Inter­view Chri­stoph Unger, Prä­si­dent des Bun­des­amts für Bevöl­ke­rungs­schutz

„Bin­nen ein, zwei Tagen bricht Chaos aus“

Christoph Unger, Präsident des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, erklärt, wie wir uns auf die Krisen des 21. Jahrhunderts vorbereiten sollten – und welches Szenario noch schlimmer ist als eine Pandemie.

Herr Unger, welches Katastrophenszenario fürchten Sie selbst am meisten?
Christoph Unger:
Ganz klar den Blackout, einen flächendeckenden, lang anhaltenden Stromausfall. Elektrizität ist unser Lebenselixier, mit ihr betreiben wir den Verkehr, das Mobilfunknetz, das Internet, Supermarkttüren und Geldautomaten. Fällt der Strom aus, können Sie Ihre Toilette nicht mehr spülen. Sie glauben gar nicht, wie schnell die voll ist.

Wie wahrscheinlich ist so ein Blackout?
CU:
Zum Glück nicht sehr wahrscheinlich. Aber wenn er eintritt, bricht binnen ein, zwei Tagen Chaos aus. 

Die Vernetzung macht uns offenbar anfällig. Haben wir es zu weit getrieben mit der Digitalisierung?
CU:
Das würde ich so einseitig nicht sehen. Uns Bevölkerungsschützern hilft diese Vernetzung ja auch. Wir haben in Deutschland zum Beispiel viele Wege, auf denen wir Menschen warnen können: Medien, Werbetafeln, blinkende Straßenbeleuchtung. Bald werden wir Evakuierungsrouten auf die Navis in den Autos senden können. Und wir haben unsere Warn-App NINA, die seit Kurzem direkt von der Bundesregierung zur Information über die Corona-Lage genutzt wird. 


Das klingt alles gut organisiert, trotzdem mangelte es zu Beginn der Corona-Krise an Schutzausrüstung, Zuständigkeiten waren unklar, die Abläufe wirkten wenig eingespielt.
CU:
Wir beim BBK analysieren und klären auf. Aber Menschen befassen sich nicht gern mit Bedrohungen. Selbst Politikern fällt das schwer. Es kostet viel Geld und hilft nicht gerade im Wahlkampf. 

Werden sich Katastrophen künftig häufen?
CU:
Es wird definitiv ungemütlicher. Dürren und Waldbrände nehmen zu. Starkregen fällt, wo man ihn nicht erwartet. Terroristen nutzen Kriegswaffen oder sogar chemische und biologische Agenzien. Für Letztere gibt es im Internet regelrechte „Kochbücher“. Neben dem Blackout sind auch Cyberangriffe eine Gefahr. Selbst Krankenhäuser wurden schon von Kriminellen angegriffen, zum Beispiel 2016 in Neuss. 

Wie können wir uns wappnen?
CU:
Regierungen müssen besser vorsorgen, auf Empfehlungen von Experten hören, Geld und Ausrüstung für Notfälle vorhalten. Es gab ja Pandemieanalysen wie unsere aus 2012 – trotzdem fehlte es beim Covid-19-Ausbruch an Schutzausrüstung. 

Welche Rolle können Versicherer spielen?
CU:
Für uns sind sie gute Partner, weil sie Risiken in harte Zahlen fassen – so können wir besser sensibilisieren. Aber sie sichern natürlich auch die Bevölkerung und die Infrastruktur. Dieser Schutz darf nur nicht dazu führen, dass die Leute leichtsinnig werden. Wer dazu in der Lage ist, sollte sich selbst helfen können, damit wirklich Hilfsbedürftige im Notfall schneller Unterstützung bekommen. 

Welche Rolle spielt Ihr Amt im Krisenfall?
CU:
Unsere originäre Aufgabe ist der Schutz der Zivilbevölkerung im Verteidigungsfall. Bei Katastrophen, deren Bewältigung Aufgabe der Länder ist, leisten wir Amtshilfe, die sogenannte Katastrophenhilfe. So üben wir regelmäßig verschiedene Szenarien. 2007 war es eine Influenza-Epidemie. Zwei Jahre lang analysieren wir, wie die Lage sich entwickeln könnte, treffen Vorbereitungen, vernetzen uns, und dann spielen wir die entscheidenden Tage durch, in echten Stabsräumen. Da sitzen dann Leute von Bund und Ländern, Rettungsdiensten und Behörden, die aktuelle Lage wird eingespielt, sogar eine eigens fingierte „Tagesschau“-Sendung, der Tenor in sozialen Medien, und wir müssen agieren und reagieren. Die Ergebnisse werden anschließend veröffentlicht. 

Was empfehlen Sie jedem Einzelnen zur Vorsorge?
CU:
Jeder sollte seine Erste-Hilfe-Kenntnisse alle zwei Jahre auffrischen. Man sollte auch wissen, wie man einen Feuerlöscher bedient – und möglichst einen zur Hand haben. Ein Haus benötigt heute Schutz vor Hochwasser und Starkregen. Und natürlich braucht jeder Haushalt einen Vorrat und Ausrüstung für den Notfall: Lebensmittel und Trinkwasser für etwa zehn Tage, einen Camping-Kocher, Kurbelradio und -taschenlampe. Beim Essen sollten Sie nur vorhalten, was Sie auch mögen. Dosenfleisch ist sicher nicht jedes Menschen Sache.

Interview: Hiltrup Bontrup

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