolge ich jeden Tag im Netz.

Wenn Sie zu Hause sind, kreisen dann auch die Gedanken um die große Ansteckungsgefahr?
Lorenz:
Nein, dann schalte ich ab, das musste ich aber erst lernen. Wenn ich hier rausgehe und meine Tochter abgeholt habe, bin ich nur noch Mutter. Zu hundert Prozent.

Interview: Eli Hamacher

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