Kolumne
Kolumne Review Sol­vency II

Lösung für die Corona-Krise? Wider die Kon­ven­tion!

Sicher: Wie sich die Corona-Krise langfristig auf die Solvenzquote der Versicherungsunternehmen auswirken wird, lässt sich aktuell schlecht abschätzen. Dennoch bin ich zuversichtlich, denn unsere Branche passt sich agil an die Krise an.

Die Folgen des Corona-Virus sind nach wie vor weitreichend: Wir sehen einerseits die Erwartungen nach Lockerungen im gesellschaftlichen Leben und andererseits treibt uns natürlich die Sorge um die Gesundheit. Das Ausloten eines guten Kompromisses zwischen wirtschaftlicher Prosperität sowie unser aller Wohlergehen und das unserer Familien beschäftigt Politik, Wirtschaft, die Gesellschaft.

Beispiel Norwegen: Das Land überweist sich eine Rekordsumme aus seinem billionenschweren Staatsfonds. Umgerechnet rund 38 Milliarden Euro sollten in diesem Jahr abfließen. Die wirtschaftlich schwierigen Zeiten legitimieren dieses Vorgehen, welches die vorgesehene Obergrenze deutlich übersteigt. Ein Staatsfonds weckt Begehrlichkeiten – auch wenn er vor allem für die Altersvorsorge der Bürgerinnen und Bürger gedacht ist.

Hufeld: „Übergangsvorschriften von Solvency II helfen uns – und vor allem der Branche – gerade sehr“

Beispiel Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin): Ihr Präsident Felix Hufeld hat gerade darauf hingewiesen: „Wir haben unsere aufsichtlichen Rahmenbedingungen denen der Krise angepasst.“ Mit Blick auf die Lebensversicherer stellt Hufeld klar: „Existenzbedrohend ist die Situation aber aus heutiger Sicht nicht. Zwar werden die Solvenzquoten wohl sinken. Das hat unsere Abfrage bei ausgewählten Lebensversicherern ergeben. Aber bei keinem dieser Unternehmen kommt es zu einer Unterdeckung. Was auch an der Flexibilität des Regelwerks Solvency II liegt, dessen Übergangsvorschriften uns – und vor allem der Branche – gerade sehr helfen.“

Flexibilität? Das bringt mich zur europäischen Versicherungsaufsicht Eiopa und damit zum dritten Beispiel: Eiopa hat auf ihrer Homepage einen neuen Zeitplan für die laufende Überprüfung des Aufsichtsrahmens Solvency II veröffentlicht. Der Grund: Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sollen berücksichtigt werden können. Der neue Zeitplan stellt einen Kompromiss dar, bei dem die aktuelle Krise Berücksichtigung findet, jedoch der gesamte Plan nicht zu weit nach hinten verschoben wird, damit geplante Änderungen an Solvency II umgesetzt werden können. Eiopa wird ihre Empfehlungen der EU-Kommission nun erst Ende Dezember 2020 vorlegen.

Ich meine: Diese geringfügige Verschiebung macht Sinn, um die Corona-Erfahrungen zu reflektieren. Viel länger sollte die Verschiebung allerdings auch nicht ausfallen, da es sich um einen regulären Überprüfungsprozess handelt und eine verlässliche Regulierung für die Planungssicherheit unserer Branche unerlässlich ist.

Sicher: Wie sich die Corona-Krise langfristig auf die Solvenzquote der Versicherungsunternehmen auswirken wird, lässt sich aktuell schlecht abschätzen. Natürlich gibt es eine Reihe von Belastungsfaktoren: Seit Jahresbeginn reduzieren fallende Aktien- und Anleihekurse bilanziell den Wert der Kapitalanlagen. Krisenbedingt kommt es zu weniger Neugeschäft, was zu weniger Prämieneinnahmen führt. Die versicherungstechnischen Rückstellungen könnten wegen der sinkenden Zinsen steigen. Auch das operationelle Risiko wird von Versicherungen betrachtet. All das kann bei der Bewertung der Solvabilität eine Rolle spielen und zu sinkenden Solvenzquoten führen.

Branche ist sich der Herausforderung durch die Corona-Epidemie bewusst

Dennoch bin ich zuversichtlich, denn unsere Branche passt sich agil an die Krise an: Die Solvenzquoten der Lebens- und Schaden-/Unfallversicherer waren vor Beginn der Krise auf einem auskömmlichen Niveau. Eine Auswertung der veröffentlichten ergänzenden Angaben aus den jährlichen Berichten über Solvabilität und Finanzlage SFCR zeigt, dass sich die Branche der Herausforderung durch die Corona-Epidemie bewusst ist: Versicherer setzen sich regelmäßig mit verschiedenen Szenarien, darunter auch Pandemie-Szenarien und deren Auswirkungen auf die Solvenzlage, intensiv auseinander. Versicherer gewährleisten durch neue digitale Prozesse und Arbeiten im Homeoffice den laufenden Geschäftsbetrieb. Außerdem verweisen die Unternehmen auf diverse Maßnahmen ihres Risikomanagements, beispielsweise die Absicherung von Aktienbeständen gegen Kursverluste.

Jörg von Fürstenwerth

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