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Review Sol­vency II: Harte Zah­len statt sei­ten­wei­ser Prosa

Die Überprüfung von Solvency II läuft. Vieles kommt auf den Prüfstand: von den Kapitalanforderungen über das Reporting bis zur Proportionalität. Ein Aufsichtsrahmen darf keine Schönwetter-Regulierung sein – muss aber Wachstum und Innovation zulassen.

Die Ära Mario Draghi ist beendet. Während der Euro-Krise hat der Chef der Europäischen Zentralbank zweifellos überzeugt. Draghi steht aber bis heute auch für eine extrem lockere Geldpolitik, die mit großen Risiken verbunden ist, mit den bekannten Folgen für Sparerinnen und Sparer – und unsere Branche. Und allem Anschein nach wird sich mit Draghis Nachfolgerin Christine Lagarde an diesem Kurs wohl auf absehbare Zeit wenig ändern.

Rahmenbedingungen einer Regulierung, die der Zinsrealität Rechnung trägt

Das Thema beschäftigt natürlich auch die Aufsichtsbehörden: Versicherer müssten deutlich machen, wie stark die niedrigen Zinsen ihr Geschäftsmodell und damit ihren Beitrag zur Altersvorsorge gefährden, war erst vergangene Woche auf der Jahreskonferenz der Versicherungsaufsicht Bafin zu hören. Wir tun das stetig und eindringlich – sind aber vor allem an den richtigen Eckpfeilern eines Regulierungsrahmens interessiert, der dieser Zinsrealität Rechnung trägt und unserer Branche Luft zum Atmen lässt.

Passend dazu läuft gerade die Überprüfung von Solvency II an. Damit wurde die europäische Aufsicht EIOPA von der EU-Kommission beauftragt. Die Ergebnisse sollen Mitte 2020 vorliegen. Vieles kommt auf den Prüfstand: von den Kapitalanforderungen über das Reporting bis zur Proportionalität. Und sicher: Solvency II darf keine Schönwetter-Regulierung sein, sondern muss auch in schwierigen Marktphasen sinnvolle Ergebnisse liefern.

Bei den Kapitalanforderungen werden wir Verschärfungen nicht ausschließen können, womit wir wieder bei der eingangs erwähnten Zinsproblematik sind. Umso mehr werden wir darauf drängen, dass die EIOPA alle Themen wie Extrapolation, Volatilitätsentwicklung und Zinsrisiko im Zusammenhang betrachtet.

Bei der Anpassung der Berichtspflichten sollten zwei Ziele im Fokus stehen: Erstens müssen die derzeit überaus detaillierten Berichte dem Informationsbedarf der unterschiedlichen Adressaten – von Aufsichtsbehörden bis zu Versicherungskunden – besser gerecht werden. Damit einher geht zweitens eine stärker zielgruppenorientierte Berichterstattung, die tatsächlichen Nutzen für Aufsicht und Unternehmen stiftet. Denn Berichte, die nicht gelesen werden, tragen auch nicht zur Transparenz bei.

Bei den Berichten zur Solvenz- und Finanzlage (SFCR) hat die EIOPA schon vorgeschlagen, dass sie künftig adressatenorientiert gestaltet werden könnten. Ein erster Schritt. Der logische zweite wäre, die Berichte für die Fachöffentlichkeit vor allem auf quantitative Informationen auszurichten. Harte Zahlen statt seitenweiser Prosa.

Proportionalität sollte der Regelfall und nicht wie bisher Ausnahme sein

Gleiches gilt für die Stärkung der Proportionalität. Ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt. Mit dem Review 2020 kommt auch bei diesem Thema endlich Bewegung in die Sache. Auf dem Prüfprogramm steht vor allem eine Frage: Wie kann das Proportionalitätsprinzip in der Aufsichtspraxis mit Leben gefüllt werden? Unsere Antwort ist klar: wir brauchen klare und verlässliche Vorgaben, welche Erleichterungen unter welchen Voraussetzungen in Anspruch genommen werden können.

Was das heißt? Soviel wie nötig, aber eben auch so wenig wie möglich. Gute Regulierung muss ein hohes Maß an Sicherheit und Finanzstabilität gewährleisten; sie muss aber eben auch Wachstum und Innovation zulassen.

Ihr

Jörg von Fürstenwerth

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