Kolumne
Kolumne CSR-Berichte

Von wenig nach­hal­ti­gen Stu­dien

Eine allgemein gültige Definition von Nachhaltigkeit gibt es bislang nicht. Verantwortungsvolle Analysten, die nicht bloß auf eine schnelle Schlagzeile zur Eigenwerbung aus sind, berücksichtigen diese Vielschichtigkeit und orientieren sich an klaren Vorgaben. Ein Plädoyer für die nachhaltige Klärung der Begrifflichkeiten.

Die Politik drückt bei der Dekarbonisierung der Wirtschaft aufs Tempo, um die Klimaschutzziele von Paris zu erreichen. Der Weg dahin ist allerdings alles andere als vorgegeben. So hat die Bundesregierung ein Klimakabinett ins Leben gerufen, das nun seine Arbeit aufnehmen soll: Im Konflikt über Regelungen zum Klimaschutz sollen die zuständigen Fachminister gemeinsam Lösungen finden.

Alle Branchen stehen dabei in der Verantwortung – auch die Finanz- und Versicherungswirtschaft. Wir stellen uns der Herausforderung - und die Sicherheit der Beiträge unserer Kunden dabei an die erste Stelle. Denn die Unternehmen sind ihren Kunden gegenüber verpflichtet, das Geld sicher und rentabel anzulegen. Dieses Prinzip darf durch unangemessene regulatorische Eingriffe nicht untergraben werden; schließlich sind nachhaltige Investments nicht per se weniger riskant als andere Kapitalanlagen, wie Erfahrungen etwa  im Bereich der Solarenergie gezeigt haben.

Nachhaltigkeit entspricht unserem Geschäftsmodell

Als Versicherer begrüßen wir die politischen Bemühungen, die globale Wirtschaft stärker an Nachhaltigkeitsaspekten auszurichten, schon mit Blick auf den Kern unseres Geschäftsmodells: Wenn durch die Erderwärmung Naturkatastrophen immer häufiger auftreten und zugleich immer höhere Schäden verursachen, sind wir in besonderem Maße gefordert. Zudem passen "grüne Investments" wie zum Beispiel Windkraftanlagen gut zu den langfristigen Verpflichtungen aus dem Versicherungsgeschäft der Unternehmen.

Vor diesem Hintergrund hat es mich Anfang vergangener Woche irritiert, als Medien die Untersuchung eines Analysehauses über Berichte unserer Mitgliedsunternehmen zum Thema soziale Unternehmensverantwortung aufgegriffen haben. „Versicherer interessieren sich kaum für Nachhaltigkeit“ überschrieb etwa die Frankfurter Allgemeine Zeitung ihren Bericht, sie seien nur „halbherzig“ nachhaltig das Handelsblatt.

Einspruch!

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) hat im März 2018 unter deutschen Versicherern eine umfangreiche Abfrage zu nachhaltigen Investitionstätigkeiten durchgeführt. Ergebnis: Viele Unternehmen haben sich bereits gründlich mit diesem Thema auseinandergesetzt. So wenden zum Beispiel bereits 49 Prozent der Versicherer Negativlisten an. Die Ergebnisse widersprechen der in der Berichterstattung wiedergegebenen Einschätzung, dass nur ein geringer Teil effektiv Kriterien der Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage berücksichtigt.

Hohes Maß an Subjektivität

Die jüngste Auswertung fällt mir vor allem durch ein hohes Maß an Subjektivität auf. Die selbst gewählten Kriterien der Untersuchung werden nicht näher erläutert. Auch wird nicht klar getrennt zwischen der Kritik an der Berichterstattung durch Versicherer und der Kritik an den von Versicherern verfolgten Zielsetzungen. Die Auswertung hat schon insofern wenig Aussagekraft, etwa im Vergleich mit der Analyse der Nachhaltigkeitsberichte 2018 durch das öffentlich geförderte Institut für ökologische Wirtschaftsforschung. Mit immerhin fünf Versicherern unter den 30 besten Nachhaltigkeitsberichten von Großunternehmen findet sich hier ein überproportional hoher Anteil in der Stichprobe.

Allgemein gültige Begrifflichkeiten sind in Sachen Nachhaltigkeit bisher Mangelware: In dieser Situation ist es natürlich, dass Unternehmen zu sehr unterschiedlichen Einschätzungen und Ansätzen im Rahmen ihrer Nachhaltigkeitsstrategien und -berichterstattung kommen. Diese unterschiedlichen Vorgehensweisen sind nicht zuletzt ein Spiegelbild der ebenfalls sehr heterogenen Wertevorstellungen in der Bevölkerung.

Verantwortungsvolle Studien, die nicht bloß auf eine schnelle Schlagzeile zur Eigenwerbung aus sind, berücksichtigen diese Vielschichtigkeit und orientieren sich an klaren Vorgaben. Wenn es um die Auswertung der Qualität der Berichte zur Corporate Social Responsibility (CSR) unserer Branche geht, sollte daher vor allem die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben überprüft werden. Dabei könnte man zur Präzisierung die Leitlinien der EU-Kommission zur nichtfinanziellen Berichterstattung heranziehen. Diese sind zwar unverbindlich, aber dafür allen Versicherern im Vorfeld bekannt. Stattdessen haben Anfang vergangener Woche vor allem subjektiv gesetzte Maßstäbe Schlagzeilen gemacht, die den Anschein von Willkürlichkeit haben und den Unternehmen im Voraus nicht bekannt waren.

Ein Großteil der Versicherer will nachhaltige Investments ausbauen

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Das Thema Nachhaltigkeit geht uns alle an, ist jede unserer Bemühungen wert, heute und in Zukunft. Sichere und rentable Anlagen sind für uns Versicherer dabei ein Muss, damit wir die langfristigen Verpflichtungen gegenüber unseren Kunden erfüllen können. Nicht zuletzt hat die erwähnte Bafin-Studie auch gezeigt, dass ein Großteil der Versicherer die nachhaltigen Investments in Zukunft ausbauen will.

Bis zur Einführung einer allgemeingültigen Taxonomie für den Begriff der Nachhaltigkeit wird voraussichtlich noch einige Zeit vergehen. Bis dahin plädiere ich vor allem für einen verantwortungsvollen und methodisch sauberen Umgang mit dem Thema - auch angesichts von Studien, die eben aus dieser Not eine Tugend machen wollen.

Unsere Haltung zu nachhaltiger Kapitalanlage können Sie hier im Detail nachlesen.

Ihr

Jörg von Fürstenwerth

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